Unsere liebste Popguerilla

Nach „Tubthumping“ und dem Ausflug zur Industrie sind Chumbawamba zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Ganz in diesem Sinn spielen sie heute Abend auch im SO 36

Manche Dinge ändern sich nie: Auch das Cover von „Readymades“, dem mittlerweile elften Album von Chumbawamba, ist wieder gestaltet von Baader-Meinhof. Unser liebstes Popguerilla-Kollektiv aus Leeds ist weiter streng anarchistisch, aufklärerisch und antiamerikanisch. Und immer noch schreibt und singt es einige der allerlieblichsten Melodien in der Geschichte der Tonsetzung.

Sonst aber ist vieles nicht mehr, wie es einmal war: Auf den Massenerfolg der mitgröltauglichen Single „Tubthumping“ und das weltweit fünf Millionen mal verkaufte Album „Tubthumper“ folgte „WYSIWYG“, das stilistisch keinerlei Weiterentwicklung dokumentierte, sich absurderweise aber unglaublich schlecht verkaufte. Einmal waren Chumbawamba den Marktgesetzen gefolgt, hatten ihre neu gewonnen Fans nicht verschrecken wollen und wurden prompt bestraft. Immerhin: In manchem Pub läuft „Tubthumping“ noch heute. Ist ja auch ein Song übers Besoffensein. Seitdem aber haben Chumbawamba ein Problem: Für durchschnittliche Konsumenten sind sie seit „Tubthumping“ ein One-Hit-Wonder. Ein Image, das jedwede weitere Karriere komplett verunmöglicht. Logischerweise wurden sie denn auch fallen gelassen von dem Unterhaltungskonzern, der ihre Platten zuletzt veröffentlichte. Mit „Readymades“ sind Chumbawamba wieder da, wo man vor nun auch schon zwanzig Jahren angefangen hat: auf einem Indie-Label. Aber auch hier gibt es ein Problem: Seit „Tubthumping“ haben sie Glaubwürdigkeit verloren bei Teilen ihrer alten Klientel. Die lebt heute in ehemals besetzten Häusern und hängt leicht sentimental der Erinnerung nach: Was waren das doch noch für Zeiten, in denen man gleichzeitig tanzen und sich als Revolutionär fühlen konnte.

Denen empfiehlt sich Chumbawamba auf ein Neues als Band ihres Vertrauens. Dazu hat man mal wieder einen Stilwechsel durchgeführt, schon immer ihre Methode, sich treu zu bleiben. Der aktuelle ist zumindest halbradikal zu nennen: Mit entspannt schwingenden Breakbeats, luftigen Samples und getragenen, folkigen Melodien hat man sich doch um einiges entfernt vom eigenen Sound der Neunziger, dem eklektizistischen Kontrast aus Dance-Beats und krachenden Gitarren, kitschigen Trompeten und euphorischen Chören.

Ansonsten arbeiten sie weiter mit den alten Tricks und formen ironisch und subversiv altes Material zu neuen Hits: So hat man rechtzeitig zum Thronjubiläum den Beatles-Song „Her Majesty“ umgestaltet. Auch üben Chumbawamba als Einzige noch Kritik am Mantra der Musikindustrie über Internet-Tauschbörsen und Raubkopien. Sie entlarven das Wehklagen als das, was es ist: ein Versuch des Großkapitals, Gewinne weiter zu maximieren.

Dereinst wollten Chumbawamba das U-Boot in diesem Betrieb sein, mit eingängigen Melodien die Charts entern und dann von oben die Welt verändern. Das U-Boot ist untergegangen, aber die Besatzung nicht ertrunken. Man ist melancholischer geworden und vorsichtiger, aber sich treu geblieben. Und vor allem: auf der Bühne immer noch jederzeit für eine rauschende Party zu haben.