Heimatloses Schnoorarchiv?

■ Kein Platz für die Welt von gestern? Wilfried Loose, betagter Gründer des Schnoorarchivs, macht sich Sorgen um die Zukunft der Sammlung

Wolfgang Loose ist ein wandelndes Archiv. Das darf man von dem honorigen Schnoorianer ruhig sagen: Seine Sammlung ist ihm so ans Herz gewachsen, dass er als Teil des Ganzen gelten muss. Als Schlüssel zu einer aussterbenden Welt – dem Schnoor im letzten Jahrhundert, dessen Hinterlassenschaften er chronologisch in Leitz-Ordnern und angejahrten Schränken vorm Vergessen – werden behütet.

Briefe von Schnoor-BewohnerInnen aus den 30ern hat er. Aus den 40ern Original-Zeitungen, die offenbaren, dass die Nazis aus dem Schnoor ein historisches Vorzeigestück machen wollten. Und natürlich den ersten Entwurf des „Ortsstatuts für das Schnoorviertel“, säuberlich maschinengetippt und gebunden, aus den 50ern. Dazu jede Menge Zeitungsausschnitte. Eine Sammlung, von der Staatsarchivare wie Günther Rohdenburg freiweg vermuten: „Wahrscheinlich ist sie spezieller als alles, was wir hier zum Schnoor haben.“ Doch Loose treiben Sorgen um. „Ich bin schon 84 Jahre“, sagt er. Wo wird das Schnoor-Archiv unterkommen, wenn ich nicht mehr bin?“

Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist schon das Haus, in dem das Archiv seinen Sitz hat – mit Eingang zur Straße „Am Landherrenamt“, der nach dem Krieg abgeschafften vormaligen Königstraße und noch früheren Süsterstraße.

Dass Loose sowas weiß, ist Ehrensache. Familienehrensache. Denn er hat die ehemalige Verkaufsstube des ehemaligen Schnoorbäckers in sein Archivbüro verwandelt. Denn des Schnoorbäckers Tochter ist Looses Frau Anneliese. Seit über 50 Jahren. Zusätzliche acht hat die zierliche Frau auf den Auserwählten gewartet, bis er 1951 aus französischer Gefangenschaft zu ihr nach Bremen kam. Seither steht sie hinter ihm – und seiner Dokumentensammelei, die der Hüne erst heimlich, später aber offen und völlig ungehemmt betrieb. Vor allem ab den 80ern, als die Familie die Backfabrik dicht machte – auf deren Gelände heute die Birgitten ihr Kloster bauen.

Auch dass Loose und der damalige Landesdenkmalpfleger Karl Dillschneider „dicke“ waren, hat wohl die Sammlung bereichert. Sogar Scherben von Ausgrabungen stehen im Lager des Archivs, hinter dessen Sprossenfenstern schwarz-weiße Fotos gealtert sind. Draußen, auf dem Schnoor, stehen Jugendliche und diskutieren. „So haben die früher ausgesehen?“, mokiert sich einer über ein Bild von Kindern in Kittelschürzen.

Jemand anders fragt: „1938 war doch Krieg. Meinst du, das Foto ist echt?“ Wieso denn nicht, will ein dritter wissen. „Na, weil im Krieg mache ich doch keine Fotos.“

Hätten die Jugendlichen ans Fenster geklopft, Herr Loose hätte ihnen gesagt, dass 1938 noch kein Krieg war – und dass ihm eins dieser Kinder neulich sogar geschrieben hat. Ein Mann, der sich bei einem Bremen-Besuch auf diesem Bild erkannt hatte. Den erbetenen Abzug hat Loose natürlich prompt erledigt.

Tausend solcher Geschichten hat der Senior parat. Über die Kutscherin, die die Brote der Schwiegereltern ausfuhr, über „Mutter Menkens“ und all die anderen hinter den Fenstern des Schnoor.

In den 70ern hat er mit Dillschneider sogar ein Buch darüber gemacht. Eine Antwort auf moderne Zeiten: „Da hat ja schon niemand mehr Neugierige ins Haus gelassen. Es kamen ja auch so viele“, erinnert sich Loose.

Vorbei sind auch die gemeinsamen Straßenfeiern mit Nachbarn – oder Ausflüge des ganzen Viertels, beispielsweise mit der Feuerwehr zum Lankenauer Höft, wo alle löschen lernten. Ein Wissen, das Frau Loose zuletzt vor einem Jahr beim Brand im Café Tölke gleich nebenan anwendete. Mit Eimer und Feudel stand sie auf dem eigenen, angrenzenden Dachboden, um Hab und Gut zu verteidigen – inklusive der Dokumente des Ehemanns. „Das ist sein Lebenswerk“, sagt sie. „Es muss in gute Hände kommen.“

Doch die beiden Looses machen sich nichts vor. Die Uhr läuft. Vielleicht landet die Sammlung irgendwann im Staatsarchiv. „Dem Dillschneider ist das so gegangen“, erinnert sich Loose daran, wie er nach dem Tod des ehemaligen Mitstreiters in dessen verwaistem Arbeitszimmer stand. Vor den Lücken im Regal.