Modernität des Massenmords

Michael Wildt beschreitet mit seinem Buch über das Reichssicherheitshauptamt neue Wege bei der Täterforschung. Dabei widmet er sich nicht nur der Vernichtung, sondern auch der Rückkehr der Mörder in die bundesrepublikanische Zivilgesellschaft

von MICHA BRUMLIK

Der israelische Historiker Yehuda Bauer hat in seinen Buch zur „dunklen Seite der Geschichte“ eine vergleichende Theorie moderner Genozide skizziert, an deren Anfang das präzedenzlose Verbrechen der Massenvernichtung der europäischen Juden steht. Intellektuellen komme bei derartigen Verbrechen eine zentrale Rolle zu, da nur sie über den für Mordtaten dieses Ausmaßes erforderlichen ideologischen Fanatismus verfügen. Freilich macht sich Bauer hier die schon von anderen vertretene These zu Eigen, dass diese Fanatiker „Lumpenintellektuelle“ gewesen seien – sozial deklassierte und nur fragmentiert gebildete Persönlichkeiten vom Schlage eines Joseph Goebbels. Nicht zuletzt ist Hitler selbst, als Buchautor ebenso wie als Kunst- und Musikliebhaber, als Anhänger Richard Wagners, ein Idealtyp dieses „Lumpenintellektuellen“.

Ein genauerer Blick auf die Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches zeigt freilich, dass Bauers Begriffswahl mehrdeutig ist: Im Zusammenhang mit der Vernichtung von „Lumpenintellektuellen“ zu sprechen, kann allenfalls eine moralische Qualifikation, aber keine sozialwissenschaftliche Einordnung darstellen. Betrieben wurde die Vernichtung nicht von spintisierenden Ideologen, sondern von entschlossenen, akademisch gut ausgebildeten Juristen und Geisteswissenschaftlern. Akademische Intellektuelle verwirklichten die Träume der Lumpenintellektuellen.

Michael Wildt, Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung, hat zu dieser Thematik eine bahnbrechende Studie vorgelegt. Mit seiner voluminösen Arbeit über die „Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes“, ist es ihm nicht nur gelungen, die grundsätzliche Frage nach den kausalen Faktoren der Vernichtungspolitik, die zwischen so genannten „Intentionalisten“ und „Funktionalisten“ noch immer strittig ist, plausibel zu beantworten, sondern auch, einen neuen Weg in der Täterforschung zu beschreiten. Dies gelingt Wildt in seiner Studie, die über sämtliche Quellen und den bisherigen Stand der Forschung souverän verfügt, indem er zwei vermeintlich veraltete Grundbegriffe der Soziologie wieder aufnimmt: Während Begriff und Theorie der „Institution“ zeigen, dass es zwischen intentional handelnden Personen hier und anonym wirkenden Strukturen dort noch ein Drittes, nämlich mit Macht ausgestattete Kooperationszusammenhänge von Handelnden gibt, kann der Begriff der „Generation“ dazu beitragen, zu erklären, warum Menschen derart ungeheuerliche Massenmorde planten und ausführten.

Mit der Institution des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), die bei der Ermordung der europäischen Juden federführend, fanatisch und aktiv immer wieder die Initiative ergriff, entstand der Prototyp einer von aller Rechtsbindung freien „kämpfenden Verwaltung“, deren Mitarbeiter eine besondere Motivation aufboten, sogar selbst zu töten. Bei ihnen handelte es sich, wie Wildt zeigt, in fast allen Fällen um die Generation der Jahrgänge 1902 folgende. Bekanntlich bezieht sich der sozialwissenschaftliche Begriff der „Generation“, anders als der demographische Begriff der Alterskohorte, nicht nur auf das bloße Geburtsdatum, sondern auf gemeinsame prägende Erlebnisse und Lebenslagen. Es war dies eine Generation meist protestantischer junger Männer aus aufstiegswilligen Kleinbürgerfamilien, die gewöhnlich als Erste in ihrer Familie einen gehobenen akademischen Abschluss aufwiesen, den Ersten Weltkrieg intensiv erlebt hatten, aber selbst nicht mehr an der Front waren, und während ihrer Jugendzeit im Milieu völkischer Gruppenbildung nur darauf warteten, sich ebenfalls „bewähren“ zu können.

Eine Chance dafür, sich gegen einen neuen Feind, „den Juden“ zu bewähren, bot das Reichssicherheitshauptamt, das im September 1939 gegründet wurde. Das RSHA war das Ergebnis einer vor allem von Himmler betriebenen Zusammenlegungspraxis im innenpolitischen Bereich. Die Konzentration und Zentralisierung verschiedener Polizeien, die Lösung polizeilichen Handelns aus allen rechtlichen Vorgaben sowie die weltanschauliche, nicht mehr gesetzlich vorgegebene Zielsetzung dieses Apparats ermöglichten ein Maximum an Flexibilität und Willkür. Am RSHA zeigte sich bereits damals, dass der unbestimmte Begriff der „Sicherheit“ die ideale Möglichkeit dafür darstellt, die strikte Trennung von Außen- und Innenpolitik, von Militär und Polizei, von Gesetzgebung und Weltanschauung zu unterlaufen. Die oft beschworene Modernität des Nationalsozialismus findet zumal hier ihren Ausdruck.

Minder modern scheint die offensichtliche Bereitschaft der damals etwa vierzig Jahre alten Familienväter gewesen zu sein, gegebenenfalls selbst als Leiter von Einsatzgruppen oder als Kommandeure der Sicherheitspolizei an Mordaktionen teilzunehmen, Menschen erschießen oder vergasen zu lassen: So sehr es sich auch um Schreibtischtäter handelte, so wenig verschmähten sie gegebenenfalls das mörderische Handwerk. Indem Wildt mit seiner Institutionentheorie und seinem gruppenbiografischen Verfahren ein Rätsel, das die Massenvernichtung aufgibt – den Gegensatz von Funktionalismus und Intentionalismus gelöst hat –, stellt sich eine weiteres Rätsel umso deutlicher: Was ging in diesen Personen vor, den arbeitsteiligen Mord nicht nur kühl und kalkuliert zu planen, sondern ihn offensichtlich hochmotiviert, ohne jeden Ekel auch selbst zu begehen? Und wie schafften sie den Weg in die Nachkriegsgesellschaft?

So wie Martin Sandberger: Der Sohn eines württembergischen Werkdirektors der IG Farben war Kommandeur der Sicherheitspolizei in Estland und ließ 1941 die estnischen Juden internieren und ihr Vermögen einziehen. Sandberger hatte die Ermordung von mehr als 900 Juden, 240 Sinti sowie 1.000 so genannten Kommunisten zu verantworten. Für ihn, der nach einem alliierten Todesurteil begnadigt und schließlich 1958, nach 13 Jahren endgültig freigelassen wurde, setzte sich damals nicht nur der spätere Gründer des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Hellmut Becker, ein, sondern auch der bekannte Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, der führende Sozialdemokrat Carlo Schmid und der Bundespräsident Theodor Heuss (FDP). An der gemeinsamen Generationengenossenschaft, um nicht zu sagen -komplizenschaft von RSHA und „Aufbaugeneration“ erweist sich endlich: Das akademisch aufgestiegene Kleinbürgertum, das Westdeutschland lange politisch prägte, war auch dort, wo es politisch halbwegs liberal dachte, entschlossen, die Massenvernichtung zu verdrängen. Letztlich verwunderlich ist vor allem eines: dass die Bundesrepublik trotz dieser Aufbaugeneration eine halbwegs erfolgreiche Demokratie werden konnte.

Michael Wildt: „Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes“, 964 Seiten, Hamburg Edition, Hamburg 2002, 40 €