Am Anfang war der Pixel

Durch das Hobby zum Glück: Das Künstlerpaar F & U rekonstruiert die Freuden des Bastelns. Ob Pointillismus oder Computerbild – alles ist akribische Handarbeit

Selbstinszenierung ist ein Spiel mit Rollen und Rollenerwartungen. Zur Kunst wird sie, wenn Altbekanntes ironisch gebrochen wird. Das ist eine Spezialität des Münchener Künstlerpaars Friederike und Uwe. Rechts neber der Tür ihres Ateliers in der ehemaligen Funkkaserne in Schwabing steht ein Regal mit Friederike-und-Uwe-Devotionalien: F & U als Engel, Agenten, Nikoläuse, Schlagerstars. Als Seife, in Wundertüten, Schneekugeln und Geduldspielen. Ein Museumsladen ohne Museum, alles sieht nach Souvenir und Massenartikel aus und ist doch entstanden in akribischer Handarbeit. Mehr als 25 Originale pro Objekt gibt es nicht.

Nah am Kitsch ist die Kunst von F & U und verweist damit auf die Welt des Konsums. „Die Selbstinszenierung öffnet uns Fenster in Welten, die nicht unsere sind“, sagt Friederike. „Wir schnuppern rein und leben in dem Moment ganz darin – aber immer nur kurz.“

Friederike von der Weppen (33) und Uwe Wulz (36) lernten sich in den Achtzigerjahren während des Praktikums bei einem Kirchenmaler kennen, später trafen sie sich an der Akademie in München wieder. Die Entstehung des Künstlerduos F & U ist einer Postkarte im handelsüblichen Format zu verdanken. „PlasticLand“ hieß 1994 eine Ausstellung, in der Friederike realistische Malerei und Uwe Objekte präsentierten. Die Einladungskarte mit dem Titel „self-exhibition“ wird die erste gemeinsame Fotoinszenierung: Uwe in weißem Malerkittel vor einer Staffelei, Friederike späht im Blümchenkleid über seine Schulter. Im Hintergrund wölbt sich eine Bergkulisse unter blauem Himmel. Die Resonanz war groß, heute ist die Karte eine Rarität, und „aus Spaß wurde Ernst“.

Auch die Arbeit mit Ministeck basiert auf einem Foto. Vor vier Jahren bearbeiteten die Künstler ihre Adam-und-Eva-Inszenierung am Computer. Dabei fiel ihnen auf, dass die Pixel eines Bildes den kleinen Plastikplatten von Ministeck ähneln: rechtwinklig und wie die Steinchen eines Mosaiks zusammensetzbar – moderner Pointillismus. Nur: Wo gibt es noch Ministeck? Populär war das Hobby in den Siebzigerjahren. Ähnlich wie bei Malen nach Zahlen wurden die Plättchen in Kunststoffgitter geklemmt.

F & U inserierten, suchten Flohmärkte und Spielzeugläden ab. Ein Brief an die Firma mit der Bitte um Materialspende blieb unbeantwortet. Dann klingelte Monate später das Telefon. Es war „Herr Gottwald aus Nürnberg“, der Hersteller von Ministeck, der F & Us Brief in der Konkurspost der Vertriebsfirma gefunden hatte. Wenig später reiste Herr Gottwald samt Gattin und einem Karton mit Material nach München in die Domagkstraße. Unverhofft kommt oft, und F&U bekommen seitdem nicht nur materielle Unterstützung für ihre Arbeit, sondern sind auch die Einzigen, die Prototypen für neue Ministeckbilder für den Handel kreieren.

Der Reiz an der künstlerischen Verarbeitung von Ministeck, sagt Uwe, sei die „cleane Technik“: Es ist keine Reproduktion wie ein Druck, es ist nicht gemalt, und die Farben des Kunststoffs sind in jeder Packung exakt dieselben. U: „Durch die Struktur wird ein Ministeckbild fast schon zum Objekt.“ F: „Ich habe beobachtet, dass viele Eltern zu ihren Kindern sagen: Nicht anfassen!“ U: „… obwohl sie es gerne selber anfassen würden!“ Über 30 Bilder in verschiedenen Größen haben F & U gesteckt, das Adam-und-Eva-Bild ist das größte, 1,3 mal 2 Meter.

In der Galerie Völcker & Freunde sind bis Mitte April etwa 20 Werke zu sehen: Der Titel „happy hours“ verweist mit zweifacher Ironie auf die „harmonische Hobbytätigkeit“, die „viele glückliche Alltagsstunden“ bietet. Diese finden sich in den Bildern wieder, denn längst sind nicht nur F & U selbst ihr Motiv, sondern auch nostalgisch anmutende Porträts in Kolonialzeitoptik, Sportszenen und Bilder mit Vexiereffekt, ähnlich den vor einigen Jahren populären 3D-Bildern. Und von wegen harmonische Hobbytätigkeit: „Es ist ungeheuer mühsam“, sagt Friederike. „Ein Bild zu stecken dauert mehrere Wochen, manchmal Monate. Dann träumt man sogar in Pixeln.“