Kommentar von Ines Kappert

Im Hintergrund: die Demo „Das Problem heißt Rassismus“. Bild: dapd
Das Pogrom von Lichtenhagen liegt zwanzig Jahre zurück. Zum Gedenken singen Kinderchöre Lieder aus aller Welt, ein Priester, ein Pfarrer und ein Imam sind zugegen, und auch Joachim Gauck reiste nach Rostock. Der Bundespräsident erklärt die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von damals zum „Brandmal“. Markig fordert der gebürtige Rostocker das für eine Demokratie Selbstverständliche.
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Nämlich: einen „wehrhaften Staat“, der sich das Gewaltmonopol niemals aus der Hand nehmen lassen dürfe. Auch Solidarität, die über Erinnerungsfeiern hinausreiche, sei vonnöten. Dabei ließ er sich nicht von „Linksautonomen“ stören, die „Heuchelei“ in sein Mahnen hineinriefen, rief, an die Adresse der Rechtsradikalen gerichtet, man habe keine Angst vor diesen.
Das hört sich ganz ordentlich an. Aber es bleibt ein fader Beigeschmack. Denn von Gauck fällt kein Wort über das Versagen der staatlichen Sicherheitsbehörden auch bei anderen rechtsradikalen Vorfällen. Stichwort Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), zehn bis heute unaufgeklärte Morde, einer davon in Rostock.

INES KAPPERT
ist Leiterin des taz-Meinungsressorts.
Foto: Wolfgang BorrsGauck vermeidet es, konkrete Verbindungen zur Gegenwart zu ziehen. Daran ändert sein Hinweis, „nicht irgendwie Gras“ über die Ereignisse wachsen zu lassen, wenig. So wird das Gedenken in Lichtenhagen zum Geschichtsunterricht, fern vom Rassismus im Jahre 2012. In den letzten Tagen konnte man von vielen Lichtenhagener Zeitzeugen lesen, die gar nicht daran denken, ihren Rassismus bedauerlich zu finden. Man solle aufhören, sie mit dem Thema zu belästigen.
Mindestens genauso schlimm: Die beliebte Übung, Täter in Opfer umzudeuten, erhielt jetzt Schützenhilfe von anderer Seite. So erläuterte der Chef der Innenpolitik der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Verantwortung für das schließliche Staatsversagen von damals trügen die „Sozialalchimisten und Romantiker“. Mit ihrer Idee vom „neuen Deutschen“ hätten sie die „Spießer“ unter Druck gesetzt, und dann passieren eben schlimme Dinge.
Siegesgewiss bricht der weltgewandte Meinungsmacher ein Tabu in unserer angeblich so unerträglich linksalternativen Gesellschaft: Die stets zum Scheitern verurteilte Idee vom deutschen Multikulturalismus ist die Ursache des Rassismus hierzulande. Jawoll! So weit die Geschichtsklitterung in der Mitte der Gesellschaft – ganz ohne Aktenschredder und Springerstiefel.
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Leserkommentare
28.08.2012 16:18 | Handkäs-Ede
Wenn ich ja Hoffnung hätte das Kommentatoren wie Pellkartoffel oder riddick geistig so aufnahmefähig wären ein Lexikon zur ...
27.08.2012 22:03 | Linus Blau
"Markig fordert der gebürtige Rostocker das für eine Demokratie Selbstverständliche. Nämlich: einen „wehrhaften Staat“, der ...
27.08.2012 19:00 | spin
manche kommentare kann man sich wirklich auf der zunge zergehen lassen. sie sind unfreiwillig so dermaßen supergeil, dass m ...