Das Vertrauen in unsere lieben Hühnerchen

Auf dem Ökomarkt blieben die Eier glücklicher Hühner liegen, derweil blühten bei Bauern und Kunden die Verschwörungstheorien

BERLIN/FÜRSTENWALDE | taz ■ | Nitrofen oder Fußballweltmeisterschaft? Auf dem Ökomarkt auf dem Chamissoplatz in Berlin-Kreuzberg ist an diesem Samstag weniger los als sonst. Und noch etwas ist anders. An den Ständen, wo Eier und Geflügelfleisch verkauft werden, liegen und hängen jede Menge Schreiben aus. „Sicherheit“, „Kontrolle“ und „Garantie“ steht darauf. Doch all die Erklärungen, dass die Ökobauern nur eigenes Futter verwenden und nichts dazukaufen, helfen nicht allzu viel. Eier und Geflügelfleisch verkaufen sich heute schlecht. „Natürlich schädigt die Nitrofen-Geschichte das Bio-Image“, sagt Rainer Perske von der Gäa Una GmbH, die ökologische Produkte aus dem Brandenburger Umland vertreibt. „Das ist Wasser auf die Mühlen derer, die sagen, dass Öko sowieso nichts anderes als normal ist.“ Der Diplomagraringenieur und Bankkaufmann ist überzeugt: „Das ist politisch gewollt und wird neue Kunden verschrecken.“

Andere Verkäufer werden deutlicher. Ein Bauer aus dem Brandenburger Umland spricht von „Food-Terror“, „politischer Gegenarbeit“ und einem „gezielten Terrorakt“ gegen die Biobranche: „Es ist ja bekannt, dass große Teile der Bauern und Industrie das nicht wollen, was die Künast macht.“ Ein anderer, der ebenfalls seit Jahren seine Eier auf dem Chamissoplatz verkauft, vermutet „die Mafia“ als Verursacher. „Man weiß nicht, was rauskommen würde bei Kontrollen im konventionellen Bereich.“ Ein Kunde, der gerade ein Dutzend Eier kauft, stimmt ihm zu. „Das ist Sabotage und eiskaltes Machtkalkül“, schimpft er. Gemeint sind konventionelle Anbieter, die jetzt merken, „dass die, die früher belächelt wurden, erfolgreich werden“. An seinem Kaufverhalten ändert er nichts. „Ich vertraue diesem Betrieb und habe ein gutes Gefühl dabei.“

Vom Vertrauen seiner Kunden lebt auch Kurt Ziehmer. Er ist Besitzer einer ehemaligen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft der DDR. Auf 30 Hektar baut er Weizen, Hafer und Erbsen an. Für seine 800 Hühner der französischen Zuchtlinie Bovans noire und der internationalen Zuchtlinie Tetra brown. Der 57-Jährige mit den schlohweißen schulterlangen Haaren besitzt zudem 4.000 Quadratmeter mit diversen Ställen und Nebengebäuden, einen silber gestrichenen Hanomag-Traktor, eine Eiersortiermaschine aus den 60ern und 90 riesige Holunderbüsche. Einen Fernseher hat er nicht auf seinem Hof am Rand von Fürstenwalde, einer Kleinstadt, 40 Kilometer östlich von Berlin. In dem ehemaligen Pumpenhäuschen, wo er auf 30 Quadratmetern lebt, wäre auch kaum Platz dafür.

So erreichte ihn die Nachricht von dem Krebs erregenden Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen mit einiger Verspätung. „Was ist das denn?“, fragte sich Ziehmer. Der erste Gedanke: „Da hat jemand konventionellen Blödsinn gemacht.“ Verbrechen, Versehen, Unfall? Ziehmer regte sich auf, dass auf einmal die gesamte Biobranche am Pranger stand. „Das ist so, wie wenn jemand Öl auskippt auf der Autobahn und allen Autofahrern blöde Fragen gestellt werden.“ Doch er blieb zuversichtlich: „Das wird mich nicht groß tangieren.“ Denn er baut das Futter für seine Hühner selbst an. Er kauft lediglich ökozertifizierte Mineralstoffe dazu.

Doch die Auswirkungen des Nitrofenskandals bekam auch Ziehmer auf seinem Hof zu spüren, wo zu DDR-Zeiten 6.000 Schweine im Stall standen. Vertreter vom Veterinäramt nahmen zehn Eier in einem versiegelten Umschlag zur Überprüfung mit. Ökogeschäfte und -märkte in Berlin, die er beliefert und die wissen, dass er kein Futter dazukauft, baten um eine schriftliche Bestätigung. Für die Kunden. Also schrieb Ziehmer: „Wir verwenden ausschließlich hofeigene Ernte zur Fütterung unserer lieben Hühnerchen.“

Ziehmer nennt seine Hühner wirklich Hühnerchen. Und er tut alles dafür, damit sie sich wohl fühlen. Schließlich will er Eier von glücklichen Hühnern verkaufen. Zwanzig Jahre lang hat er als Möbeldesigner und Architekt in Düsseldorf gearbeitet, ist ständig mit dem Flieger nach Mailand gedüst, hatte eine riesige Designerwohnung, einen Jaguar und jagte immerzu Aufträgen hinterher. „Das stand mir irgendwann bis hier“, sagt er und zeigt auf seinen Hals.

„Ich habe Nachhaltigkeit gesucht und etwas, was zu mir passt.“ Als seine Familie nach der Wende ein Stück Land zurückbekam, erwarb er vor acht Jahren von der Treuhand die alte LPG, legte neue Wasser- und Stromleitungen, setzte neue Fenster in die Ställe ein, reparierte, besserte aus. Vor einem Jahr legte er dann los. Er hat gefunden, was er gesucht hat. „Hühner sind nicht zu große Tiere und das Ei ist perfekt. Von der Form, der Ästhetik und dem Inhalt.“

Den Verkauf der Eier übernimmt der Brandenburger Öko-Anbauverband Gäa, der 1988 in Dresden gegründet wurde und dem mittlerweile über 400 landwirtschaftliche Betriebe in vier Landesverbänden im Osten angehören. Für 23 Cent das Stück nimmt Gäa Ziehmer die Eier ab. In den Ökogeschäften und auf den Biomärkten in Berlin werden sie dann für 35 Cent verkauft. „Ich habe die teuersten Eier“, freut sich Ziehmer.

Er könnte, wenn er wollte, 6.000 Hühner halten. Doch daran denkt er nicht einmal. Zur Begründung zitiert Ziehmer einen Leitspruch der Architekten. „Weniger ist mehr.“ Sehr zu seinem Leidwesen stimmte dieser Satz auch am Samstag auf dem Ökomarkt in Berlin. Dort wurden von Ziehmers Eiern gerade mal 50 Stück verkauft.