MODERNES LESEN: NEUE BÜCHER KURZ BESPROCHEN VON DIRK KNIPPHALS

Abwehrleser

Uwe Justus Wenzel (Hg.): „Der kritische Blick – Über intellektuelle Tätigkeiten und Tugenden“. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2002, 188 Seiten, 12,90 €

Dies Buch fasst eine Essayserie der Neuen Zürcher Zeitung zusammen, die, betreut durch den Redakteur Uwe Justus Wenzel, mal wieder nach den Bedingungen und Möglichkeiten des kritischen Intellektuellen fragte. Ralf Dahrendorf, Karl Heinz Bohrer, Ian Buruma, Heinz Bude, Dirk Baecker, Wolfgang Sofsky, Christina von Braun und andere machten mit. Auf knappem Raum kann man hier erfahren, was derzeit gerade so über Intellektuelle gedacht wird – das Buch ersetzt den Besuch von mindestens drei Tagungen auf einer evangelischen Akademie.

Sehr spannend darin ist ein Schlagaustausch, den sich die deutschen Vertreter dieser Zunft mit ihrem amerikanischen Kollegen Michael Walzer liefern. Und zwar bestreitet der amerikanische Soziologe Walzer, dass man eine Theorie im Rücken haben muss, um ein guter Gesellschaftstheoretiker sein zu können; für ihn reichen Mut (aber kein Spaß an wohlfeiler Provokation), Mitleid (aber keine unkritische Übernahme von Opferperspektiven) und ein „gutes Auge“, wobei er folgendes meint: Er spricht von seinem „Glauben, dass einige Leute eine größere Bereitschaft haben als andere, auf die Welt zu sehen und zur Kenntnis zu nehmen, was sie sehen; und diese Bereitschaft scheint mir eine moralische Qualität zu sein, eine Art realistischer Aufmerksamkeit.“ Für ihn reichen diese Bestimmungen zur Gesellschaftskritik aus.

Vor allem der Frankfurter Philosophieprofessor Axel Honneth argumentiert dagegen an. Kurz zusammengefasst bezieht er die Position, dass Walzer nur heutige Feuilleton-Intellektuelle beschreibe, aber eben keine wahren Gesellschaftskritiker. Die „normalisierten Intellektuellen“, so nennt Honneth die Feuilletonisten, müssten stets anschlussfähig bleiben; Gesellschaftskritiker dagegen müssen Außenseiter sein, Honneth bezieht sich auf die Wendung vom Leben in einem „inneren Ausland“. Nur so könne man „die Struktureigenschaften der Verfassung einer sozialen Sphäre im Ganzen“ in den Blick bekommen. Will sagen: Walzer geht ihm zu wenig in die Tiefe. Meine Sympathien liegen eher auf Walzers Seite, aber das ist natürlich ein weites Feld. Im Rahmen einer Kurzbesprechung lässt sich zumindest sagen, dass man anhand der Essays von Walzer und Honneth einen sehr guten Einblick in die Unterschiede amerikanischer und deutscher Intellektuellentraditionen erhalten kann, übrigens auch stilistisch. Walzer schreibt einfach viel lockerer.

Jonathan Franzen: „Anleitung zum Einsamsein“. Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte. Rowohlt Verlag, Reinbek 2002, 320 Seiten, 15 €

Jonathan Franzens Roman „Die Korrekturen“ ist in den vergangenen Monaten viel gelobt und zweimal scharf kritisiert worden. Einmal von Iris Radisch in der Zeit – sowieso assoziiert die Literaturchefin ja bei Büchern, auf die sie das Realismus-Etikett kleben kann, ständig unaufgearbeitetes Festhalten an kleinfamiliären Mustern. „Papas Realismus“, so heißt denn hier auch der Vorwurf; als ob man sich nicht auch bei dezidiert antirealistischen Erzählkonzepten längst auf ältere Generationen berufen könnte. Papa war nämlich auch mal ziemlich avantgardistisch!

Zum zweiten hat sich Mariam Lau im aktuellen Merkur der „Korrekturen“ angenommen. Sie ordnet Jonathan Franzen umstandslos in ein „Quartett junger Salon-Apokalyptiker“ ein, zusammen mit seinen Kumpels und Schriftstellerkollegen David Foster Wallace, Donald Antrim und Rick Moody. Mariam Lau zufolge schreiben diese vier – im schönsten Gegensatz zur Analyse von Frau Radisch – „gruselige Familienporträts“, wobei „alle Autoren sich zugleich reinwühlen und schadlos halten wollten“. Das ist Mariam Lau dann irgendwie zu düster (während Iris Radisch so etwas ja eigentlich immer ganz toll findet, nur eben bei Franzen nicht sehen kann). Ganz am Schluss ihrer Abrechnung hält sie sich aber doch ein Hintertürchen offen. Es gebe bei Franzen auch hübsch ironische Passagen rund um das Seminar „Konsum oder Kritik“, das eine der Hauptfiguren abhält; wenn Franzen die selbstironisch gemeint habe, „dann wird alles gut werden“.

Horst Kurnitzky: „Die unzivilisierte Zivilisation – Wie die Gesellschaft ihre Zukunft verspielt“. Campus Verlag, Frankfurt a. M./New York 2002, 258 S., 24,90 €

Horst Kurnitzky beackert als Essayist den Bereich der Kultur- und Gesellschaftskritik. Diesbezüglich nimmt sich der Titel seines Buches natürlich avanciert aus. Um es aber kurz zu machen: Er trifft im Grunde gar nicht. Eher geht es Kurnitzky darum nachzuweisen, dass wir auf dem Weg zurück zu einer vorzivilisierten Gesellschaft sind. Die Idee des freien Individuums schert heute niemanden mehr, die staatlichen Institutionen brechen zusammen, ein jeder kämpft gegen jeden, so seine Diagnose. So weit, so gut.

Das Buch besteht nun allerdings leider aus einem dumpfen Aufzählen immer neuer apokalyptischer Bilder: immer mehr Gewalt auf den Straßen, Sozialdarwinismus zerstört alle Bindungen – wirklich alle Bindungen? Ja, alle Bindungen –, der soziale Zusammenhalt längst zusammengebrochen, die Weltkultur durch wenige US-Konzerne vereinheitlicht … will sagen: Für Horst Kurnitzky leben wir in der Hölle. Nur ein kurzes Zitat: „Schon die Kleinkriege unter Jugendbanden und die wachsende Zahl von bewaffneten Konflikten in den Metropolen der Dritten und Ersten Welt zeigen zumindest statistisch, dass gewaltförmige Auseinandersetzungen ganz allgemein zunehmen.“ Hübsch natürlich die Gleichsetzung der Dritten mit der Ersten Welt. Sagen wir Ruanda und Hamburg-Eppendorf, eh alles derselbe Dschungel.

Man muss das alles gar nicht zu sehr auswälzen. Kolportieren möchte ich aus diesem Anlass nur meine Idee, doch mal drei Mindestansprüche an neoliberalismus- und globalisierungskritische Studien festzulegen – auf diesem Ticket läuft Horst Kurnitzky nämlich –, sonst wird das ganze Genre von interessierter Seite bald nur noch für gedanklicher Tinnef gehalten.

Erstens: Die „Es wird immer schlimmer“-Rhetorik wird durch eine Wahrnehmung ambivalenter Entwicklungen und Ausdifferenzierungen zumindest abgefedert. Zweitens: Die Annahme, dass der Mensch des Menschen Wolf sei, der in einem gesellschaftsfreien Raum übereinander herfallen würde, wird als gedankliches Konstrukt zumindest reflektiert. Man darf diese These mit einer eigenen Geschichte („Leviathan“, „Herr der Fliegen“ usw.) verwenden, sollte sich dabei aber bewusst sein, dass man damit bestreitbare theoretische Grundannahmen macht. Drittens: Es gibt zumindest ansatzweise Vorstellungen davon, was für einen Sprechakt man vollziehen will. Bücher wie das hier erwähnte, in denen es erkennbar nur darum geht, der bösen kapitalistischen Welt aber mal so was von die Meinung zu sagen, werden nicht als Verbündete behandelt.

Tschuldigung, aber das musste nach diesem Buch mal sein.

Hat er, wird also schon, da darf man sich nach der Lektüre der Essays von Jonathan Franzen sicher sein. In diesen Gelegenheitsarbeiten und Standortbestimmungen – im Wesentlichen entstanden in den Jahren 1994 bis 1997, als Franzen offensichtlich nicht recht gewusst hat, wie es mit seinem Schreiben weitergeht – finden sich zwar zugegeben durchaus kulturreligiös angehauchte Sentenzen. Aber eben auch andere, in denen er sehr ironisch auf sich gucken kann.

Einmal fasst er das „populäre Kunstplädoyer“ so zusammen: „Im Groben besagt es, dass Technologie höchstens trösten, Kunst aber heilen kann.“ Dann Franzen: „Ich gebe zu, dass ich anfällig bin für dieses Argument.“ Nur: „Ich behalte das möglichst für mich.“ Wenn man Franzens poetologische Position in diesen Essays auf einen Nenner bringen will, wäre es der eines Schwankens: Noch hält Franzen an einem ästhetischen Fundamentalismus fest, an den er früher wohl auch einmal unbedingt geglaubt hat. Aber er glaubt inzwischen auch schon, dass er eine Sackgasse darstellt, und will schlicht auch kein isolierter Künstler sein, der nur noch ablehnend auf die Gegenwart reagieren kann. Wer will, kann aus den Essays einen ganzen Bildungsroman herauslesen: vom Avantgardekünstler bis hin zum teilnehmenden Beobachter. Aber ganz klar hat das Franzen in diesen Stücken noch nicht.

Fred Sellin: „Ich bin ein Spieler – Das Leben des Boris Becker“. Rowohlt Verlag, Reinbek 2002, 352 Seiten, 19,90 €

Und wo waren Sie am 7. Juli 1985? Ein Bekannter erzählte mal nur halb ironisch, dass er an diesem denkwürdigen Tag das Spiel seines Lebens gespielt habe. Der Aufschlag kam, die Vorhand saß, alles klappte – und doch hat die ganze Welt an diesem Tag nur auf Boris Becker geschaut, der einige Stunden später zum ersten Mal das Tennisturnier in Wimbledon gewann, in 3:1-Sätzen gegen Kevin Curren.

Was hat Boris Becker, was ich nicht habe? So lässt sich die leitende Fragestellung zusammenfassen, mit der sich der Hamburger Autor Fred Sellin an die Lebensbeschreibung dieses herausragenden Sportlers macht. Tennisfan ist Sellin dabei offensichtlich nicht; mit der Schilderung selbst der großen Spiele hält er sich nicht lange auf. Dafür versucht er, dem Phänomen Becker auf die Spur zu kommen, und lässt dafür auf eine beinahe schon tapfer zu nennende Weise alle Ansätze Revue passieren, mit denen das vielleicht gelingen könnte. Was man nach Lektüre dieses Buches dankbar gelernt hat ist, dass alle diese Ansätze defizitär bleiben.

Zum Beispiel funktioniert die Erzählung vom Tenniswunderkind, das sich selbst erfand, bei Licht besehen nicht recht. Keineswegs setzte der Tennisboom in Deutschland mit Boris Becker (und Steffi Graf) ein; er war – erfährt man alles bei Sellin – schon vorher angeschoben worden, so dass es umfangreiche Sichtungs- und Fördermaßnahmen gab, während denen Beckers Talent auch tatsächlich früh erkannt wurde. Fred Sellin verwendet einigen Aufwand darauf, Beckers ersten Trainer Boris Breskvars dem Vergessen zu entreißen. Offenbar ist Becker jedenfalls von Anfang an auf eine optimale Förderung gestoßen.

Auch die Erzählung vom genialen Verkäufer seiner selbst kommt schnell an ihre Grenzen. Denn das hat nicht Boris Becker himself, das hat Ion Tiriac getan. Hübsch ist, wie Sellin immer wieder vermeidet, Becker direkt dumm zu nennen, aber viel scheint er von seinen Geisteskräften nicht zu halten („mangelnde Gedankenkonstanz“). Sellin legt es keineswegs darauf an, seinen Gegenstand auf Teufel komm raus zu entzaubern – und doch steht der bald vollkommen unglamourös da.

Natürlich hätte man das Phänomen auch zum großen Roman vom Aufstieg und Fall des Tennishelden hochschreiben können. Aber in einem hat selbst Boris Becker offensichtlich nicht die Maßstäbe in Deutschland verrücken können: Mit unseren Stars gehen wir sehr redlich um.

An einer Stelle seines inzwischen legendären „Harper’s-Essay“, der natürlich auch in dem Band abgedruckt ist, bezieht sich Franzen auf eine Studie von Shirley Brice Heath. Die Linguistin hat viele Leser befragt und den Typus des „Abwehrlesers“ erfunden. Das sind Leser, die als Kinder Einzelgänger waren und in Büchern eine Fantasiewelt fanden, die sie mit niemandem teilen können. Aus diesen Abwehrlesern entstehen, Frau Heath zufolge, häufig Schriftsteller des „antisozialen“ Typs – auf die deutschen Verhältnisse übertragen wären das wohl diejenigen, die ständig „Gegenbücher“ schreiben müssen.

Jonathan Franzen, scheint’s, ist ein Abwehrleser, der sich dagegen wehrt, ein antisozialer Schriftsteller sein zu müssen.