Landhaus der toten Seelen

In den Schuhen von Mrs. de Winter: Nicole Kidman in dem Mystery-Film „The Others“ von Alejandro Amenábar Nebel. Mit der Bibel gegen das Böse, mit Rückblenden gegen Special Effects. In Spanien und den USA boomte das Spukhaus

Dieser Film ist gruselig und spielt in einer längst vergangenen Zeit. Aber seine Geschichte ist fantastisch und beginnt im Jahr 1997. Mit „Abre los ojos“ dreht der erst 25-jährige Alejandro Amenábar einen Film, der mit den finanziellen Mitteln des spanischen Films kaum zu realisieren ist. Eine abgründige Erzählung von Gesichtsverlust und -rekonstruktion. Mit einer hochkomplexen Rückblendenstruktur und mäßigen Schauspielern stößt sie immer wieder an die Grenzen der eigenen Realisierbarkeit.

Der nationale Erfolg bleibt dennoch nicht aus, was auch an der Mitwirkung der international noch unentdeckten Penelope Cruz liegt. Was immer nun Tom Cruise an diesem Film fasziniert haben mag: Kurz darauf macht er dem jungen Talent das Angebot eines Remakes. Das profane Ergebnis ist „Vanilla Sky“ und kommt demnächst in der Regie von Cameron Crowe in unsere Kinos. Amenábar wiederum lässt sich von Cruise „The Others“ produzieren – und erzählt mit einfachsten Mitteln eine denkbar simple Ghost Story. Das US-Publikum ängstigt sich zu Tode, beschert der amerikanisch-europäischen Koproduktion Rekordeinnahmen, und Hollywood versteht die Welt nicht mehr.

Die Lösung des Rätsels ist so fantastisch nicht. Die Geschichte vom abgelegenen Spukhaus ist hundertmal verfilmt worden. Die Gespenster bleiben wie in jedem guten Horrorfilm hinter der Tür. Das Grauen dem inneren Auge zu überlassen, ist noch immer der wirkungsvollste Trick. Anders gesagt: Mit bewundernswertem Verzicht auf Spezial- und Schnitteffekte spricht Amenábar ganz einfach die seit Hitchcock international verständliche Sprache des Suspense.

Dann schreibt das Wunderkind auch noch die Musik selbst, und schon wird aus dem postmodernen Gambler ein Global Player. An einen Film wie „Rebecca“ kann man auch denken, wenn Nicole Kidman nun durch die Korridore streift, Türen öffnet und Schubladen aufmacht, um darin vergilbte Fotoalben zu finden. So wie die junge Mrs. de Winter damals den Geist dem verstorbenen Vorgängerin nachspürte, so sucht Grace nun nach Spuren der „Anderen“, die sie und ihre kleine Familie terrorisieren. Allerdings agiert sie entschieden resoluter. Die Geister mögen durchs Haus poltern und unsichtbare Hände Klavier spielen. Die hochgeschlossene Hausherrin hat eine Waffe: den Glauben. In ihm erzieht sie auch ihre zwei Kinder, lässt sie Bibelverse auswendig lernen und droht bei Protest mit der Kinderhölle. Und so regiert sie auch ihr neues Personal, das an die Geister glaubt und schon einmal hier gearbeitet hat, „vor langer Zeit“.

Die Gesellschaft ihres Gatten muss Grace missen. Es ist das Jahr 1945 auf der Kanalinsel Jersey. Der Mann wird im Krieg vermisst. Aber spielt das eine Rolle? Eine seltsame Anomalie beherrscht diese Welt im Nebel. Gesellschaft überhaupt findet hier nicht statt. Amenábars Kunstgriff besteht darin, uns mit wenigen Erklärungen völlig zufrieden zu stellen. Woher diese trostlose Abgeschiedenheit? So ist das wohl auf einer Insel zu Kriegszeiten. Warum müssen die Räume verdunkelt bleiben? Natürlich, die Kinder haben eine Lichtallergie. Kleine Andeutungen entscheiden darüber, ob wir es mit menschlichen oder überirdischen Phänomenen zu tun haben. Das Gefühl der Angst bleibt davon unberührt. Als die freundlichen Angestellten einen teuflischen Plan auszuhecken scheinen, ist das keineswegs beruhigend. Und als Grace im unwirklich dichten Nebel ihrem Mann begegnet, von den Schlachten gezeichnet, ist er da und doch nicht da. Traum oder Realität, die Furcht bleibt.

Natürlich ist es vor allem das nostalgische Flair, das „The Others“ von neueren Mystery-Thrillern wie „Sixth Sense“ abhebt. Viktorianische Kommoden sind einfach behaglicher als ausflippende Kühlschränke und Fernsehgeräte. Und sicher hätte Amenábar sein Manderley weniger konventionell abfilmen können. Die ewige Zimmertotale macht aus dem Landhaus der toten Seelen ein berechenbares Spukhaus der toten Winkel.

Aber selbst notorische Auskenner werden zugeben müssen, dass Nicole Kidman hervorragend spielt. Während der Dreharbeiten erfolgte die Trennung von Tom Cruise. Vielleicht hat ihr das geholfen, sich hier von Amenábar ganz langsam in den Wahnsinn treiben zu lassen. Zu Anfang macht sie noch ein paar sehr gute Witze über die Deutschen, die hier bei ihrem Durchmarsch „das Licht geklaut haben“ und die Amenábars Aneignung angloamerikanischer Vorbilder wohl nie nachvollziehen könnten. Doch vom angelsächsischen Ideal, durchaus nach dem Bild von Grace Kellys geformt, bleibt am erstaunlichen Ende nur die blonde Blässe.