Ein Zeuge, kein Held

Roman Polanskis Spielfilm „Der Pianist“ schildert, wie der jüdische Musiker Wladyslaw Szpilman das Warschauer Ghetto überlebte. Polnische Kritiker mögen den Film nicht: „Man möchte mehr fühlen“

von GABRIELE LESSER

Roman Polanski hatte die Filmfestspiele in Cannes schon verlassen, bevor die Preise verliehen wurden. Damit er die „Goldene Palme“ für seinen Film „Der Pianist“ in Empfang nehmen konnte, musste er daher aus Paris zurückgeholt werden. Nach den eher negativen Kritiken hat der 69 Jahre alte Regisseur nicht mehr damit gerechnet, mit einem der bedeutendsten europäischen Filmpreis ausgezeichnet zu werden.

Insbesondere ein langes Interview mit Adam Michnik, dem Chefredakteur von Polens bedeutendster Tageszeitung Gazeta Wyborcza, verunsicherte ihn. Michnik nämlich fürchtete, dass in Polanskis Film wie schon zuvor in Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ ein „guter Deutscher“ der Held sein könnte und die katholischen Polen nur in einer undankbaren Statistenrolle gezeigt würden. Darum versicherte Polanski auch in Cannes: „Ich erhalte diesen Preis für einen Film, der Polen repräsentiert. Dies ist ein polnischer Film.“

Doch die meisten Kritiker in Polen sehen das anders. „Dies ist kein polnischer Film!“, urteilte nicht nur der Schauspieler Krzysztof Pieczynski in einer Sendung des Polnischen Radios. Zwar hat Polanski in „Der Pianist“ die Geschichte des jüdischen Musikers und bekannten Schlagerkomponisten Wladyslaw Szpilmans verfilmt, der als Einziger seiner Familie das Warschauer Ghetto überlebte, weil ihm mehrere Polen und ein Deutscher halfen. Der ganze Film spielt also in Warschau. Noch dazu beruht er auf einer wahren Geschichte. Doch die Kritiker erwarteten etwas anderes, eine Art Schlüsselfilm zu Polanskis Leben. Hat der Filmemacher nicht selbst immer wieder betont, dass „Der Pianist“ sein „persönlichster Film“ sei?

Drei Jahre vor Kriegsausbruch kam Roman Polanski mit seinen Eltern aus Frankreich nach Polen. 1940 sperrten die Nazis alle Juden Krakaus ins Ghetto auf der nördlichen Seite der Weichsel. Roman, damals ein kleiner Junge, konnte fliehen und sich bei polnischen Bauern auf dem Land verstecken. Seine Mutter starb in Auschwitz, sein Vater überlebte das Konzentrationslager Mauthausen.

Im Film, der den Überlebenskampf Wladyslaw Szpilmans im Warschauer Ghetto zeigt, spielt Polanski mit keiner Szene auf seine Erlebnisse an. Es gibt auch keine Ebene philosophischer Reflexion, keinen moralischen Zeigefinger. Polanski schildert einfach das Leben und Überleben eines anderen in einem anderen Ghetto. Enttäuscht schreibt daher Polens bedeutendster Filmkritiker Tadeusz Sobolewski in der Gazeta Wyborcza: „Ich habe den Eindruck, dass Polanski sich unnötig hinter Szpilman versteckt und sich nur an wenigen Stellen erlaubt, selbst zu Wort zu kommen.“

Sobolewski stört sich wie Wieslaw Kot vom Nachrichtenmagazin Wprost daran, dass Szpilman auch in Todesgefahr nie zum Helden wird, sondern immer der Pianist bleibt, der versucht, sein Leben zu retten. Das sei zwar auch in Szpilmans Autobiografie so, aber – so Sobolewski – „60 Jahre nach diesen Ereignissen möchte man mehr wissen und fühlen. Das Absurde ist ein zu einfacher Dietrich, und die Hoffnung am Ende des Films zu schwach. Der Rest ist Kommerz.“ Auch Wieslaw Kot hat nur vernichtende Kritik für den Film übrig. Es handele sich um eine Art „historische Nachhilfe, die beim Zuschauer keinerlei Gefühle aufkommen“ lasse. Nach der „Schulstunde“ könne man Fußballspielen gehen.

Tatsächlich ist Polanskis Film weit entfernt von den polnischen Heldenfilmen, die die Altmeister Andrzej Wajda und Jerzy Hoffman in den letzten Jahren gedreht haben. Im jüdischen Monatsmagazin Midrasz weist denn auch Piotr Pazinski darauf hin, dass nur ein kühl erzählter Holocaustfilm den Schmerz erträglich mache und es den Zuschauern ermögliche, eigene Gefühle zu entwickeln. Allerdings müssten diese das auch zulassen und nicht darauf warten, die Gefühle des Helden einfach übernehmen zu können. Ohnehin sei Szpilman kein Held, da er nur zufällig überlebe. Er sei ein Zeuge des Grauens.

In der Schlussszene sitzt der Pianist wieder am Klavier und spielt Chopins Nocturne in cis-Moll – wie zu Beginn des Films –, als eine Bombe im Warschauer Rundfunkhaus einschlägt und das Konzert beendet. Er sitzt dort, spielt Chopin und lächelt sogar – als sei in den vergangenen sechs Jahren nichts geschehen, als hätten die Nazis nicht seine ganze Familie ermordet, seine Freunde, Bekannten, Nachbarn. Während die meisten polnischen Kritiker Polanski ein billiges Happyend vorwerfen, ist für Pazinski klar, dass diese Szene für die vermeintliche Normalität steht, in der sich Juden nach dem Überleben der Ghettos und Konzentrationslager einrichten mussten. Dass Szpilman ein Gezeichneter ist, dem die Außenwelt dies nicht unbedingt ansieht.

Pazinski hält es für möglich, dass diese Szene für Szpilman wie für Polanski von wesentlich größerer Bedeutung sei als für die meisten Zuschauer: Die hätten Probleme damit, die Szene richtig zu deuten. Szpilman habe seine Erinnerungen direkt nach dem Krieg aufgeschrieben und danach nie wieder über die Zeit im Ghetto gesprochen. Und auch Polanski habe es nicht fertig gebracht, einen Film zu drehen, der in Krakau im Zweiten Weltkrieg gespielt hätte. Es gebe Grenzen des Aushaltbaren. „Die Szene in der Philharmonie ist symbolisch zu verstehen – als ein Triumph des Lebens und der Kunst über den Tod und die Vernichtung“, schreibt Pazinski.

„Der Pianist“. Regie: Roman Polanski. Mit Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Frank Finlay u. a. Polen/ Deutschland/ Frankreich/ Großbritannien 2002, 148 Minuten