maria schild

Die Märchenerzählerin

Vom Ursprung der Völker

In alter Zeit waren die Winter sehr streng. Einmal erhob sich ein schrecklicher Schneesturm. Die Leute wagten nicht einmal aus dem Zelt herauszublicken. Gänse und auch die verschiedenen anderen Vögel gruben sich mit dem Kopf in den Schnee ein. Ein Mensch aber erwies sich als tapfer. Er beschloss, ein warmes Land zu suchen, und machte sich auf den Weg. Lange irrte er herum, bis er endlich in wärmere Gegenden kam. Er kehrte zu seinen Leuten zurück und sprach: „Ich habe einen guten, warmen Ort gefunden.“ […]

Auch die Leute vom Stamm jenes Menschen, der die Kunde gebracht hatte, begannen sich für die Fahrt zu rüsten. Er aber sprach: „Ihr habt meine Kunde gehört“, und ging selbst nicht fort. Er nähte sich einen warmen Pelz, um sich vor der Kälte zu schützen, und verwandelte sich in ein Pelztier. Die Leute aber gingen alle miteinander fort. Sie blieben zusammen, sie suchten den Weg ins warme Land.

In den alten Zeiten hatten die Leute Pfeil und Bogen als Waffe und auf dem Weg schossen sie Wild für ihre Nahrung. Um die Pfeile gut und genau ins Ziel zu bringen, befestigten sie am unteren Ende des Pfeils Adlerfedern. Als sie einmal einen Adler erlegt hatten, begannen sie seine Federn zu verteilen. Dabei fingen sie an zu streiten. Einer sprach zum anderen: „Du hast mir zu wenig Federn gegeben, ich werde jetzt nicht mehr mit dir sprechen.“ Jeder wandte sich ab vom anderen und begann in einer anderen Sprache zu reden. Und so entstanden die Jakuten, die Samojeden, die Tschuktschen und viele andere Völker. Und so kamen die vielen verschiedenen Sprachen in die Welt.

Text aus Maria Schild: „Blaue Karawane“. Band 1. Von Moskau an den Amur, ISBN 3-89930-022-X, 80 Seiten, gebunden; 14,90 € Maria Schild wird auf den Berliner Märchentagen (14. bis 24. November) von ihren Begegnungen mit den Bewohnern Sibiriens und deren Kultur erzählen. Programm unter: www.berliner-maerchentage.de