Kommentar Flüchtlingsunterkunft: Liberal bis zur Komfortzone
Es setzt der Verlogenheit die Krone auf, wenn sich der Widerstand gegen Flüchtlinge vor der Haustür unter dem Deckmäntelchen der Fürsorge für sie tarnt.
D ie Flüchtlings-Sammelunterkunft im Bremer „Viertel“ ist genau das richtige Signal – sogar in Zeiten, in denen Sammelunterkünfte eigentlich nicht mehr sein sollten. Denn anders als die meisten anderen Immobilien, die auf diesen Namen hören, entspricht sie eben nicht dem Klischee, das man damit verbindet: Es ist keine heruntergekommene Kaserne, in die Hunderte von Flüchtlinge gepfercht werden, irgendwo am Ende der Stadt, isoliert vom Rest der Bevölkerung und mit zwei Linienbussen am Tag.
Im Gegenteil: Sie ist verhältnismäßig klein, hat einen relativ guten baulichen Standard, liegt fußläufig zur Innenstadt und ihrer Infrastruktur – und mitten in einem funktionierenden Gemeinwesen. In einem Stadtteil, der von seiner Struktur her bürgerlich ist, in dem Nichtdeutsche aber dennoch ganz selbstverständlich zum Straßenbild gehören. Und in der Nähe von antirassistischen Initiativen und Treffpunkten.
Dass just jenes links-bürgerliche Milieu, in dem man immer stolz auf die eigene Liberalität gewesen ist, nun gegen die Flüchtlingsunterbringung vor der eigenen Haustür mobil macht, zeigt, wie weit diese Liberalität reicht: Bis zur eigenen Komfortzone. Es setzt der Verlogenheit die Krone auf, wenn sich dieser Widerstand unter dem Deckmäntelchen der Fürsorge für die Flüchtlinge tarnt. Wer je eine Flüchtlingsunterkunft gesehen hat, muss wissen, dass diese geeignet ist.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert