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Goldene Palme für Polanskis „Der Klavierspieler“

Der Nazi ist der Andere

Vielleicht ist es nur eine dieser Koinzidenzen, die Wahrnehmung und Wirklichkeitssinn in Mitleidenschaft ziehen. Vor einem Jahr erhielt „Die Klavierspielerin“ von Michael Haneke den Großen Preis der Jury (die damals unter dem Vorsitz David Cronenbergs tagte). In diesem Jahr ist Roman Polanskis „The Pianist“, „Der Klavierspieler“, mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden. Über den Namen und das Klavierspiel hinaus verbindet die beiden Filme freilich wenig. Wo Haneke die Bosheiten Elfriede Jelineks auf die Leinwand bringt, ohne einem Trost zu gönnen, sucht Polanski ebendiesen Augenblick des Trosts. Er findet ihn in der Erzählung und in der Musik.

„The Pianist“ spielt während des Zweiten Weltkriegs in Warschau. Der Film gründet auf den Erinnerungen des jüdischen Klavierspielers Władysław Szpilman. Als Einzigem seiner Familie gelingt ihm die Flucht vor der Deportation. Erst lebt er im Ghetto, später überlebt er in Verstecken, zuletzt hilft ihm ein Gestapo-Mann, weil auch er Chopins Klavierstücke liebt. Dass der gute Nazi in russischer Kriegsgefangenschaft umkommen wird, erfahren wir im Abspann.

Adrien Brody verkörpert die Figur Szpilmans in einem Film, von dem Polanski zwar beteuert, er wolle sich nicht auf Hollywood-Formeln stützen. Trotzdem wählt er eine Form von Plot, Ausstattung, Kostümierung und Kulisse, die das Grauen des Ghettos in eine geschlossene Erzählung zu überführen versucht. Gerade das ist das Problem: Die Bilder von Typhuskranken am Straßenrand, die Häusergerippe der zerbombten Stadt, die mit einiger Drastik inszenierten Massenerschießungen laufen immer Gefahr, Dekor zu werden.

Dabei gehen der Anspruch auf Authentizität und die Mittel des Illusionskinos eine unselige Ehe ein, die ihrem Sujet, dem Holocaust, nicht gerecht werden kann. Was etwa soll man davon halten, dass die Nazis, mit Ausnahme des Gestapo-Mannes, als tumbe Brutalos vorgeführt werden? In „Maus“, Art Spiegelmans Comic über den Holocaust und das Überleben, mag diese diabolisierende Zuschreibung funktionieren, im Film verhält es sich anders. Bei Polanski ist der Nazi der Andere, von dem wir so weit entfernt sind, dass wir uns reinen Herzens abgrenzen können.

Andere Entscheidungen der Jury unter dem Vorsitz von David Lynch leuchteten eher ein: Den Großen Preis der Jury erhielt Aki Kaurismäki für „Der Mann ohne Vergangenheit“, die Geschichte eines Mannes, der, nachdem er zusammengeschlagen und im Krankenhaus für tot erklärt worden ist, zurück ins Leben tritt, ohne sich an seine Vergangenheit zu erinnern. Er landet in einer Containersiedlung, bei den Erniedrigten und Beleidigten, und verliebt sich in Irma, eine Mitarbeiterin der Heilsarmee. Wie immer bei Kaurismäki schwebt dies zwischen der Bitterkeit der Zustände und deren Aufhebung durch Lakonie – einer Lakonie, in der Menschlichkeit und Nächstenliebe nisten.

Nicht minder lakonisch war „Divine Intervention“ von Elia Suleiman. Der Film erhielt den Preis der Jury. Als beste Darstellerin wurde Kati Outinen für ihre Rolle der Irma in Kaurismäkis Film ausgezeichnet, bester Darsteller wurde Olivier Gourmet, der die Hauptrolle in „Le Fils“ von Jean-Pierre und Luc Dradenne innehatte. Den Film, dessen Form – die Kamera ist fast immer in Bewegung, ähnlich wie die Figuren, sodass nie ein überschaubarer Raum entsteht – muss man nicht mögen, um darin eine starke ästhetische Handschrift zu entdecken: etwas, was so manchem Wettbewerbsbeitrag fehlte. Der Preis für die beste Regie ging ex aequo an Paul Thomas Anderson („Punch – Drunk Love“) und an Im Kwon Taek, der mit „Chihwaseon“ die Biografie des südkoreanischen Künstlers Jang Seung Up verfilmte: ein dekoratives Stück Kino, das die Topoi der Künstlervita (Trunksucht, sexuelle Gier, Genie und Wahn) nicht auslassen mochte. Einen Sonderpreis gab es schließlich für Michael Moores Dokumentation „Bowling For Columbine“, den ersten Dokumentarfilm seit 46 Jahren, der im Wettbewerb lief. CRISTINA NORD