auf der alm, da gibt’s koa sünd (teil 3)

taz-Sommerreporter JOSEF WINKLER wartet auf die Kühe, die nach Hause kommen

In Ketten: Der Kälberknast

Es gibt tatsächlich ein Gerät, mit dem macht Kuhdreckwischen mehr Spaß als zum Beispiel nicht Kuhdreckwischen. Vielleicht ist das ja eine aufkeimende Putzneurose, vielleicht auch schon eine ganz stattliche Putzneurose, jedenfalls sind es einige der seltsam befriedigendsten Momente des Tages, wenn ich mit meinem nagelneuen Nimbus-2000-Lamellenwischer den eingeweichten Stallboden abziehe. Abziehen darf. Oh majestätischer Lamellenwischer! Von kund’ger Hand geführt, gleitet er über die Planken, gleich der frisch geschärften Klinge des Barbiers, eine Welle Kloakenwassers vor sich herschiebend, und wo er drüberging, da ist kein Sudel mehr, nur noch blank gewischtes Holz. Es ist … hach, es ist …

Ja, ich weiß, es ist auch gut jetzt. Aber gönnen Sie mir die kleinen Freuden, es legt sich weiß Gott genug Kummer auf mein Haupt. Was soll ich sagen: Meine beiden Baby-Kälber (nicht zu verwechseln mit den Teenager-Kälbern) sind straffällig geworden, und die Sozialprognose ist ungünstig. Sie „dutteln“, wie es der Pinzgauer Dialekt gewohnt herzhaft ausdrückt, das heißt, sie machen sich auf der Almweide an willfährige Kühe heran und nuckeln ihnen die Milch raus. Das ist zwar nur natürlich, aber natürlich auch streng verboten, zumal – vom Mundraubdelikt abgesehen – das rüde Gesauge am empfindlichen Euter Entzündungen auslösen kann. Ich erwischte die zwei in flagranti an den Drüsen einer Kuh des – ja, es ist wie im Heimatfilm – geizigen, humorlosen Nachbarbauern.

Uns drei wiederum erwischte in flagranti der geizige, humorlose Nachbarbauer. He was not amused. „Des duad ned, dass de Kaiben do duttln!“, rief er („des duad net“ übersetzt sich schlicht mit „das geht nicht“, aber mit etwas Übung kann man darin ein unausgesprochenes „Ihr seid wohl wahnsinnig, ich hol gleich die Polizei!“ mitschwingen lassen).

Nun gibt es für solche Verbrecherkälber eine Erfindung mit dem schönen Namen „Viehsaugentwöhner“, Plastik-Nasenringe mit spitzen Zacken dran. Justizphilosophisch, wenn man so sagen kann, ist der Viehsaugentwöhner eine interessante Errungenschaft: Bestraft er doch nicht nur das Kalb (in einer Art Doppelfunktion als Pranger – sie sehen damit albern aus, als trügen sie Karnevals-Vampirgebisse – und Keuschheitsgürtel soll das vor dem Maul hängende Unding die Zitzenansaugung verhindern), sondern durch das abschreckende Gepiekse am eigenen Euter auch die Kuh, die mit ihrer Passivität die Straftat ja erst ermöglicht, denn: zum Dutteln gehören immer zwei. Viele Kälber auf der Alm tragen diese Ringe, und sie scheinen zu funktionieren. Der hannibal-lectereske kriminelle Intellekt meiner beiden Kalbsluder jedoch fand schnell eine Technik, sie mittels Hochklappens zu umgehen. Zwei Tage später stand der Nachbar wieder da. Seitdem sitzen die Delinquenten in Stallhaft, und drastischere Maßnahmen werden erwogen.

Mein Bauer hat mir aus alten Beständen ein archaisches Leder-Kopfgeschirr mit langen, rostigen Nägeln gebracht, ein Viehsaugentwöhner from hell. Das Kälbchen sieht damit aus wie eine norwegische Darkmetal-Band. Ich weiß nicht, man kann das schon mal ausprobieren. Aber am besten erstatte ich dann auch gleich noch Selbstanzeige beim Tierschutzverein. Sorgen. Sorgen, Sorgen. Ich geh jetzt ein bisschen Lamellenwischen. Wer ist dabei?