Das System Medienkanzler

Haben sich die Wähler an Gerhard Schröder satt gesehen? Ist er ein Opfer seiner eigenen Inszenierung? Ja. Und nein. Die Medien sind mit schuld daran, dass der Kanzler eine journalistische Billigware geworden ist. Gedanken vorm zweiten TV-Duell

Als Gerhard Schröder noch nicht so oft auf dem Bildschirm zu sehen war, konnte es passieren, dass ihn seine Mutter zu Hause ganz aufgeregt empfing. „Gerd, du warst ja gestern im Fernsehen“, rief sie ihm schon im Treppenflur entgegen. Und kaum war er die Treppen hochgestiegen, flüsterte sie ihm zu: „Sag mal, wie kommst du da eigentlich rein? Kennst du da einen?“

Schröder hat diese Geschichte Jahre später selbst erzählt. Er war mittlerweile stolz darauf, immer und überall im Fernsehen zu sein. Heute ist Schröder der Medienkanzler und auf den Bildschirmen der Nation omnipräsent. Es könnte sein, dass seine Mutter ihn mittlerweile besorgt fragt: „Sag mal, kommst du da eigentlich gar nicht mehr raus? Kennst du da keinen?“

Dem Kanzler, und nicht nur ihm, ist die Sache mit den Medien aus den Händen geglitten. Das erste Fernsehduell zwischen Gerhard Schröder und seinem Herausforderer Edmund Stoiber hat das wie kein anderes Ereignis vorher deutlich gemacht. Es war die Inszenierung des puren Nichts. Sie hat Schröder derart in Fesseln gelegt, dass er nicht mehr wiederzuerkennen war.

Seine Stärke als Medienkanzler bestand ja zweifellos darin, dass er sich nie nur inszenierte, sondern gleichzeitig auch das war, was er inszenierte. Schröder war immer ein Schauspieler seiner selbst, aber er war immer auch Gerhard Schröder. Genau diese Identität von medialer Rolle und eigener Person hat es ihm ermöglicht, 1993 in Dieter Wedels „Der große Bellheim“ den niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder zu spielen, ohne dass er oder sein Amt darunter gelitten hätten.

Diese Identität des Medienkanzlers ist durch das Fernsehduell zerstört worden. Schröder spielte nur noch eine Rolle. Das Duell war der komplette Sieg des Mediums Fernsehen über die Politik und deren Protagonisten.

Niklas Luhmann hätte das kühl als Bestätigung seiner Medientheorie konstatiert. Der große Soziologe sprach davon, dass die Massenmedien die Realität nicht etwa verzerren würden. Die Realität würde von den Medien vielmehr selbst konstruiert. Es gebe also keine Wirklichkeit, die unabhängig von den Medien existiert. Auch keine Politik. Schröder hat jedoch immer daran geglaubt, dass er sich die Medien für seine Politik virtuos zunutze machen kann. Bei den TV-Duellen aber macht sich allein das Fernsehen den Kanzler und seinen Herausforderer zunutze.

„Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist den Titel des Medienkanzlers zu verlieren“, sagte Schröder nach dem ersten Duell ironisch. Aber nicht einmal das hat Schröder noch im Griff. Er kann den Titel gar nicht mehr verlieren – weil er nicht mehr die Macht über ihn hat. Die Politik hat sich in ihrem Drang zur permanenten Inszenierung den Medien viel zu sehr ausgeliefert. Es gibt kein Zurück mehr. Richard Meng schreibt in seinem Buch „Der Medienkanzler“ völlig zutreffend, dass nicht mehr nur Schröder den Medienkanzler verkörpert. Meng spricht vom „System Medienkanzler“.

Dem Medienkanzler stehen ihm adäquate Kanzlermedien gegenüber. Medienkanzler und Kanzlermedien arbeiten Hand in Hand. Sie beeinflussen einander und halten sich gegenseitig am Leben. Sie gehören ein- und derselben politisch-medialen Kaste an. Beide Seiten pflegen den gleichen inszenatorischen Stil von Politik: Politische Überzeugungen oder langfristige Strategien versprechen keinen Erfolg mehr. Der alleinige Maßstab für den Erhalt politischer Macht ist der Medienerfolg. Wer sich diesen Gesetzen nicht beugt, ist zur politischen Erfolglosigkeit verdammt. Das „System Medienkanzler“ setzt sich quasi hinter dem Rücken der Beteiligten durch. Es ist zu einem Machtfaktor geworden, egal wer gerade regiert.

Mit der Machtübernahme von SPD und Grünen ist die Politik rasend schnell in der Mediengesellschaft angekommen. Das hat viele Konsequenzen, vom Bedeutungsverlust des Parlaments über die Ruhigstellung der Parteien bis hin zur Auswahl des politischen Personals unter dem Gesichtspunkt ihrer Medienwirkung. Aber auch für Schröder selbst hat dies Folgen: Den Medienkanzler gibt es ab jetzt auch ohne ihn. Der nächste könnte Stoiber heißen.

Zur Inszenierung von Politik gehört heute dazu, dass bei einer politischen Entscheidung ihre öffentliche Wirkung im Vorhinein mitbedacht wird. Schröder hat die Fernsehduelle mit Stoiber nicht nur gewollt, weil er glaubte, vor der Kamera Punkte bei den Wählern machen zu können. Er war sich auch sicher, dass die Medien ihm eine Absage des Duells nicht verzeihen würden. „Ich hätte mal sehen wollen, was ihr dann geschrieben hättet“, sagte Schröder nach dem ersten Duell zu den Journalisten. Er ist also auch das Opfer seiner eigenen Inszenierung geworden.

Hat sich damit Schröders Unterhaltungswert verbraucht? Wird der Kanzler vielleicht nur deswegen abgewählt, weil viele Menschen sich an ihm satt gesehen haben? Hat Schröder, wie die Süddeutsche Zeitung vermutet, Deutschland in vier Jahren einfach „überkanzlert“?

Diese Erklärungen sind alle nicht ganz verkehrt. Aber in ihrem Kern sind sie doch wieder so simpel, dass sie ganz gut dort aufgehoben sind, wo der Überdruss an den Politikern zuallererst produziert wird: im Fernsehen. Gerade wir Journalisten sollten uns jedes scheinheiliges Gejammere darüber ersparen, dass die Politik zu einem Teil der Unterhaltungsindustrie geworden ist. Die Politik funktioniert nur nach den Regeln, die wir, die Medien, selbst aufgestellt haben.

Früher garantierten die großen politischen Lager Rechts und Links dem Publikum Übersichtlichkeit und Unterhaltungswert. Aber seit sich die Lager aufgelöst haben, wollen die Medien nur eines: den Politiker selbst. Er wird zur journalistischen Ware. Und kein Wert passt weniger in diese journalistische Warenwelt als Langsamkeit. Das hohe Tempo, unter dem die Politik leidet, die permanente, unterschiedslose Erregung über alles und jeden, die Tagesbezogenheit der Politik – das alles ist von den Medien gemacht. Und deren Heuchelei besteht darin, dass sie genau das anschließend beklagen.

Aber deswegen muss keiner Mitleid mit den Politikern haben. Sie haben sich dieser Medienfixierung der Politik bereitwillig ausgeliefert. Gerade unter der rot-grünen Regierung wird Politik ganz selbstverständlich als mediale Kommunikationsaufgabe verstanden. Der grüne Parteichef Fritz Kuhn hat auf einer Tagung über die Strategiefähigkeit von Parteien ungeniert festgestellt: „Machtzentren sind immer stärker auch Kommunikationszentren.“ Die Parteien stünden unter dem Zwang, auch dorthin zu gehen, wo Politik keine Rolle spielt: in Unterhaltungssendungen und bunten Blättern.

Genau hier schließt sich jedoch ein paradoxer Kreislauf. Alle, Politiker wie Medien, empfinden wegen der wachsenden Politikverdrossenheit der Bürger einen permanenten Zwang zur Inszenierung. Dahinter verschwindet jedoch zunehmend die Substanz der Politik. Sie wird entscheidungsschwach. Und das wiederum begünstigt die Flucht in eine mediale Ersatzwelt.

Am Ende kann die Politik an der aktuellen Lage gar nichts mehr ändern – höchstens noch an ihrer Wahrnehmung. Und am Auge des Publikums zieht alle vier Jahre ein Medienkanzler nach dem anderen vorüber.