Menschenrechtlerin mit Akte

Anetta Kahane, prominente Vorkämpferin für eine Zivilgesellschaft im Osten, war IM bei der Staatssicherheit

Die Mauer war kaum verschwunden, da fiel Anetta Kahane den neugierig in Ostberlin umherblickenden Westberlinern schon als eine der glühendsten VerfechterInnen von Menschenrechten im neuen Deutschland auf. 1990 wurde sie erste und letzte Ausländerbeauftragte in Ostberlin. Wortstark und unbeugsam engagierte sie sich als Fürsprecherin der stimmlosen Vertragsarbeiter aus Mosambik und Vietnam. Mit der Vereinigung musste sie ihren Platz räumen und der Westberlinerin Barbara John Platz machen.

Spätestens seit Mitte der Neunzigerjahre geht in der Debatte um eine mühsam entstehende demokratische Kultur in der ostdeutschen Provinz nichts mehr ohne sie. Gemeinsam mit Bernd Wagner gründete die 48-Jährige die Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA), das Zentrum Demokratische Kultur und die renommierte Antonio-Amadeu-Stiftung, die Initiatven gegen rechtsextreme Gewalt unterstützt. Vor sechs Wochen wurde sie für ihr Engagement mit dem Moses-Mendelssohn-Preis geehrt.

Und nun? Anetta Kahane, heute 48 und eine, die in keiner Lebenslage um eine Antwort verlegen ist, die keinen Streit auslässt und für ihre Sache auch dann noch kämpft, wenn alle anderen schon den Raum verlassen haben, war bei der Stasi. Von 1974 bis 1980, sechs Jahre lang, gab sie auf Nachfrage zu, war sie, die damals in Rostock Lateinamerikanistik studierte, IM. Mit 19 ließ sie sich anwerben, weil sie, deren Eltern aus politischen wie antisemitischen Gründen NS-Verfolgte waren, die DDR auch als eine Art antifaschistischen Schutzraum empfand.

Man habe von ihr, sagt sie der taz, Informationen über „entfernte Bekannte“ sowie über „ausländische Journalisten“ einholen wollen. Unregelmäßig und unzuverlässig sei sie zu Treffen nach Berlin gefahren, habe aber nie etwas Interessantes erzählt. „Ich habe wirklich niemandem geschadet“, sagte sie der taz.

Als sie 1980 von einem Auslandsstudium in São Tomé zurückkehrte, brach sie den Kontakt ab. Fragt man sie, warum nicht früher, sagt sie: „Natürlich hätte ich mich früher empowern sollen. Heute weiß ich das auch.“ Wer nicht in der DDR gelebt habe, könne das kaum beurteilen. Und auch der letztlich erfolgte Ausstieg sei „schwer genug“ gewesen: „Dass ich fortan in der DDR nichts mehr werden würde, musste mir klar sein – und so war es dann auch.“

Unklar ist seit ein paar Tagen, was in der Bundesrepublik aus ihr wird. Die Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner würde Anetta Kahane gerne als Nachfolgerin Johns für das Amt der Ausländerbeauftragten gewinnen. Dazu hatte Kahane sich schon vor ihrem Stasi-Outing eher verhalten geäußert und sich Bedenkzeit erbeten. Noch hält Knake-Werner ungeachtet der IM-Vergangenheit an ihr fest. Ob sie das Angebot dauerhaft aufrechterhalten wird, darf aber wohl als offen gelten.

Unbestreitbar ist hingegen, dass keiner der jetzt bekannt gewordenen Vorwürfe auch nur eines der enormen Verdienste Kahanes für das, was sie „Aufbau der Zivilgesellschaft im Osten“ nennt, schmälert. Zu fragen bleibt aber, ob die streitbare Vorkämpferin für die Rechte von Minderheiten aller Couleur sich nicht einen enormen Gefallen getan hätte, zu einem früheren Zeitpunkt und von sich aus die Flucht nach vorn anzutreten.