Endlich sind wir allein

taz-Serie Sex, Körper, Macht (2): Die Generation 40 plus wollte die Beziehung zwischen Mann und Frau revolutionieren. Das Projekt scheiterte – und produzierte neue Opfer

Die deutschen Männer sind beziehungsmüde. 67 Prozentwollen keine feste Partner-schaft mehr. Unter den 31-bis 45-Jährigen scheuen sogar71 Prozent eine dauerhafteBeziehung. Befragt wurden1.075 Männer im Alter von 20bis 60 Jahren. (dpa, 18. Juni)

Die neuen Eltern? Ehen ohne Trauschein? Der neue Mann? Schlagworte von gestern, die heute allenfalls noch für zynische Altweiber- oder Altherrenwitze gut sind. Inzwischen weiß man es besser. Nichts wurde gut mit der großen, romantischen Erzählung der neuen Partner- und Elternschaft. Die beiden Hälften des Himmels zumindest, sie bleiben getrennt.

Es begann in den späten Siebzigern. Alles sollte besser, gerechter und emanzipierter werden. Aber der große Aufbruch mündete in Enttäuschung und zermürbenden Kleinkrieg. Die heterosexuellen Sehnsüchte nach einem Partner, der freiwillig Machtpositionen im Geschlechterkampf räumt, entpuppten sich als Illusion. Die Ernüchterung ist hart und schmerzhaft.

Die Versöhnung bleibt aus. Auch im nahenden Alter bleibt ein unterschwelliger Groll

Vor zwanzig Jahren trafen sich Männer in trauter Runde, um den Panzer des alten Adam zu durchlüften. Heute geht es bei den Treffen um Profaneres. Zum Beispiel: Wie schaffe ich es, das Sorgerecht an Stelle der Mutter zu bekommen? Oder zumindest ein geteiltes? Wie kann ich den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs entkräften, vorgetragen im schwebenden Trennungsverfahren? Wie überlebe ich finanziell, trotz der Unterhaltsforderungen meiner Exfrau? Oder ganz einfach: Wie umgehen mit der Verletzung, von der Person enttäuscht worden zu sein, der man am meisten vertraut hatte?

Vorbei ist es mit dem Glauben der Müslifraktion an das von Natur aus gute Weib. Es hat sich gezeigt: Auch Frauen sind gemein, ungerecht, voller Hass und Aggressionen. Väter, denen die Mütter verbieten, die gemeinsamen Kinder zu sehen, klagen an – und wundern sich, wenn die Öffentlichkeit nur ein mitleidiges Lächeln für sie übrig hat. Denn längst wissen alle: Das Opfer im Geschlechterkampf ist weiblich. Ohne Wenn und Aber. Wen also sollte das Leid der Männer interessieren?

Der Mann hat ein Recht auf vieles, aber nicht auf Mitleid in der Rolle des Verlierers. Die grollenden Männer sitzen einem groben Missverständnis auf. Partnerschaft und Familie haben nichts mit Gerechtigkeit oder gar Glück zu tun. Sie sind ein Vertragsverhältnis, in dem vieles möglich ist – mitunter auch Zufriedenheit. Im Gegensatz zu den so genannten neuen Vätern wissen Frauen das schon lange. In jahrzehntelanger und zäher Lobbyarbeit haben sie um Macht gekämpft – und gewonnen. Das Unterhalts-, Sorge- und Umgangsrecht sind heute Frauendomänen.

Haben sich also die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern umgekehrt? Werden Väter, die um das Sorgerecht für ihre Kinder streiten, von den Gesetzen und Institutionen benachteiligt? Oder handelt es sich hier nur um die subjektiv empfundene Benachteiligung einzelner Männer?

Soll dies mehr als nur eine Klage von jenen sein, die meinen, ihr Abrücken von alten Männerrollen würde zu wenig honoriert, muss der Nachweis gelingen: Wo liegt eine wirkliche und nicht nur subjektiv empfundene Benachteiligung vor? Anschließend müsste die Kleinarbeit beginnen – sich organisieren, Lobbyarbeit, Einwirkung auf Gesetzgebungsverfahren. Die benachteiligten Männer müssten all das tun, was die Frauenbewegung in den zurückliegenden Jahrzehnten so schön durchexerziert hat. Auf die Solidarität der Frauen sollten sie dabei allerdings nicht zählen. Niemand räumt einmal errungene Machtpositionen freiwillig.

Aber all das ist nicht mehr wirkliches Anliegen der Generation 40 plus, die vor fünfundzwanzig Jahren angetreten war, die Geschlechterverhältnisse aus den Angeln zu heben. Sie hat ihre aufreibendsten Schlachten schon geschlagen. Heute leben Männer und Frauen nebeneinander her. Schlecht und recht in Patchworkbeziehungen, manche auch in Langzeitehen – oder aber endlich allein. Viele warten auch auf den Tag, an dem die Kinder, die eigenen oder die sozialen, sich verabschieden.

Dann wird diese Generation viel Zeit haben, noch einmal in Ruhe darüber nachzudenken, was da war – zwischen Männern und Frauen. Die Männer zum Beispiel könnten sich fragen: War es nicht naiv und dumm, auf die weibliche Forderung nach dem verständigen Mann einzugehen? Oder war von Anfang an klar, dass der Verzicht auf Machismo, Mackertum und Karriere zu einem Verlust an Männlichkeit führen musste? Denn sie sehen, dass bei den Frauen nicht der verständnisvolle, zu offenen Beziehungsdiskussionen bereite Mann angesagt ist, sondern nach wie vor der materiell erfolgreiche.

Und die Frauen mögen darüber grübeln, warum so wenige von ihnen jemanden finden, mit dem sie gemeinsam alt werden können. Warum so viele von ihnen nach Jamaika, in die Türkei und den Maghreb fahren, um in den Armen eines virilen Machos ein paar Wochen Urlaub von den neuen Männern zu machen? War die Sehnsucht nach dem neuen Mann doch nicht viel mehr als ein kuscheliger Teenagertraum?

Wie weiter? Ein paar Prognosen sind möglich. Die große Versöhnung zwischen den Geschlechtern findet nicht statt. Auch im nahenden Alter bleibt ein unterschwelliger Groll: über die Unzulänglichkeiten des jeweils anderen; über die eigenen Irrwege; über die jahrelange Verdrängung geheimer Wünsche, die im Widerspruch zur neuen Partnerschaft zu stehen scheinen; über die Einsicht, wie wenig man besser hinbekommen hat als die einst verachteten Eltern.

Die Frauen und Männer der Generation 40 plus haben ihre großen gemeinsamen Projekte hinter sich. Bereits vor Jahren haben sie sich lautlos von der Alternativbewegung mit ihren totalitären Ansprüchen an ein gemeinsames Wohnen-Leben-Arbeiten verabschiedet. Etwas schwerer fällt das Eingeständnis, dass auch das Glücksversprechen der neuen Partnerschaft etwas Monströses in sich getragen hat. Es schmerzt und erklärt, weshalb der Anteil an Verhärmten, Frustrierten und Zynikern in dieser Altersgruppe so ungleich viel höher ist als in anderen.

Partnerschaft und Familie haben nichts mit Gerechtigkeit oder gar Glück zu tun

Aber auch auf diese Herausforderung wird die Generation 40 plus, die wie keine andere vor ihr mit Lebensmodellen experimentierte, reagieren. Ihre Partei, die Grünen, versucht es mit nachholender Entwicklung. Die Erfahrungen aus dem kollektiven Scheitern endeten in ihrem neuen Schwerpunktthema – der Familienpolitik. Andere gönnen sich bei der Vergangenheitsbewältigung mehr Spaß – in Tantragruppen und der ganzen Produktpalette, die Männern wie Frauen Hilfestellung bei der Suche nach sexueller Erfüllung verspricht. Die einst so hoch moralische Generation lernt: Nur kein Sex ist schlimmer als bezahlter.

Männer und Frauen bleiben Planeten mit unterschiedlicher Umlaufbahn. Wenn eine Begegnung dennoch glückt, ist das gut. Wenn nicht, auch das.

EBERHARD SEIDEL