So wird die Welt auch nicht schlechter

„Wir ficken die Industrie“: Royal Bunker ist ein Jugendhaus und das größte Tape-Label für HipHop in Deutschland, wo auch die Berliner Rapper MOR veröffentlichen. In letzter Zeit häufen sich die Vorwürfe, die neueste Spezialität des Hauses sei Nazi-Rap

Jack Orsen, der einzig bekennende Rap-Roboter Deutschlands, schiebt Krise. Seit Stunden schon. Eigentlich wartet er seit 2000 Jahren auf diesen Augenblick. Auf den speziellen Moment, in dem sich der Himmel öffnet und er, Jack Orsen, endlich das tun kann, was ein Rap-Roboter tun muss. Schlechte Rapper frittieren, Weak MCs exekutieren, kurz: den Feind killen.

Doch wenn der Feind aus Neukölln kommt, zwei Köpfe größer ist und einen Zentner schwer, sieht die Sache schon anders aus. Wenn er Schallplatten veröffentlicht, die nur aus Drohungen gegen dich und deine Crew bestehen, besser noch: wenn er wirklich beginnt, deine Freunde und Kollegen auf offener Straße niederzuschlagen.

Dann wird auch aus dem abgebrühtesten Rap-Roboter ein ganz normal verunsicherter Typ, Mitte zwanzig, Hose auf Halbmast, die Baseballkappe schräg ins Gesicht geschoben. „Kann mir einer sagen, was dieser MOK von mir will. Ich hab dem Typen nie was getan. Und dann ruft er hier an, fragt, ob ich da wäre, und sagt, er würd vorbeikommen, was klarstellen. Kann mir einer sagen, was der Typ klarstellen will?“

Fehlanzeige. Keiner weiß es: Taktloss nicht, „der letzte tighte nigga“, PhoeManhSchuh nicht, „der Super MC und Reimbeherrscher“. Justus Jonas ebenso wenig wie all die anderen, die sich, vorsorglich bestellt, die Wartezeit auf den anstehenden Gangbang mit Six-Packs und Mutmaßungen über das Sexualleben von Destiny’s-Child-Sängerin Beyonce versüßen. Man ist sich nicht sicher, ob der erwartete Gast ein Vollblutpsychopath ist oder nur einer, der „Welle“ machen will, und sich, rein aus Publicity-Gründen den sagenumwobenen Royal Bunker ausgesucht hat – das Hauptquartier der erfolgreichsten Berliner Rap-Crew MOR.

Der Bunker, wie ihn hier jeder nennt, ist Sitz des gleichnamigen und größten Tape-Labels Deutschlands, Heimat zweier Miniatur-Ton-Studios, Redaktion der „Rap-PZ“, Merchandising-Versand und verschärftes Jugendhaus in einem. „Sozial-Bunker“ sagt Markus Staiger mit Blick auf die locker 15-köpfige Wrangel-Kiez-Crew in seinem Büro. Und: „Ab spätestens 14 Uhr ist es hier eh unmöglich zu arbeiten.“

Staiger – 30 Jahre alt, Eminem-Frisur, Goldkettchen überm XXL-Shirt – ist der manische Betreuer des Ganzen. Ein Exmusikjournalist mit abgebrochenem Philosophiestudium, der vor kurzem noch – als Fahrer des „King of Rap“ Kool Savas – Kassetten befreundeter Rapper aus dem Kofferraum verkaufte und nun ein schlagkräftiges HipHop-Imperium dirigiert, das noch so manchen Major-A&R zur Weißglut treiben dürfte. „Wir ficken die Industrie von unten in den Arsch“, lautete dann auch das konsequent hämische Motto einer „Royal Bunker“-Anzeige im HipHop-Magazin Juice.

Anlass: Der furiose Einstieg des MOR-Debüt-Albums „NLP“ auf Platz 65 der deutschen Album-Charts, ohne kostspielige Marketingkampagnen, ohne gekaufte Coverstorys. Ein Wunder in Zeiten, in denen die Industrie über radikale Umsatzeinbrüche am „neuen Markt“ des Deutsch-Raps klagt. „Bevor dein Label Konkurs geht / signen die mich / und du sitzt zu Hause / und willst eigentlich sein wie ich“, wie Staigers neueste Label-Hoffnung, der erst 18-jährige Kool-Savas-Protegé Eko treffend rappt.

„Ich habe irgendwann erkannt, dass HipHop nicht sozialkritisch und pc sein muss“

Staiger ist der wohl einzige Labelbetreiber in Berlin, der sich – Streetfame verpflichtet – neben der Abwehr von Major-Übernahme-Versuchen, auch um die reibungslose Organisation eines Gang-Fights kümmern muss. Sagt er und lacht.

Obwohl: „Sooo lustig ist es ja nicht. Es wäre kein Problem, wenn so ein Streit allein auf der musikalischen Ebene verhandelt würde. Dieser MOK disst uns, wir dissen zurück, ganz sportlich, und am Ende könnte man sehen wer die bessere Musik macht. Doch anscheinend gibt es Leute die das dann gleich mit körperlicher Action verbinden, und da hört der Spaß auf. Wir haben hier ja nicht die Gangbanger am Start. Unsere Leute sind normal kaputt, aber laufen nicht draußen rum, um anderen aufs Maul zu geben.“

Es ist nicht so, als wäre die innerstädtische Demarkationslinie zwischen verfeindeten Rap-Crews die einzige Front, an der Staiger heute operieren müsste. Normal kaputt zu sein, bedeutet im Falle Royal Bunker, weit über die Stadtgrenze hinaus als „extrem krank“ zu gelten. Und was gäbe es dieser Tage Kränkeres als homophoben, vor Sexismen strotzenden Battle-Rap? Richtig: Nazi-Rap. Der neueste, nun wirklich letzte Schrei. Und, wie man hört, d i e Spezialität der Mannen um Markus Staiger.

Man merkt ihm an, wie oft er in den letzten Wochen zu diesem Thema Stellung nehmen musste. Routiniert, fast schon ein wenig gelangweilt, kommentiert er Vorwürfe des Intro-Autors Hannes Loh, die, einmal in der Welt, sein Telefon nicht mehr still stehen lassen. Loh, die Jutta Ditfurth der sozialpädagogisch geschulten HipHop-Journaille, hatte für die Februar-Ausgabe der Intro einen großen Artikel beigesteuert, der auf rechtsradikale bzw. rassistische Tendenzen innerhalb der deutschen HipHop-Szene hinweist, verbunden mit der Ankündigung, im Sommer ein ganzes Buch zum Thema („Fear of a Kanak Planet: Hip Hop zwischen Weltkultur und Nazi Rap“) nachzulegen.

Hauptangriffsziel des Loh’schen Wake-Up-Calls: MOR, die selbst ernannten Masters of Rap. Ihr exzessiver – und für Loh offen rassistischer – Gebrauch des Wortes „Nigga“ trüge dazu bei, Deutschrap loszulösen aus dem Kontext „schwarzer Kultur“ und damit auch für Rechte interessant zu machen. Einen – zugegebenermaßen ebenso schwachen wie fragwürdigen – Afrob-Diss des MOR-Mitglieds Ronald MC Donald („Affen wie Afrob fliehen aus dem Zoo“) wertet Loh als direkte, rassistische Antwort auf den Erfolg antirassistischer Projekte wie „Brothers Keepers“ – ohne dem empörten Intro-Leser mitzuteilen, dass besagter Vergleich von einem drei Jahre alten Tape stammt und Ronald MC Donald als Migrantenkind wenig bis gar kein Interesse daran haben dürfte, antirassistische Projekte in Misskredit zu bringen.

„Diese Nazi-Rap-Kiste ist doch absurd“, sagt Staiger, der schon Polylux-Interview-Anfragen zum Thema ablehnen musste. „Schau dich um. Türken, Griechen, Asiaten, Schwarze, Araber und Deutsche: das reinste Nazi-Pack. Aber im Ernst: Es stimmt, dass auf unseren Releases Worte benutzt werden, die so nicht klar gehen, sobald sie einen Rahmen über die engere Crew hinaus verlassen, die nun mal einen sehr speziellen Humor hat. Wenn sich ein Grieche und ein Türke ‚Hitler&Hess‘ nennen, dann ist das nicht der beste Witz, aber es hat eine gewisse Ironie. Oder wenn Taktloss als Schwarzer rappt, er wäre beim Ku-Klux-Klan. Ein Problem wird es erst, wenn Leute so was hören, die nicht wissen, dass das ein Schwarzer sagt, ein Grieche oder ein Türke. Die das dann vielleicht aus den falschen Gründen gut finden.“

Genau deshalb habe man schon lange darauf geachtet, solch missverständliche Parts zu vermeiden, zumal einige Tapes – mit Auflagen von bis zu 10.000 Exemplaren – den „engeren Kreis“ eindeutig verlassen hätten. „Und was ‚Nigga‘ angeht“ – Hannes Loh spricht fälschlicherweise von „Nigger“ – „da ist es doch so: NWA haben auf ‚Niggaz4Life‘ exakt 241-mal das Wort ‚Nigga‘ benutzt, und das ist einer der Platten, die MOR definitiv stark beeinflusst hat, vor allem zu Beginn, als mit Taktloss auch ein Schwarzer bei MOR war. Das Wort wurde ja nie in einem rassistischen Kontext benutzt. Es war Rap, es ging um Rap, und es war nur im Rap-Kontext zu verstehen.“

Rap, an dem sich die Geister scheiden. Rap, der für die Fackelträger der alten „Public Enemy“-Lehre („Das CNN der Schwarzen“) wenig mehr als Schmutz pur ist. MOR üben lieber Rap als Kritik und werden dafür, von Teilen der orthodoxen Pop-Linken – die Rap bevorzugt mit „Sprache der Unterdrückten“ übersetzt und MC mit „Aktivist“ – als ernsthafte Bedrohung empfunden. „Ich habe irgendwann erkannt, das HipHop nicht sozialkritisch und pc sein muss“, sagt der frühere Advanced-Chemistry-Fan Staiger, während er es sich unter einem Bravo-Poster bequem macht, das Eminem mit angeworfener Motorsäge zeigt, „HipHop ist eben auch eine Prollkultur. Die meisten Rapper haben auch nicht mehr im Kopf als der Rest der Menschheit. Was aber nicht heißen muss, dass ihre Musik weniger gut ist. Und überhaupt: Ist die Welt durch Bob Dylan Songs besser geworden? Siehst du? Also wird sie auch nicht durch Royal-Bunker-Platten schlechter werden.“ Definitiv nicht schlechter wird die Welt durch Staigers neuestes Projekt, die Rap-PZ – auch wenn der U-Bahn-fahrende Leser des selbst erklärten „Punch Zeilen Magazins“ für „Muskelpimps“ und „Hoes mit grünem Lidschatten“ skeptische Blicke alternativer Mitreisender ernten dürfte. Doch das an Oi-Fanzines aus der sächsischen Schweiz erinnernde Cover-Artwork – inklusive Adler, Panzer und einem Paar zuschlagender Fäuste – kann nicht davon ablenken, mit der Rap-PZ die Zukunft des HipHop-Journalismus in der Hand zu halten.

Ob Staiger selbst die Musikindustrie-Misere mit der Post-BSE-Krise der industriell geführten Landwirtschaft vergleicht – der grenzdebile Chairman von Def Jam Germany wird bei Staiger kurzerhand zum Chef des Deutschen Bauerntages – oder eine Seite weiter ein „Pimp-Workshop“ Tipps zum „praktischen Rekrutieren von Champagner-Schlampen“ gibt: Selten hat man so gelacht. Das sich ausgerechnet „Tristesse Royale“-Herausgeber Joachim Bessing als Fan der ersten Stunde outet und nun gerne zum weiteren Gelingen des Projekts beitragen würde, macht den Irrsinn komplett. „Ich könnte mir vorstellen, dass der ne Kolumne kriegt, mit Foto und allem: er mit Scheitel und rosa Kaschmir-Pulli. Die würde dann ‚Wohin Rap geht …‘ heißen.“ Eine Idee, die Staiger sichtlich gefällt. Keine Spur von Tristesse im Royal Bunker. Alles scheint möglich: „Wir sind halt ein extrem unreifer, alberner Haufen.“ Ein Haufen, der den GangBang auf morgen verschiebt. MOK ist nicht erschienen: Besser ist das.