Deutsch vergast, marokkanisch vergessen

In den 20er-Jahren bekämpfte Spanien rebellierende Marokkaner mit Giftgas aus deutsch geführter Produktion. Die Spätfolgen wirken bis heute nach. Aber Marokkos Regierung unterdrückt Versuche der Opfer, darüber zu reden

MADRID | taz ■ | Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist in Marokko unerwünscht. Das musste jetzt die „Vereinigung zur Verteidigung der Giftgasopfer im Rif“ (ADVGT) erfahren, in der sich Opfer des spanischen Giftgaskrieges in den 20er-Jahren gegen antikoloniale Aufstände sowie deren Angehörige zusammengefunden haben. Die vor zwei Jahren gegründete Gruppe plante für dieses Wochenende ein Kolloquium über den Giftgaseinsatz und seine Spätfolgen. Die marokkanische Regierung verbot die Konferenz, zu der internationale Spezialisten nach Alhucemas in Nordmarokko geladen waren.

Der Vorsitzende der ADVGT, Ilias Omri, vermutet diplomatische Gründe hinter dem Verbot. Das Verhältnis zwischen Marokko und Spanien ist angespannt. „Rabat möchte Madrid nicht noch zusätzlich verärgern“, vermutet Omri, der jetzt zum zweiten Mal umsonst ein Kolloquium vorbereitet hat. Bereits im April 2001 wurde eine geplante Konferenz verboten. „Dabei wollen wir uns gar nicht in die Politik einmischen“, erklärt Omris Stellvertreter, Aziz Benazzouz.

Die ADVGT will eine wissenschaftliche Studie über die hohe Krebsrate im nordmarokkanischen Rif-Gebirge durchführen, wo das Giftgas in den 20er-Jahren eingesetzt wurde. „In den 60er- und 70er-Jahren starben tausende von Menschen“, berichtet ADVGT-Sprecher. Er selbst hat Vater, Mutter, die Großmutter und zwei Onkel durch Leukämie, Lungen- und Kehlkopfkrebs verloren. Sie alle hatten den Krieg im unwegsamen Gebirge miterlebt.

Die Gruppe sieht auch eine deutsche Verantwortung für den Giftgaskrieg in Marokko. „Wir Rif-Bewohner waren die Versuchskaninchen für die deutsche Giftgasindustrie“, erklärt der ADVGT-Vizepräsident. Nach dem verlorenem Ersten Weltkrieg, in dem auch Giftgas zum Einsatz gekommen war, forschte Deutschland weiter nach Kampfgasen. Als aus Spanien eine Anfrage dafür kam, war dies der deutschen Industrie recht. Der deutsche Wissenschaftler und Oberleutnant Franz Stolzenberg unterzeichnete im Auftrag der Reichsregierung und Heeresleitung in Berlin am 20. Dezember 1923 ein Geheimabkommen mit Madrid. Anschließend betreute er den Bau einer Produktionsstätte für Lost und Phosgengas bei Madrid. In Melilla, einer spanischen Enklave an Marokkos Küste, baute er eine Giftgasfabrik und Abfüllanlage aus.

Spaniens Kriegsstrategie gegen die rebellischen Berberstämme unter Leitung von Abd el Krim sah so einfach wie brutal aus: Die Verseuchung von Feldern und Wasserstellen sollte den Rebellen die Basis in dem unwegsamen Rif-Gebirge entziehen. Die Bombardierung von Wegen und Marktflecken sollte die Bevölkerung und die Rebellen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken.

Nach Untersuchungen des deutschen Journalisten Rudibert Kunz und des Militärhistorikers Rolf-Dieter Müller wurden in nur zwei Jahren 10.000 Bomben mit über 500 Tonnen Lost abgeworfen. „Damit verfügte Spanien immerhin über mehr als ein Drittel der Lost-Menge, die Großbritannien und Frankreich zusammengerechnet während des Ersten Weltkrieges produziert hatten“, heißt es in ihrem Buch „Giftgas gegen Abd el Krim“. Zehntausende starben im Krieg.

Auch die Spätfolgen sind verheerend. Im Krebszentrum in der marokkanischen Hauptstadt Rabat kommen 60 Prozent der Patienten aus der einstigen Kriegsgegend um Alhucemas. Viele sind Nachfahren von Kriegsopfern. „Bis heute weiß keiner, ob das daran liegt, dass unsere Heimat noch immer verseucht ist, oder ob Giftgas Mutationen auslöst“, sagt Benazzouz. Er will, dass sich Spanien und Deutschland offiziell entschuldigen und an wissenschaftlichen Untersuchungen beteiligen. Das jetzt verbotene Kolloquium sollte als Auftakt für eine breite Kampagne dienen.