Die beiden Farben der Macht

Es sind bewährte Zutaten: ein toter Familienpatriarch, der ein Rätsel hinterlässt, ein Mafiapate, der stilsicher beim Begräbnis auftaucht, ein Sohn, der seine Existenz aufs Spiel setzt, um das Geheimnis zu lüften. Die Intrigen reichen bis ganz nach oben, eine Leiche ist nicht das, was sie scheint, und einmal wird nachts auf dem Friedhof eine Kiste ausgegraben. „Schachmatt“ ist ein intelligenter Thriller um die Verquickung von Justiz und Verbrechen; gemessen an den Vorgaben des Genres gleicht er bemerkenswert seinem Erzähler, dem etwas melancholischen und sehr moralischen Talcott Garland: kompetent, mit brillanten Momenten, aber auch ein klein wenig bieder. Er bringt einen nicht um den Schlaf, der erste Roman von Stephen L. Carter.

Trotzdem war er seinem amerikanischen Verleger 4,2 Millionen Dollar wert, wobei sicher nicht ganz unwichtig war, dass der Debütant ein hoch angesehener Juraprofessor der Yale-University ist. Und weil Garland, seine Erfindung, ebenfalls Juraprofessor an einer Elite-Uni ist – vor allem aber: weil beide schwarz sind – wurde das Buch schon vor seinem Erscheinen als Schlüsselroman gehandelt.

Was natürlich Quatsch ist: Garland ist nicht Carter. Aber Garland ist Angehöriger einer gesellschaftlichen Gruppe, die man bisher in realistischer Literatur lange suchen musste: Er gehört zur afroamerikanischen Oberschicht – der Welt der schwarzen Reichen und Mächtigen von der Washingtoner „Goldküste“ mit ihren Sommerhäusern auf Martha’s Vineyard, ihren deutschen Limousinen und ihrem Misstrauen gegenüber weißen Liberalen. Keine Sportler oder Rapper, wie es das gängige Bild will, sondern Banker, Akademiker und Anwälte. Die Karrieren und politischen Sensibilitäten der schwarzen Bourgeoisie nehmen viel Raum ein. Es ist dieses ethnografische Fenster, das den Roman in den USA zu einem Buchklub-Favoriten machte.

Talcott Garland ist ein unfreiwilliger Detektiv: Ganz plötzlich hat er eine Mission und einen handfesten Loyalitätskonflikt. Auf der einen Seite ist sein übermächtiger Vater, der als extremer Konservativer unter Reagan schon für das Amt eines obersten Richters nominiert war, bevor seine Verbindungen zu dem zwielichtigen Jack Ziegler aufflogen, einem wahnsinnig reichen mutmaßlichen Mörder, der „in die meisten politischen Skandale der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwickelt“ war. Der Richter stirbt, doch er hat „Vorkehrungen“ getroffen, hinter denen Ziegler, das FBI, ein ehemaliger CIA-Mann und eine unbestimmte Zahl weiterer Interessenten her sind. Nur Talcott kann das Rätsel lösen – so will es der Plan des Vaters. Und er ist ein guter Sohn. Stur macht sich der Professor auf die Suche nach der Wahrheit über den alten Garland und findet allerhand Anlass für Betrachtungen über den Zustand von Amerikas „dunkelhäutigerer Nation“.

Sein „Vater mit seinem Hochmut gegenüber den ‚anderen Negern‘“ und seine „Mutter mit ihren elitären Vereinigungen“, denkt er wütend, „lebten in einem dunklen Abbild der weißen Gesellschaft, ahmten in ihrem verzweifelten Statusstreben sogar die rassistischen Attitüden der hellhäutigeren Nation nach.“ Talcott fühlt sich schuldig in seiner Oberklassenhaut und nutzt selbst die Verschnaufpause einer Verfolgungsjagd für eine „Ablasszahlung“ an einen obdachlosen Schwarzen. Carter macht ihn zum schwachen Gerechten im Sündenpfuhl individueller Ambitionen und lässt ihn zur Stärkung der Moral einen Baptistenpfarrer aufsuchen. Der Ausweg liegt im Glauben.

Carter bemüht sich redlich, alles – Thriller, Milieustudie und die Denksportaufgabe eines alles übergreifenden Schachspiels – zusammen flottzukriegen. Die Kapitel beginnen regelmäßig mit einem Appetithäppchen und schließen oft mit einem Cliffhanger à la „Ich weiß, wer den verschwundenen Bericht gelesen hat“. Er lässt es uns nur nicht wissen, zumindest nicht auf den nächsten hundert Seiten. Meist hat er einen fest an der Angel, manchmal aber hat man dann nach einer Weile vergessen, worauf man eigentlich Appetit hatte.

„Schachmatt“ ist ein Thriller in slow motion: Er lässt Leser dem ein wenig zu viel Zeit, und dadurch wirken die Effekte zuweilen so kalkuliert, als wäre der Roman schon das Drehbuch. Die Verfilmung ist jedenfalls bereits ausgemachte Sache. Will Smith hat Interesse an der Hauptrolle angemeldet. Obwohl Denzel Washington besser passen würde.    KARSTEN KREDEL

Stephen L. Carter: „Schachmatt“. Aus dem Englischen von Jobst-Christian Rojahn und Hans-Ulrich Möhring. List, München 2002. 859 S., 24 €