Der Amoklauf von Nanterre

In der Pariser Vorstadt erschießt ein 33-Jähriger acht Gemeinderäte. Er war Sympathisant der Grünen. Der Täter fühlte sich in seiner Haut „sehr unwohl“

Es war 1.11 Uhr in der Nacht zum Mittwoch. „Die Sitzung ist beendet“, erklärte Nanterres Bürgermeisterin Jacqueline Fraysse. Die Ratsherren und -frauen griffen zu ihren Mänteln. Ein Mann, der einzige, der zu dieser Stunde noch im Publikum saß, erhob sich. In jeder Hand eine Maschinenpistole. Sein erster Schuss traf den Vizebürgermeister. Der sackte verletzt zusammen. Richard Durn schoss rund vierzig weitere Male. Unter seinen Kugeln starben acht Gemeinderäte. Neunzehn wurden verletzt. Einige von ihnen schwebten gestern noch zwischen Leben und Tod.

Das Rathaus von Nanterre ist ein Bunker in Pyramidenform. In der 100.000-Einwohner-Stadt am Westrand von Paris haben sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren die Architekten ausgetobt. Sie haben runde Häuser mit winzigen Fensterchen gebaut. Und dreieckige Wohnburgen, die Armeleutegettos geworden sind. Dazwischen liegen extravagante Hochhäuser, in denen große Unternehmen ihre Zentralen haben. Am Morgen nach dem Massaker ist das Rathaus ein Mausoleum. Aus den Straßen rundum streben Bürger in dunkler Kleidung auf den Bau zu. Vor den Eingängen liegen Blumensträuße.

Die Toten liegen noch im Ratssaal. Ermittler sind um sie herum an der Arbeit. Psychologen und Ärzte betreuen die Angehörigen. Die kommunistische Bürgermeisterin erklärt immer wieder, was geschehen ist. Sie hat Besuch vom Präsidenten, vom Premier, vom Inneminister und von fast allen französischen Parteichefs erhalten. Die Stimme der schlanken, blonden Frau mit der randlosen Brille zittert. Über ihre Lippen kommen beherrschte Worte des Mitgefühls. Den Schützen nennt sie „eine Person, über die wir noch nichts wissen“.

Der 33-Jährige hatte kein Wort gesagt, als er schoss. Sein erstes Opfer war der grüne Ratsherr, Pascal Sternberg. Dann starben vier Kommunisten, darunter drei Frauen, und drei Abgeordnete der konservativen Opposition. Durn zielte auf jeden. Auf den, der zum Handy griff, um die Polizei zu rufen. Auf andere, die zu fliehen versuchten. Auf die, die in die Knie gingen, um sich unter den im Halbkreis aufgestellten Pulten zu verstecken. Erst als er ein Magazin nachlud, überwältigte ihn ein Ratsherr. „Er hatte ihn fest im Griff“, beschreibt eine Frau mit geschwollenen Augen, „Kollegen riefen: Bring ihn nicht um!“ Durn schoss erneut. Er verletzte den Mann, der ihn überwältigt hatte. Momente später gelingt es anderen Ratsherren, den Schützen in ihre Gewalt bringen.

„Ohne ihr mutiges Eingreifen wären wir alle tot“, sagt die Bürgermeisterin. Der Schütze habe seine Opfer „auf allen Seiten“ gesucht, bestätigt der Staatsanwalt. Und er habe genügend Munition für seine insgesamt drei Feuerwaffen gehabt, um alle anwesenden 50 Ratsleute zu erschießen.

Im Gemeinderat von Nanterre war der Täter manchen bekannt. Er hatte sich öfter Ratssitzungen angehört. Bei Wahlen nahm er gelegentlich an der Stimmauszählung teil. Bis Mitte der Neunzigerjahre stand er den Sozialisten nahe. Später und zuletzt den Grünen. Er habe mit „linken und ökologischen“ Anliegen sympathisiert“, versichert jemand aus der Pariser Zentrale der Grünen, „aber Mitglied war er nicht“. Richard Durn war auch in der örtlichen Liga für Menschenrechte aktiv.

Bei einer ersten Vernehmung gab der Schütze gestern persönliche Motive als Grund für seinen Amoklauf an. Er habe sich in seiner Haut „sehr unwohl gefühlt“ und seinem Leben ein Ende setzen wollen, sagte Durn nach Angaben der Polizei. Er habe sich aus der Gesellschaft ausgeschlossen gefühlt und „existieren“ wollen. „Dafür musste ich jemanden töten.“

Der 33-Jährige lebte zusammen mit seiner Mutter 500 Meter von Rathaus entfernt. Er hat einmal Geografie studiert. Gehört einem Sportschützenklub an. Und besitzt für seine Waffen einen von der Präfektur ausgestellten Waffenschein. Seine Nachbarn hielten ihn für einen „diskreten Einzelgänger“. „Als ich seinen Namen in den Nachrichten hörte, dachte ich, er wäre eines der Opfer“, sagt eine alte Dame aus seiner Straße.

Mitte der 90er-Jahre hat Durn als Aufseher in einer Schule gearbeitet. Er sei sehr streng gewesen, erinnern sich die Schüler. „Ich hatte Angst vor ihm“, sagt die 16-jährige Angeline, „schon wegen 10 Minuten Verspätung schickte er mich zum Direktor.“ 1998 wurde Durn entlassen. Seither ist er arbeitlos. Als Student soll er psychische Probleme gehabt und Rat bei Behörden gesucht haben. Der Fernsehsender France 2 will herausgefunden haben, dass Durn einmal die Angestellten einer psychiatrischen Beratungsstelle mit der Waffe bedrohte. Das war 1998. Die Beratungsstelle soll den bewaffneten Auftritt lediglich in internen Akten vermerkt haben. Ein Vorstrafenregister hat Durn nicht. Für Polizei und Justiz war er ein Unbekannter.

Auf dem großen Vorplatz vor dem Rathaus haben sich alte und junge Leute versammelt. Schüler eines der Ermordeten, der Lehrer an derselben Schule war, wo auch der Schütze früher gearbeitet hat. Sozialarbeiterinnen aus „Problemstadtteilen“, die mit den Ermordeten ihre wichtigsten Ansprechpartner in der Politik verloren haben. Sie reden von einem „Verwirrten“ und von der „Tat eines Einzelgängers“. Bis sich ein junger Mann aus einer benachbarten Hochhaussiedlung durch den Journalistenpulk ganz nah an den Ratsherrn Samuel Rijik herandrängt, der immer wieder die Geschehnisse der Nacht schildert. „Das ist politisch“, sagt er im harten Französisch der Vorstadtjugend zu Rijik, „ist doch logisch.“ Dann klopft er dem Ratsherrn brüderlich auf die Schulter: „Beruhigen Sie Sich und gehen Sie einen Kaffee trinken.“