Barbie wohnt im Kanzleramt

Im Wahlkampf spielt auch die Kanzlergattin eine Rolle. Die Auslegung dieser Rolle will wohl überlegt sein. Aber egal ob Karin Stoiber oder Doris Schröder-Köpf, am Ende läuft die Sache immer auf das gleiche öde Hausfrauenmodell hinaus

Als Edmund Stoiber kürzlich fürs Fernsehen gefragt wurde, was ihm an seiner Frau gefällt, da war es zu allererst „die Attraktivität, die sie über all die Jahre behalten hat“. Kurze Pause. „Und die absolute Familienorientiertheit.“ Was er nicht so schätze? Der Kanzlerkandidat zögert. „Sie ist sehr bescheiden, zu bescheiden und hält sich sehr im Hintergrund.“ Während er redet, sieht man auch sie: Karin Stoiber sitzt daneben, schweigt und lächelt – bescheiden, natürlich. Niemand käme auf die Idee, sie zu fragen, wie sie ihren Mann findet.

Ja, so hat man sie sich vorgestellt, die konservative Ehe. Auch nach dem 34. Hochzeitstag scheint Gatte Edmund nicht den Menschen Karin wahrzunehmen, sondern nur das Rollenklischee Ehefrau. Die muss optisch was hermachen und sich um ihn, die drei Kinder und zwei Enkel kümmern. Lob darf sie dafür aber höchstens eingeschränkt erwarten. Denn es ist „zu bescheiden“, der Sippschaft zu dienen – obwohl genau das von ihr verlangt wird.

Wie modern wirkt da die Kanzlerehe. Haben sich bei den Schröders doch zwei serielle Monogamisten zusammengetan. Für ihn ist es die vierte Ehe, und auch sie hatte zuvor schon mehrere Partner, bringt ein uneheliches Kind mit. Nie fehlt der Hinweis, wie hart die fünf Jahre als allein erziehende Mutter waren. Doch trotz Tochter Klara stemmte Doris Schröder-Köpf den Vollzeitjob als Journalistin, machte gar Karriere. Sie war parlamentarische Korrespondentin in Bonn für Bild, den Kölner Express und Focus. Die heute 38-Jährige ist nicht nur die jüngste Kanzlergattin aller deutscher Zeiten, sie ist auch die Erste, die nicht als Hausfrau in dieses Amt geraten ist.

Allerdings wurde sie sofort zur Hausfrau. Gerhard Schröder war noch gar nicht Kanzler, da gab sie im Sommer 1998 ihren Job beim Privatradio Antenne Niedersachsen auf, um ihn im Wahlkampf zu unterstützen. Seither bleibt sie „eher im Hintergrund“. So sagt es Karin Stoiber von sich auch.

Überhaupt sagen die beiden Gattinnen meist das Gleiche, was kein Zufall sein kann. Ob sie ihre Männer beraten? „Nur wenn es gewollt war“, gibt sich Schröder-Köpf bescheiden. Und Karin Stoiber klingt wie eine gütige Mutter, die über ihren Teenie-Sohn spricht: „Wenn er Rat von mir braucht, dann bekommt er ihn auch.“ Beide leugnen den Einfluss, den sie haben. „Ich rede meinem Mann in die Politik nicht hinein“, sagt Karin Stoiber. Und auch Doris Schröder-Köpf „will nicht Politikerin sein“.

Sie warten sehnsüchtig auf ihre Gatten, aber sie überfallen sie nicht. „Wenn mein Mann nach Hause kommt und ich spüre, dass er sehr angespannt ist, dann komme ich nicht gleich mit meinen Anliegen. Ich warte den passenden Moment dafür ab“, sagt Stoiber. So rücksichtsvoll, wie es sich für unsere Großmütter gehörte, ist auch die Kanzlergattin: „Mir geht es erst einmal darum, dass er sich erholen kann. Letztendlich warte ich darauf, ob er von sich aus etwas anspricht.“

Niemand käme auf die Idee, sie zu fragen, wie sie ihren Mann findetNie fehlt der Hinweis, wie hart die Jahre als allein erziehende Mutter waren

Beide sind Oberaufseherinnen über seine Gardrobe. „Ihm ist völlig egal, was er anhat“, klagt Stoiber, „deshalb lege ich ihm immer die Kleidung zurecht.“ Jetzt hat sie ihm übrigens ein neues Outfit verordnet, damit er nicht mehr ganz so konservativ aussieht. Auch Schröder-Köpf greift lieber ein, bevor der Kanzler irgendeinen Anzug kauft: „Ich bin so erzogen worden, dass man ordentlich gekleidet zu sein hat, wenn man ein wichtiges Amt inne hat.“

Egal wer im September die Wahl gewinnt: Im Kanzleramt wird eine Barbiepuppe wohnen. „Mit elegantem Kostüm, hohen Hacken und penibel frisiertem blonden Haar nimmt sie an den wichtigen Terminen ihres Mannes teil. Charmant und ungezwungen plaudert sie ebenso mit einem wartenden Wirtschaftsboss wie mit dem arbeitslosen Familienvater.“ Über welche Gattin wurde das geschrieben? Es ist nicht zu erraten – und hätte auch auf Hannelore Kohl gepasst.

Ja, aber … hat Schröder-Köpf nicht ein Buch herausgegeben, das Kindern die Politik erklärt? Hat sie nicht Beiträge für Bild verfasst? Doch, hat sie, aber das macht sie noch nicht zu einer modernen Kanzlergattin – sondern zu einer Hausfrau, die schreiben kann. Ihre Themen waren Kampfhunde, Kindererziehung und die Teewurst in Zeiten von BSE.

Die Inszenierung des Familiären ist bei den Schröders und Stoibers ähnlich – aber, zugegeben, die Gatten sehen das öffentlich nicht ein. Bild wollte vor drei Wochen wissen, wie die Partnerinnen im Wahlkampf agieren werden. Schröder wünschte sich für seine Frau ein „deutlich eigenes und eigenständiges Profil“, während Stoiber diese Zumutung zurückwies. Seine Gattin werde „sicherlich keine eigene politische Rolle spielen wollen, und sie steht ja auch nicht zur Wahl“. Das Kalkül war klar: Die beiden Herren machten sich ans Werk, die gemeinsame Wahlkampfstrategie der kulturellen Differenz umzusetzen. Schröder darf mit der Homoehe und seiner Doris die Moderne repräsentieren, dafür bedient Stoiber das bewährte Klischee der Hausfrauentradition.

Doch beide Männer haben gelogen, obwohl sie es vielleicht nicht wahrhaben wollen. So steht Gattin Karin selbstverständlich zur Wahl – denn sie ist es, die Stoibers Wahlplakate dominieren wird. Offen gibt die Union zu, dass sie aus der letzten bayerischen Landtagswahl vor vier Jahren gelernt hat. Damals war jenes Plakat „der Renner“, auf dem ein Freizeit-Stoiber seine Frau in den Arm nahm. Und längst ist es so, dass Karin Stoiber einen Extraapplaus bekommt, wenn sie auf Terminen mit ihrem Mann erscheint. Denn sie ist unverzichtbar: Sie erst gibt ihrem Mann die warme Ausstrahlung, die er sonst vermissen lässt. Sie ergänzt ihn nicht nur – sie macht ihn möglich. Aber das muss im traditionellen Milieu kaschiert werden. Und so beschreibt der Wahlkampfmanager der Union, Michael Streng, die etwas paradoxe Rolle der „Landesmutter“ mit ebenso paradoxen Worten: „Karin Stoiber ist sehr selbstbewusst und emanzipiert, aber sie ist die Frau an seiner Seite.“

Umgekehrt wiederum wird die angeblich emanzipierte Doris Schröder-Köpf keine deutliche Rolle im Wahlkampf erhalten, auch wenn ihr Gatte das anders sieht. Sie wird auf den Wahlplakaten der SPD nicht auftauchen – und sie wird auch nicht gebraucht. Ihr Mann ist sowieso ein Medienstar, ist sogar glaubwürdiger ohne sie. Schließlich ist sie seine vierte Ehefrau, daher wirkt es nur plausibel, dass er allein zurecht kommt. Als serieller Monogamist verkörpert er bereits die Moderne, dafür ist sie nicht nötig. Hilfreich ist sie nur, wenn sie seine Reichweite ins konservative Lager hinein verlängert. Also erfährt die geneigte Leser- und Leserinnenschaft, dass sie zu Weihnachten Spaghetti kocht und dass er isst, „was auf den Tisch kommt“.

Doch auch wenn der Kanzler um das traditionell gesinnte Klientel wirbt – die Modernisten unter den Wählern dürfen nicht vernachlässigt werden. Daher gab es kürzlich ein Stern-Heft mit der Titelstory: „Doris macht Staat“. Da war viel von ihrem heimlichen Einfluss als fähige Ehefrau zu lesen, was wohl emanzipierte Leserinnen freuen sollte. Aber doch nicht zu sehr: Zwischendurch wurde auch erwähnt, dass „Doris“ das neue Haus in Hannover selbst durchgescheuert habe. Und dass sie eigenhändig seine Hemden plättet. Was für eine Zeitverschwendung. Wer soll das glauben? Eben das Milieu rechts von links, auch „Mitte“ genannt.

Wenn wir einen Lagerwahlkampf und ein Lagerregieren erleben würden, dann hätten wir übersichtliche Verhältnisse – nämlich eine emanzipierte Doris und eine domestizierte Karin. Doch die „Mitte“ ist überall. Und deswegen sind die Gattinnen so ununterscheidbar, sind sie beide Hausfrauen, die Verständnis für die moderne Lebenswelt zeigen. Denn nicht nur Schröder-Köpf fordert Ganztagsschulen und Kinderbetreuung – nein, auch Karin Stoiber ist dafür. Immer wieder erwähnt sie Tochter Constanze, die als junge Mutter gern arbeiten würde.

Wie es anders geht, zeigt die Frau des englischen Premierministers Tony Blair. Cherie ist als Anwältin so bekannt wie ihr Mann – und verdient weit mehr als er. Wir hingegen sind ins Jahr 1963 zurückgekehrt. Damals wurde Luise Erhard zur Kanzlergattin. Die Betriebswirtin war eine starke Frau und hatte großen Einfluss auf ihren Mann, musste jedoch damals erst recht die Hausfrau mimen. Sie litt darunter, war aber immerhin optimistisch, dass ihre Töchter es besser haben würden. Sie hat sich grandios geirrt. Nicht nur ihre politische Enkelin Karin Stoiber, sogar ihre Urenkelin Doris Schröder-Köpf muss die „Frau an seiner Seite“ spielen. Angeblich wollen die Wähler das so: Im Kanzleramt wohnt Barbie.