09/11

Tony & andere Helden

Einige Quellen sprechen von 3.124 Menschen, die bei den Terrorattacken vom 11. September ums Leben kamen, andere von 3.084. Tatsache ist, dass die präzise Zahl der Toten nicht ermittelt werden kann. Denn in den Türmen des World Trade Centers arbeiteten auch Illegale. Mexikaner etwa, die über die Grenze gekommen waren, um es im gelobten Land zu schaffen: Tellerwäscher, Putzmänner, Imbissverkäufer. Ihnen und ihren Familien ist der Film „Gesichter ohne Stimme“ gewidmet. Vier Witwen berichten, dass zum Kummer über den Verlust ihres Geliebten die Angst vor neuer Armut hinzukommt: Luis oder Miguel – sie waren die Hoffnungsträger für ein besseres Leben.

 Die Dokumentation von Calogero Salvos, die zum Arte-Themenabend „Das Inferno und seine Opfer“ gehört, provoziert bewusst keine Tränen, spielt nicht mit vordergründiger Gefühligkeit – und zählt deshalb zu den stärksten Filmen zum Jahrestag der Anschläge. Außerdem zeigt der Sender „Ich lebe auf Ground Zero“, ein Videotagebuch der Filmemacherin Greta Schiller mit der 9-jährigen Isabella aus New York City – ein etwas zähes Projekt, weil die Schülerin nie frei spricht, sondern wie auswendig gelernt: als wüsste sie, dass man in einer Erzählung aus der nächsten Nachbarschaft von Ground Zero mit einer „Das Leben geht weiter“-Haltung keine gute Figur abgibt.

 Das ambitionierteste Projekt zeigt morgen die ARD. Unter Federführung des NDR und gegen den Mitbieter RTL wird die Dokumentation „11. September – Die letzten Stunden im World Trade Center“ ausgestrahlt. Die beiden französischen Filmemacher Jules und Gédéon Naudet waren seit Monaten damit beschäftigt, eine Dokumentation über die Arbeit der New Yorker Feuerwehr zu drehen. Am Morgen des 11. September befanden sie sich auf Recherche in unmittelbarer Nähe der Türme. Beide drehten die letzten Bilder aus dem Foyer. Man sieht die Macht- und Ratlosigkeit der herbeigeeilten Feuerwehrmänner, ihre Versuche, im Chaos mit Hilfe von Walkie-Talkies so etwas wie einen Überblick zu wahren: Denn einen Brand, eine Katastrophe wie jene zu bewältigen mussten und konnten sie nie trainieren.

 Ein knappes halbes Jahr haben die Naudet-Brüder ihren Film bearbeitet. Das Porträt der Männer einer Feuerwache ist es geblieben (und das des Feuerwehrlehrlings Tony, der am 11. September die Feuerwache hütete). Zugleich wurde es ein genaues Abbild der Stunden nach dem Attentat – Eindrücke von Staub und Schutt, Ungewissheit und Angst. Man erfährt von den Schuldgefühlen der überlebenden Kollegen; man hört die raue Sprache der Kumpels und ihre fast zärtlich-toughe Art, miteinander umzugehen (Wörter wie shit oder fucking hell wurden übrigens in den USA bei der Uraufführung auf CBS am 11. März kritisiert.)

 Tote sieht man freilich nie – dafür wird der Zuschauer mit einem anderen Grusel konfrontiert: mit den Geräuschen, die die aus den Türmen fallenden und springenden Opfer machen, wenn sie auf dem Dach des Foyers aufprallen. Es klingt nicht wie im Actionfilm dumpf, sondern wie ein zusammenfallender Holzklötzchenhaufen – und zugleich wie ein Auto bei einem Auffahrunfall: nur etwas weniger klirrend.

 In 147 Ländern wird die Naudets Arbeit zur Primetime gesendet; auch der arabische Sender al-Dschasira hat die Rechte erworben. Die Erlöse aus den Lizenzen kommen den Hinterbliebenen der umgekommenen Fire Fighters zugute.