Es zählt nur eins: dass alle zahlen

Sind wir so krank, wie die Gesundheitsindustrie uns machen will? Natürlich nicht, meinen Kurt Langbein und Bert Ehgartner – und erklären uns, warum die Medizin nichts taugt. Ihr Buch ist ideal für alle, die ohnehin noch nie zum Arzt wollten. Das Problem: Sie konterkarieren ihre Kritik mit zu viel Polemik

von ULRIKE WINKELMANN

Krankheit ist derzeit einer der wenigen Wachstumsmärkte. Der Pharmabranche geht’s prächtig – der massenhafte Verkauf von Cholesterin- und Blutdrucksenkern hält sie gesund. Hinzu kommt das Geschäft mit Mitteln gegen Gemütsprobleme: Viagra gegen Impotenz stabilisiert den Umsatz von Pfizer, ein Standbein von Novartis ist Ritalin gegen kindliche Zappeligkeit, nicht zu vergessen die Gute-Laune-Pillen wie Prozac und seine Konkurrenzprodukte, die sich alle hervorragend verkaufen.

Stellt sich die Frage: Sind wir so krank, wie die Gesundheitsindustrie uns machen will? Natürlich nicht, meinen Kurt Langbeins und Bert Ehgartner in ihrem Buch „Das Medizinkartell“. Sie beschreiben den Prozess von der Entdeckung einer Störung über ihre Anerkennung als Krankheit bis zur massenhafen Verschreibung eines Medikaments als ein bis ins Detail durchkalkuliertes Ritual, in dem Ärzte wie Patienten die Rolle der nützlichen Idioten spielen.

Regie führt die Industrie. Die so genannten Blockbuster, die millionenfach verschriebenen Arzneien, werden für eine Zielgruppe zurechtgeschnitzt und dann in den Markt gedrückt. Medikalisierung oder auch „disease mongering“, Krankheits-Handel, sind die Stichworte für den Trend, erstens jede Seelenregung und zweitens stinknomale Alters-und Alltagserscheinungen, etwa Haarausfall, in eine Krankheit umzutaufen, um dagegen eine Arznei verkaufen zu können.

„Gemeinsam mit dem weitgehend abhängigen Forschungsbetrieb“, schreiben die Autoren, ist die Industrie „auf dem besten Weg, möglichst alle wohlhabenden Menschen des Planeten zu Patienten zu machen“. Nach erfolgreicher „Marktbearbeitung“ etwa senkte die US-amerikanische Herzgesellschaft die empfohlenen Cholesterinwerte erneut ab. Damit verdoppelte sich auf einen Schlag die Zahl der Menschen, denen dringend Cholesterinsenker verschrieben werden mussten.

Die Chemotherapie – eine Keule, die den Menschen, nicht aber die Krankheit trifft

Langbein – bekannt durch seinem mehrfach neu aufgelegten Bestseller „Bittere Pillen“ – und Ehgartner holen zum ganz großen Rundumschlag aus. Sie greifen zurück in die Medizingeschichte, schildern die erbärmlichen Arbeitsbedingungen von Krankenhausärzten, geißeln Eitelkeit der bekannten Ärzte und Forscher, schildern Medizinskandale. Sie wagen aber auch eine eigene wissenschaftliche These: Das Immunsystem des Menschen sei der Schlüssel zum Verständnis dessen, was krank macht und was gesund hält. „Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie“, so der Untertitel des Bandes, lassen sich so zu einer Übersünde zusammenfassen: Der gesamte Medizinbetrieb ist auf einer sinnlosen Jagd nach isolierbaren Krankmachern, die dann mit einem Wundermittel vernichtet werden können. Profitstreben und Eigensucht verhindern, dass echte Krankheiten an wirklichen Patienten wirkungsvoll bekämpft werden können. Statt sich damit zu beschäftigen, wie das Immunsystem so gestärkt werden kann, dass es den Attacken von Viren und Bakterien standhält, führen die Forscher und Ärzte einen chemischen Krieg, der allen möglichen Leuten nützt, nur nicht den Kranken.

Das fängt schon mit den Heroen des 19. Jahrhunderts an: Der nationalistisch befeuerte Zweikampf zwischen dem Franzosen Louis Pasteur und dem Deutschen Robert Koch darum, wer als erster Keime finden, vernichten und eine eine erfolgreiche Impfung vorweisen kann, beschäftigte die Öffentlichkeit und damit die Geldgeber weit mehr als die umfassenderen Untersuchungen eines Rudolf Virchow, der meinte, dass Umwelt, Arbeitsbedingungen und sozialer Status weit wichtigere Gesundheitsfaktoren seien, als es der Kampf gegen Mikroorganismen sein könne.

Langbein/Ehgartner lassen nichts aus: Die Chemotherapie gegen Krebs – eine Keule, die den Menschen, nicht aber die Krankheit trifft, eingesetzt in Folge der Fixierung der Medizin auf die Chemie. Der Kampf gegen Brustkrebs – das Wüten durchgeknallter Chirurgen im weiblichen Körper. Impfkampagnen in der dritten Welt – eine Markterschließung für die Pharmaindustrie, die lebensgefährlich für die geimpften Kinder ist. Genforschung – eine neue Eugenik, eine Barbarisierung der Medizin, die dafür sorgt, dass gesunde Körperteile amputiert werden, weil sie irgendwann einmal erkranken könnten. Wer ohnehin noch nie zum Arzt gehen wollte, hat hier seine Lektüre gefunden: Zu Hause bleiben hilft im Zweifel mehr.

Doch so eingängig und journalistisch-prall-und-knackig die Autoren das Schlachtfeld der Medizin auch darstellen – genau hieran erkennt man die große, entscheidende Schwäche des Buches. Zwar verschafft eine pointierte Formulierung Erleichterung, wenn es um das Verständnis wirklich schwieriger Sachverhalte geht. Gleichzeitig sind es gerade die Schilderungen à la „Wie Frau M. in die Fänge gewissenloser Ärzte geriet und beinahe gestorben wäre“, mit denen die Autoren ihre eigene Kritik konterkarieren: Sie werfen dem Medizinbetrieb vor, Studien und Fallbeispiele beliebig auf das gewünschte Ergebnis hin zu verbiegen, und greifen dann genauso zu merkwürdig verkürzt klingenden Fallbeispielen, die ihre These stützen sollen.

So wird im letzten, im Aids-Kapitel, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgeworfen, die als dramatisch bekannten Prozentraten der an Aids erkrankten Bevölkerung im südlichen Afrika nach beliebigen Kriterien zu erheben und mit willkürlichen Faktoren zu multiplizieren: Aids werde nicht mittels HIV-Tests, sondern anhand der Symptome Gewichtsverlust, Durchfall und Fieber diagnostiziert. „In den Statistiken werden alle Meldungen über Aidskranke in einen Topf geworfen und an die WHO-Zentrale in Genf weitegeleitet“, wo dann beliebige Multiplikationsverfahren angewendet werden.

So blöd sind die Aidsforscher allerdings nicht. Die WHO addiert und multipliziert mitnichten bloß alles, was ihr von den afrikanischen Gesundheitsbehörden weitergereicht wird. Vielmehr erhebt sie ihre Daten an schwangeren Frauen, deren Erkrankungsrate als repräsentativ für die sexuell aktive Bevölkerung gewertet und entsprechend hochgerechnet wird. Langbein/Ehgartner berufen sich vor allem auf den Wiener Gynäkologen Christian Fiala, der, das erwähnen sie nicht, zum Kreis der „Aidsdissidenten“ gehört, die grundsätzlich bestreiten, dass Aids durch das HI-Virus ausgelöst wird. Nach allem, was bekannt ist, ist diese These nicht haltbar.

Nun ist es natürlich schwierig, den medizinisch-industriellen Komplex zu kritisieren, ohne sich ins unwissenschaftliche Abseits zu begeben. So legitim pointierte Kritik ist, so schnell beraubt man sich durch Unsachlichkeit jeder Glaubwürdigkeit. So verdienstvoll es ist, einen provokanten Überblick über das Versagen der Gesundheitsindustrie zu geben, so unverzeihlich ist es, sich dabei so angreifbar zu machen wie Langbein und Ehgartner.

P. S.: Der Cholesterinsenker Lipitor von Pfizer wird mittlerweile übrigens auch schon an Hunde verfüttert. Und es heißt, dass Katzen auf Antidepressiva gut ansprechen.

Kurt Langbein/Bert Ehgartner: „Das Medizinkartell. Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie“, 400 Seiten, Piper Verlag, München 2002, 19,90 €