Ich gegen Wir

Die Freiheit des Individuums und das Scheitern an der Geschichte: Philip Roth hat mit dem Roman „Der menschliche Makel“ seine große Trilogie über das Amerika der Nachkriegszeit abgeschlossen

von GERRIT BARTELS

Er muss eine außergewöhnliche Ausstrahlung haben, dieser Coleman Silk, Held des jüngsten Philip-Roth-Romans, „Der menschliche Makel“. Hat als 71-Jähriger nicht nur eine Affäre mit einer 34-jährigen Frau, sondern schafft es auf seine alten und, wie man im Verlauf des Buchs erfahren wird, alles andere als beschaulichen Tage, dem Schriftsteller Nathan Zuckerman zurückzugeben, womit dieser aufgrund kreativer Ausgepumptheit und vor allem einer Prostatakrebserkrankung eigentlich abgeschlossen hatte: das Leben. Die Verstrickungen in das Leben. Die Bosheit der Welt. Coleman Silk hat von alldem im Überfluss. Er steht als einstiger Dekan und Professor für klassische Literatur am College des neuengländischen Städtchens Athena wegen einer unbedachten Äußerung unter dem Verdacht, ein Rassist zu sein, und er bittet den in seiner Nachbarschaft wohnenden Zuckerman darum, diese seine Geschichte aufzuschreiben.

Ein Roman über den Versuch eines Schwarzen, ein Leben als Weißer zu führen

Es schwingt in diesem Buch-gegen-Leben-Handel viel von der Befindlichkeit des Schriftstellers Philip Roth mit, denn Zuckerman ist Roths liebstes Alter Ego seit seinem 1979 erschienenen Roman „The Ghost Writer“, später aber auch sein problematischtes. Ende der Achtzigerjahre schien Roth auf der Stelle zu treten und keine neuen, geschweige denn aufregenden Stoffe mehr für seine Bücher zu finden. Da erzählte er ausdauernd gern die immer gleiche Geschichte eines Jungen, der sich gegen die Traditionen seines jüdischen Elternhauses auflehnt und diesem zu entkommen versucht. Noch wichtiger aber waren Roth die Reflexionen über Genese und Ursprung seiner Fiktionen, das Spielen mit der eigenen Autobiografie, die Rebellion auf dem Papier.

Nach Büchern wie „Gegenleben“, „Mein Leben als Mann“ oder „Tatsachen“ konnte man den Eindruck gewinnen, dass Philip Roth trotz aller handwerklichen Souveränität sich sehr verirrt hatte im Labyrinth literarischer Selbstbespiegelungen. Ein Opfer der Postmoderne, wenn man so will, das in „Tatsachen“ von Zuckerman, seinem Teufel und Eckermann in Personalunion, darauf hingewiesen wurde, am besten gar keine Autobiografie zu veröffentlichen: „Sie sind weitaus besser beraten, wenn Sie über mich schreiben, als wenn Sie akkurat von Ihrem eigenen Leben berichten.“

Noch besser beraten aber war Philip Roth, als er sich entschied, Zuckerman nur noch die Rolle des Zuhörers und des am Rande der Handlung figurierenden Erzählers zuzuweisen. Dabei entstand eine großartige, mit der Veröffentlichung von „Der menschliche Makel“ innerhalb weniger Jahre abgeschlossene Romantrilogie, in deren Zentrum die Schicksale dreier Männer stehen, die eng mit der amerikanischen Nachkriegsgeschichte verknüpft sind. Zuckerman ist dabei nicht mehr der fiktive Gegenspieler von Roth, sondern sein Handlanger, sein Verbindungsmann und Aufschreibsystem.

In „Amerikanisches Idyll“ ist es der „Schwede“ und blonde Jude Seymour Levov, dessen Wertvorstellungen nicht mit der Protestbewegung der Sechzigerjahre übereingehen und dessen Tochter für einen politisch motivierten Mord verantwortlich ist. Der Held von „Mein Mann, der Kommunist“ wiederum ist es der aus kleinen Verhältnissen stammende Jude Ira Mangold, dessen Karriere durch die McCarthy-Zeit ein Ende gemacht wird. Und in „Der menschliche Makel“ schildert Philip Roth die Lebensgeschichte von Coleman Silk, der zu einer Zeit sein persönliches Fiasko erlebt, „in der jeder an den Penis des Präsidenten dachte“, im Sommer 1998, als Bill Clinton wegen der Lewinsky-Affäre einem Amtsenthebungsverfahren entgegensieht.

Mit einem locker dahingesagten Satz über zwei Studenten, der Frage „Hat sie schon mal jemand im College gesehen, oder sind es dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen?“, setzt sich Silk dem Verdacht aus, ein Rassist zu sein, und seine wohl geordnete und sorgsam organisierte Existenz gerät aus den Fugen: Er lässt sich in den Ruhestand versetzen, seine Frau stirbt, und er provoziert zu allem Überfluss seine Mitbürger durch die Affäre mit einer jungen Putzfrau.

Nun belässt es Philip Roth nicht dabei, einen Campus-Roman zu erzählen, dessen Dreh- und Angelpunkt Sinn und Verfehlungen der Political Correctness sind. Vielmehr hat er mit dem „Menschlichen Makel“ einen Roman geschrieben über den Versuch eines Schwarzen, ein Leben als Weißer zu führen, ein von Rassenschranken uneingeschränktes, normales, produktives Leben. Einen Roman über Schwarz und Weiß und über die Unmöglichkeit, seine Herkunft hinter sich zu lassen, einen Roman über das Scheitern.

Der Ausdruck „dunkle Gestalten“ (im Original das nur schwer ins Deutsche zu übersetzende Wörtchen „spooks“, wie es der vorzügliche Übersetzer Dirk van Gunsteren im Innersleeve erläutert) und die Folgen für Silk sind dabei Anlass und Ausgangspunkt für Zuckerman/Roth, um Einblicke in ein Leben zu gewinnen, das schon in den Vierziger- und Fünfzigerjahren seine entscheidende Wendung nimmt. In dieser Zeit, nach dem Tod seines Vaters und in Abwesenheit seines bei der Navy verpflichteten älteren Bruders, beschließt Coleman Silk, Sohn schwarzer Eltern, aber vergleichsweise hellhäutig, seine Rassenzugehörigkeit zu ignorieren. Beschließt, sich der „Tyrannei des Wir“ entgegenzustemmen und „das grenzenlose persönlichkeitsstiftende Drama der Pronomina ‚Wir‘, ‚Sie‘ und ‚Ich‘ zu inszenieren“, wie es an einer Stelle heißt. Der Preis dafür ist hoch: Silk entsagt seiner Mutter, leugnet seine Vergangenheit, wird vom Bruder mit einem Familienbann belegt und muss später jederzeit damit rechnen, dass sein Leben in der Lüge auffliegt, vor allem bei der Geburt seiner Kinder und Enkelkinder.

Es ist der ewig junge Traum von der Freiheit des Individuums, den Philip Roth hier beschreibt, ein typisch amerikanischer Traum. Und der unerschütterliche Glaube daran, sich immer wieder neu erfinden, die Schwierigkeiten, die die Wirklichkeit dem entgegensetzt, überwinden zu können. Dabei ist es nicht nur Coleman Silk, der auf seinem „unverwechselbaren Ich“ besteht: Roth hat ihn umstellt mit drei aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen stammenden, aber ebenfalls mit einem Makel behafteten Personen. Da ist Silks Gegenspielerin am College, die karrieresüchtige, junge französische Professorin Delphine Roux, die glaubt, sich in Amerika von ihrer altehrwürdigen, adeligen und reichen Familie emanzipieren zu können. Da ist Faunia Farley, die Analphabetin, die in jungen Jahren von ihrem Stiefvater missbraucht wurde und die nicht wenig Mitschuld am Tod ihrer beiden Kinder trägt. Und da ist Les Farley, Faunias Exmann: Straßenarbeiter, Alkoholiker und als Vietnamveteran mit einem posttraumatischen Belastungssyndrom immer am Rande des Wahnsinns.

Sie alle bemühen sich, ihren Makel zu verbergen und Reinheit zu erlangen

Sie alle strampeln und mühen sich, ihren Makel zu verbergen, sie alle streben eine Reinheit an, die Faunia einmal als „barbarischen Witz“ bezeichnet. Doch es ist nicht dieses Streben nach Reinheit, nicht der jeweilige Makel, der sie ins Straucheln bringt, sondern, wie es Roth schon in „Amerikanisches Idyll“ auf den einen Punkt hin geschrieben hat, „die Tragödie des Menschen, der auf Tragödien nicht vorbereitet ist“. Alle seine Figuren sind gefangen in der Geschichte, die ausgerechnet aus Silk, wegen des Worts von den „dunklen Gestalten“, einen Rassisten macht, aus einer erfolgreichen Professorin eine einsame Frau, aus einem einfachen Mann vom Land einen Vietnamveteranen. Gegen diese Geschichte haben sie alle keine Chance: „Das unentrinnbare Wir: das Jetzt, das gemeinsame Schicksal, die vorherrschende Gemütsverfassung, die Stimmung des Landes, in dem man lebt, der Würgegriff der Geschichte, die das eigene Leben ist.“ Amerika 1998, die Zeit einer anderen großen Reinigung, Bill Clinton betreffend, die konservative Gesinnung in einer Stadt wie Athena, im Gegensatz dazu die Eigenheiten und Feinheiten der Political Correctness an den Universitäten – alles den Figuren eingeschrieben, alles drin in diesem Roman, alles kunstvoll miteinander verwoben.

Insbesondere was die Political Correctness anbetrifft, schimmert immer wieder durch, was Roth von ihr hält: Delphine Roux kommt nicht unbedingt gut weg bei ihm, bei Zuckerman, bei Silk, dem Männertrio. Die „feministische Perspektive“ steht da zwar gegen eine „versteinerte Pädagogik“, macht aber trotzdem keine gute Figur, und darüber hinaus wird, Reaktion! Reaktion!, an den verschiedensten Stellen ein kultureller Werteverfall des Landes beklagt (das ließ einen ja schon in „Amerikanisches Idyll“ manches Mal stutzig werden).

Andererseits ist der Autor Philip Roth gut geschützt durch die vielen in seinem Buch vorkommenden Stimmen, die unterschiedlichen Erzählpositionen, die er einnimmt. Im Gegenzug schützt auch er seine Figuren, verurteilt er sie nicht, wenn ihre Positionen noch so unmoralisch sind. Der Furor des Vietnamveteranen, die hellsichtigen Gedanken Faunias, die Hilflosigkeit und Heimtücke Delphines, der verschlungene, gleichzeitig sehr klar daliegende Lebensweg Silks, der nicht ohne Gemeinheiten gegangen wurde – „Der menschliche Makel“ besteht aus einem oft furiosen Bewusstseinsstrom. Dieser hat etwas von der Kraft eines energischen Raps, kommt mitunter einer sehr weltlichen Liturgie gleich, verschafft tiefe Blicke auf den Grund menschlicher Seelen, vermittelt dabei aber, dass man diesen Grund in seiner Gesamtheit und Vielfalt nie wird erfassen können.

Die eine, verbindliche Wahrheit gibt es eben nicht. Hat sich Silk in seinem Leben bis zu den „dunklen Gestalten“ nicht auch wohl gefühlt? Man kann darüber nur spekulieren. Was steht im Tagebuch der vermeintlichen Analphabetin Faunia? Zuckerman wird es nicht mehr erfahren. Hat am Ende doch Les Farley Silk und Faunia, die bei einem Unfall ums Leben kommen, auf dem Gewissen? Es bleiben immer blinde Flecke und Geheimnisse, in jeder Biografie, in jedem Leben. Philip Roth hat mit „Der menschliche Makel“ die Art von Geschichte erzählt, die die Menschen aus dem Leben machen.

Philip Roth: „Der menschliche Makel“. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2002, 400 Seiten, 24,90 €