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Protest der Privilegierten

Studenten gelten traditionell als unnachgiebige Gesellschaftskritiker. Sie haben, wie Humboldt es ausdrückte, die noch richtungslose Kraft der Jugend. Zudem bekommen sie an den Universitäten Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Manche sehen es daher geradezu als die soziale Aufgabe der Studenten an, die Einhaltung allgemeiner Werte wie Gerechtigkeit oder Frieden einzufordern. So weit die Theorie.

Manchmal scheint diese Theorie Praxis zu werden – etwa wenn, wie am Samstag in Düsseldorf, Studierende zu tausenden das Bürgerrecht auf „Bildung für alle“ einklagen. Nur traten die Studierenden gar nicht als Repräsentanten des Allgemeinwohls auf, sondern als Lobbyisten ihrer selbst. Sie protestierten schlicht gegen Studiengebühren. Keine Frage, es gibt gute Gründe, gegen das Bezahlstudium zu sein. Aber darum ging es den Studis nicht – sondern um den Erhalt ihrer Karrierechancen.

Verkehrte Welt: Ausgerechnet die Kinder der Bourgeoisie und des Angestelltentums, die bereits die Eintrittskarte für Uni und beruflichen Aufstieg in der Tasche haben, mokieren sich über mangelnde Bildungschancen. Nicht der Rede wert war ihnen dagegen der Skandal, der sich gleichzeitig in den unteren Regionen des Bildungssystems zuträgt: dass in den sozialen Brennpunkten des Landes bis zu 60 Prozent der ABC-Schützen gar nicht schulfähig sind, weil sie sich nicht artikulieren können.

Man könnte nun fragen, was das die Studis kümmern muss. Die Antwort ist einfach: Der Ort, in dem die künftigen Sozialfälle das Reden, Lesen und Schreiben nicht gelernt haben, ist der Kindergarten. Ein paar Jahre Kindergarten aber kosten bereits heute Geld – während selbst langes Studieren kostenlos ist.

Die Politik hat die verqueren Maßstäbe der Studis längst übernommen. Wagt sich ein Wissenschaftsminister heute, die Privilegierten des Bildungssystems durch Eigenbeiträge in der Karriere zu bremsen, gefährdet er seinen Posten. Teilt ein Schulminister dagegen cool mit, den zwei Dritteln eklatant benachteiligten Grundschülern nicht helfen zu können, dann passiert – nichts. Nun verlangt niemand von den Studenten, sich selbst zur Kasse zu bitten. Aber man kann von ihnen als junge Intellektuelle erwarten, dass sie der Gesellschaft den Spiegel vorhalten – und darüber aufklären, wie ungerecht und undemokratisch das Bildungssystem wirklich ist. Studiengebühren sind dabei noch das kleinste Problem.