Der Krieg der bunten Bilder

Lauter Superhelden: Michael Chabon erzählt in seinem neuen Roman „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“ von der Blütezeit der Comickultur im Amerika der Vierziger- und Fünfzigerjahre

Joe Kavalier ist ein Mann mit einer Mission. Er will seine Familie aus dem von den Nazis besetzten Prag nach New York holen. Und er führt den Krieg gegen Deutschland, vor dem Amerika sich zunächst noch scheut: mit seinen Comicfiguren, die er Tag und Nacht zeichnet, vor allem dem Superhelden „Eskapist“, einem Entfesselungskünstler mit übernatürlichen Kräften, der den Diktator Attila Haxoff an allen Fronten bekämpft. Und Kavalier führt Krieg, indem er Deutsche auf den Straßen New Yorks entdeckt, beschimpft und schließlich auch das Büro der Arisch-Amerikanischen Liga kurz und klein haut. Als er jedoch eines Tages, inzwischen ist Amerika in den Krieg eingetreten und Kavalier Soldat geworden, auf merkwürdige Weise einen Deutschen tötet, fühlt er sich schlechter denn je: „Nichts, was ihm je zugestoßen war, […] hatte sein Herz je so furchtbar zerbrochen wie die Erkenntnis auf halbem Weg zur raureifüberzogenen Zinkluke der deutschen Station, dass er eine Leiche hinter sich herzog.“

Joe Kavalier ist einer der beiden Helden von Michael Chabons neuem Roman mit dem bezeichnenden Titel „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“, seinem dritten und ambitioniertesten nach „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ und „Wonderboys“. Dieser handelt von der Blütezeit der Comickultur im Amerika der Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre. Zahllose allmächtige Superman-Epigonen drängten damals an die Kioske und ließen ihre Erfinder und Verleger reich und manchmal berühmt werden. Es war eine gute Zeit für Comicproduzenten, es war eine gute Zeit auch für Amerika kurz nach der schweren Depression in den Dreißigern, und es war eine schwierige, widersprüchliche Zeit, gerade vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges.

Chabon erzählt nicht nur vom goldenen Zeitalter des Comics, sondern er entwirft ein vielschichtiges, großformatiges Gemälde des Amerikas der Vierziger- und Fünfzigerjahre. Mittelpunkt dieses Amerikas ist New York, eine Stadt, deren Wirtschaft gerade wieder erstarkt; eine Stadt, die in diesen Tagen für viele Europäer, Juden zumal, „die Stadt der Freiheit und des Swings“ ist und in der sich viele Schicksale aus der alten Welt kreuzen; eine Stadt, „in der die großen Big Bands ihren schmalzigen, ekstatischen Höhepunkt in den hoteleigenen Ballsälen erreichten“. Kavalier und sein Kompagnon und Cousin Sammy Clay symbolisieren in dieser Stadt die alte und die neue Welt; der jüdische Flüchtling aus Prag, der versteckt in einem Sarg nach Amerika kommt; und der kleine, nicht besonders gut aussehende jüdische Junge aus Brooklyn, der zwar Dos Passos, Wolfe und Stevenson liest, dessen heimliche Leidenschaft aber Billigromanen wie The Avenger und Doc Savage gilt. Beide machen sie als Texter-Zeichner-Gespann Karriere mit ihrem Eskapisten, und beide bewundern sie den Verwandlungs- und Entfesselungskünstler Houdini. „Clark Kent in einer Telefonzelle und Houdini, das ist für mich ein und dasselbe“ erklärt Sammy ihren Erfolg: Houdini als Gottvater von Superman, Batman oder eben dem Eskapisten, so lautet die Theorie Chabons.

Es ist toll, wie Chabon die Ebenen miteinander verbindet, die Geschichten der Comicfiguren durchdringen lässt mit denen ihrer Erfinder („der Saboteur“ und der Nazi Carl Ebling, „Luna Motte“ und Joes Freundin Rosa), und wie gerade auch die Charaktere von Kavalier und Clay viel von den Superhelden und von Houdini haben: Kavalier, der das comictypische Wechselspiel von Gut und Böse am eigenen Leib spürt. Was wäre der Eskapist ohne das Böse auf der Welt? Der voller Schuldgefühle steckt, da er der einzige Überlebende seiner Familie ist; und der sich bald in den Höhen des Empire State Builidings versteckt. Und eben Clay, der kleine Eckensteher und Traumtänzer, der homosexuell ist und nach dem spurlosen Verschwinden Kavaliers dessen Freundin ehelicht; ein Mann, der sich selbst nicht wirklich befreien kann, der Scheiterer und edler Superheld in einer Person ist.

Es steckt viel Tragik in Chabons Roman, es gibt viele traurige Momente, und trotzdem schwebt man beim Lesen dieses hervorragend übersetzten Buches immer ein paar Zeilen über den Ereignissen. So als wolle uns Chabon sagen, dass in jedem Schrecken auch ein schöner Zauber verborgen liegt, dass immer Hoffnung auf bessere Zeiten besteht – Hoffnung, die auch Kavalier und Clay bis ans Ende dieses 800 Seiten starken Buches immer wieder antreibt.

Nur konsequent, dass Chabon den Comics auch einen Ritterschlag verleiht in Form des Auftretens von Orson Welles bei der Premiere seines Films „Citizen Kane“. Welles wird Kavaliers Zeichnen solcherart beeinflussen, dass einige Eskapist-Ausgaben als „authentische Kunst“ in die Geschichte der grellen Comicproduktion der Vierzigerjahre eingehen werden.

Doch es ist natürlich die Crux von Chabons Hommage an die Comickultur, dass es gleichzeitig auch ein Plädoyer für die Literatur ist. Denn nach der Lektüre seines Buches muss man sagen: Schönere Bilder und schönere Worte, als Michael Chabon sie findet, gibt es in keinem Comic.