Die Spieleerfinderin

Tomma Wember hat sich ihr Leben lang Konkrete Poesie und ritualiserte „Spiele“ ausgedacht – und ist selbst eine Entdeckung. Die Kunsthalle zeigt die erste Retrospektive der 83-jährigen Künstlerin

Fluxus steckt an, genauso wie Gegenwärtigkeit. Die Kunsthalle lehnt sich derzeit weit aus den goldenen Bilderrahmen der Vergangenheit: Das Erdgeschoss ist gefüllt mit Stacheldraht, Seide und der Klanginstallation der chinesischen Künstlerin Qin Yufen, und im Kupferstichkabinett hängen statt Dürer und Goya die Arbeiten von Tomma Wember. Insgesamt geradezu weserburgig.

Die Fluxus-Anverwandte Tomma Wember ist jemand, von der man vor allem den Nachnamen kennt. Sie teilt also das Schicksal vieler begabter Frauen, Gattin zu sein. Und Paul Wember war einer, „der schon genug Schwierigkeiten hatte“, als dass seine Frau auch noch mit provokativer Kunst anecken sollte. So formuliert es Katerina Vatsella, die Kuratorin dieser ersten Retrospektive der heute 83-jährigen Künstlerin.

Tomma Wember trat als Künstlerin nur sehr vereinzelt an die Öffentlichkeit, Gatte Paul war dafür um so häufiger ein Stein allgemeinen Anstoßes. Das avantgardistische Ausstellungsprogramm (zum Beipspiel mit Christos ersten Arbeiten), das er als Direktor der Krefelder Museen durchsetzte, machte ihn für viele zum enfant terrible. Wulf Herzogenrath, Direktor der Bremer Kunsthalle, bezeichnet es als eines der schlimmsten Erlebnisse seiner damals noch jungen Laufbahn, dass sich so gut wie kein namhafter Kollege auf Wembers Verabschiedung 1976 blicken ließ.

Katerina Vatsella stieß im Rahmen ihrer Forschungen über Daniel Spoerri auf Spuren der unbekannten Künstlerin – und war bald „völlig hingerissen“. Zum Beispiel von ihrer Gedichtsammlung „3 Worte nur oder vier manchmal mehr“, die auch zum Titel der Kunsthallenschau wurde. Die Wember‘sche Steno-Poesie funktioniert über das Zusammenziehen von Wörtern und Klangverschiebungen. So entsteht sehr konzentriertes Drei- und Vierzeiliges. Beispiel: „REGENICHT / TAG / PFÜTZIG / ABER LAU“.

Der Schwerpunkt von Wembers Arbeiten liegt in den 60ern, hat mit Konkreter Poesie, Performance und Fluxus zu tun. Dass sie nicht im typischen Netzwerk der Fluxus-Szene mittat, wo man sich ständig gegenseitig rezipierte und weiterverarbeitete, hat wohl auch mit den sieben Kindern zu tun, deren Mutter Tomma Wember ist.

„Wir gingen weiter, verwehter, aber auch gemeinsamer, als wir gekommen waren“

Wiederum fluxus-typisch: Wembers Arbeiten stecken voller Anweisungen. Viel sind eigentlich Gemeinschaftsaktionen nach vorgegebenen Spielregeln. Tomma Wember hat ihre „Spiele“ in einer Zeit entwickelt, als im Fernsehen die Quizshows zu boomen begannen. Bei ihr allerdings gibt es weder Sieger noch Verlierer, sondern nur Beteiligte. Das Prinzip: Menschen führen zusammen eine Art von Ritual aus, treten dadurch in Kontakt, kommen sich näher, aber nie zu nahe – jedenfalls muss niemand etwas Privates preisgeben (siehe nebenstehendes Spiel samt Anweisung).

Ein gemeinsames „Spiel“ ist auch das Lesen der Wember‘schen Bücher: Sie sind drei- oder viergeteilt, so dass man um sie herumsitzt und jeder sein Lesefeld vor sich sieht. Als „Lesegelage“ sind sie gern durchsetzt mit – natürlich streng zu befolgenden – Ess- und Trinksymbolen.

Manche ihrer Arbeiten, die für Situationen im Freien konzipiert sind, haben sogar Land-Art-Charakter. Zum Beispiel der – eigens für Bremen weiterentwickelte – „Spaziergang zu zweit am Wall“.

Insgesamt umfasst Wembers Werk etwa 70 Arbeiten: Lautgefüge auf Karten, Partituren für Simultanlesungen, kleine Hefte, Bücher und Rollen. Etliches wurde damals in kleiner Auflage gedruckt, das meiste blieb jedoch Druckvorlage.

Da gibt es das „Blanco“-Kartenspiel, für dessen Produktion es gar keiner Druckschwärze bedurft hätte, eine Sand- und eine Graszeitung, für die die Kunsthalle einen Raum eigens mit Rollrasen ausgelegt hat, außerdem ein Wandbuch, ein Fußbodenbuch und eines, dessen Blätter man hinterher dem Wind überlassen soll – so enden Spiel und Text: „Wir gingen weiter, verwehter, aber auch gemeinsamer, als wir gekommen waren.“

Der dokumentarische Teil der Ausstellung ist im Kupferstichkabinett ausgestellt, interaktiv wird es dann in den Medienräumen im zweiten Stockwerk. Dort sind Tische aufgebaut und alle erforderlichen Spielutensilien stehen bereit. Zunächst mal die Pläne, aber auch Wasser, Brot, Sand, eine Rose.

Tomma Wember ist Literatin und Spieleerfinderin, in erster Linie aber bildende Künstlerin – und niemand, die die Öffentlichkeit sucht. Dass sie sich auf die Retrospektive der Kunsthalle einließ, hat viel mit Einfühlung und sanfter Überredung durch Katerina Vatsella zu tun. Irgendwann bekam die alte Dame dann doch wieder Lust auf das Zeigen ihrer Werke und Ideen, und die Bremer Künstlerin Marikke Heinz-Hoek durfte sogar mit der Kamera dabei sein, als Tomma Wember einer Gruppe von StudentInnen ihre Spiele erklärte. Im August will der NDR ein Porträt im Rahmen der Reihe „Norddeutsche Originale“ senden (Tomma Wember ist ursprünglich Hamburgerin und lebt heute sowohl dort als auch in Krefeld). Späte Aufmerksamkeit für ein eigenwilliges, poetisches Werk.