Verborgener Hunger

Satt sein genügt nicht

Weltweit leiden 2,5 Milliarden Menschen an einer Unterversorgung mit lebenswichtigen Mikronährstoffen. Vor allem Kinder sind betroffen.

Mais macht zwar satt, aber die zum Leben notwendigen Mikronährstoffe liefert er nicht.  Bild: reuters

BERLIN taz | Bei der Bekämpfung des Welthungers ist keine Verbesserung in Sicht. Eigentlich wollten die Vereinten Nationen (UN) in ihren „Milleniumszielen“ die Zahl der hungernden Menschen von 800 Millionen im Jahr 1990 auf 400 Millionen bis 2015 halbiert haben. Tatsächlich ist ihre Zahl aber im vergangenem Jahr auf über eine Milliarde angestiegen, Trend weiter zunehmend.

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Doch diese Zahl ist nur die halbe Wahrheit. Nach Abschätzungen des Ernährungswissenschaftlers Hans Konrad Biesalski vom Food Security Center an der Universität Hohenheim bei Stuttgart leiden weltweit 2,5 Milliarden Menschen an einer chronischen Unterversorgung mit lebenswichtigen Mikronährstoffen wie Zink, Eisen und Jod.

Biesalski spricht von einem „verborgenen Hunger“, der sich nicht in einem knurrenden Magen äußert, aber doch vielfältige körperliche Negativfolgen hat, vor allem bei Kleinkindern unter drei Jahren.

Mit einer Publikation („Satt sein ist nicht genug“) und einem Kongress will der Wissenschaftler auf die unbeachtete Ernährungskatastrophe aufmerksam machen, die nicht nur die armen Länder der „Dritten Welt“ betrifft, sondern auch die ärmeren Bevölkerungsschichten in den reichen Industriestaaten.

„Bei den Hilfsorganisationen wird der Hunger nur als quantitatives Problem gesehen“, kritisiert Biesalski. Vor allem bei spektakulären Hungerkrisen wird schnell energiereiche Nahrung mit ausreichend Fett, Eiweiß und Kohlehydraten in die Notregionen gebracht.

Sensor für Mikronährstoffe fehlt

Das Problem liegt darin, dass der menschliche Körper auf den Hungerimpuls mit Energiezufuhr reagiert. „Er hat aber keinen Sensor für den Mangel an Mikronährstoffen“, hebt der Ernährungsmediziner hervor. Diese Nährstoffe sind in den Hilfslieferungen nur gering enthalten. Die Folgen sind gesundheitliche Langzeitschäden.

Zu wenig Eisen führt zu Blutarmut und senkt die Immunschwäche, mit erhöhtem Infektionsrisiko. Der Mangel an Vitamin A kann vor allem Kindern das Augenlicht kosten. Ein Zinkdefizit begünstigt chronische Durchfälle. Zu wenig Jod hemmt die geistige Entwicklung.

Im Schnitt, so haben Ernährungsmediziner überschlagen, sterben weltweit jede Stunde 390 Kinder an den direkten oder indirekten Folgen des verborgenen Hungers noch vor ihrem fünften Lebensjahr. Am schlimmsten wirkt sich der Nährstoffmangel bei Kleinkindern in den ersten drei Lebensjahren aus. Hier tritt das Phänomen des „Stunting“ auf, einer Wachstumshemmung des gesamten Körpers. Die Kleinwüchsigkeit hält das ganze Leben lang an und kann auch später mit besserer Nahrung nicht wieder aufgeholt werden.

Kleinere Kinder

„In Westafrika haben 50 Prozent aller Kinder dieses Stunting“, berichtet Biesalski. Aber nicht nur dort: Bei einer Untersuchung an 250.000 Kindern in Brandenburg wurde festgestellt, dass der Nachwuchs aus ärmeren Familien im Schnitt ein bis zwei Zentimeter kleiner war als die Gleichaltrigen aus begüterten Schichten mit besserer Ernährung.

Stunting kann auch mit Übergewicht einhergehen, wie in Mexiko festgestellt wurde. Die Kinder bekommen mit Mais, Öl und Hähnchen zwar ordentliche Energieportionen, aber die Nährstoffe fehlen. Nur satt sein ist noch nicht gesund.

Bedeutsam ist der Ernährungsmix. Im Kongo, so geht aus den Erhebungen der UN-Welternährungsorganisation FAO hervor, decken Kinder ihre Energiezufuhr von 1.650 kcal täglich zu 80 Prozent allein aus der stärkehaltigen Wurzelknolle Cassava (Maniok) und aus Mais. Fleisch mit seinen hohen Nährstoffgehalten ist nur mit einem Prozent dabei (16 kcal). Die Folge: Jedes vierte Kind stirbt vor Erreichen seines fünften Lebensjahres.

Schlechte Prognose

Hinzu kommen Schäden bei der geistigen Entwicklung. Rund 200 Millionen Kinder weltweit haben nach Schätzung Biesalskis durch Armut und Mangelernährung „eine schlechtere kognitive und damit auch später schlechtere berufliche Entwicklung“. In der Schule liegen ihre Leistungen um bis zu zwei Noten unter denen der Mitschüler.

Eine Untersuchung in Ecuador fand heraus, dass der Sprachschatz von fünf Jahre alten Kindern aus ärmlichen Familien um 40 Prozent geringer war als der Nachwuchs der Bessergestellten. Eine falsche Ernährung füttert indirekt die Armut.

Mit dem „verborgenen Hunger“ geht auch eine „verborgene“, nämliche fehlende Forschung einher. „Während die Mangelernährung bei Senioren ganz gut untersucht ist, findet sie zu Kindern unter drei Jahren in Deutschland praktisch nicht statt“, kritisiert Biesalski.

Die Lobby fehlt

„Das Thema Übergewicht hat ins unserm Land eine enorme Lobby, das Thema Mangelernährung keine“, gibt der Stuttgarter Ernährungswissenschaftler selbst den Grund an für das Forschungsdefizit.

Auch aus diesem Grund hat Biesalski für den 6. bis 9. März 2013 zum weltweit ersten internationalen Kongress über verborgenen Hunger an seine Universität eingeladen. „Einige der weltweit führenden Wissenschaftler auf diesem Gebieten sind dann vor Ort“, kündigt Biesalski an.

Dabei soll es vor allem um die schnelle Verbesserung der Mikronährstoffversorgung im frühkindlichen „1.000-Tage-Fenster“ gehen sowie mittelfristig um die Entwicklung angereicherter Lebensmittel.

Die vier Säulen

Insgesamt müssen Veränderungen an den „vier Säulen der Lebensmittelsicherheit“ erreicht werden: die Verfügbarkeit von Lebensmitteln durch Anbau vor Ort, der Zugang zu ihnen durch Transport und Märkte, eine bessere Lebensmittelqualität durch mehr „Nahrhaftigkeit“ und hoher Mikronährstoffdichte sowie die Beeinflussung der Lebensmittelpreise.

„Diese vierte Säule ist die sensibelste“, so Hans Konrad Biesalski, „denn sie hat auf jede der drei anderen Säulen direkten Einfluss“. In Ländern, in denen bis zu 80 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben werden müssen, bleibt wenig Spielraum, wenn die Preise nach oben gehen.

An Lebensmitteln, die aus gentechnisch modifizierten Organismen (GMO) gewonnen werden, hat der Hohenheimer Ernährungsmediziner indes geringe Erwartungen. „Die Realität der GMO ist leider so, dass in erster Linie Erträge das Ziel sind und nicht die Qualität“.

 

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