Lulu-Rufe im Reych des Uhu

Immer freitags kommen die Ritter der „Schlaraffia“ in einem Keller zusammen, um ganz ernsthaft sinnfreie Rituale zu vollziehen. Die Wurzeln des antielitären Männerclubs reichen ins 19. Jahrhundert

von JAN ROSENKRANZ

Was soll man halten von erwachsenen Männern, die einen ausgestopften Uhu verehren? Männer, die sich mit „Lulu“ begrüßen, im Pluralis Majestatis anreden und sich gegenseitig begeistert in den Kerker sperren – solche Männer provozieren Fragen. Zum Beispiel: Was soll das Ganze?

Alles beginnt mit dem Gong des Tamtam. Immer freitags und „Glock acht des Abends“ mutieren gestandene Männer in dunklen Anzügen zu Rittern. Dann kehren sie der profanen Welt den Rücken, steigen hinab in ihre Arminburg und tauchen ein in Schlaraffia, ins „Hohe Reych der Berolina“. Das Schlaraffenland liegt nicht hinter den sieben Bergen sondern hinter einer Kellertür im zweiten Hinterhof eines gründerzeitlichen Gewerbehofes in Tiergarten. Schlaraffia Berolina e.V. Von „Lethemond“ bis „Ostermond“, also von Oktober bis April trifft man sich zur wöchentlichen „Sippung“.

„Schlaraffia ist die innige Gemeinschaft von Männern, die in gleichgesinntem Streben die Pflege der Kunst und des Humors unter gewissenhafter Beachtung eines gebotenen Zeremoniells bezweckt und deren Hauptgrundsatz die Hochhaltung der Freundschaft ist!“, besagt das alte Regelwerk. Man gibt sich verschlossen, doch eine Loge ist man nicht. Vorhang auf!

Erster Akt, erste Szene. Ritter Bötrix, der „reegängige Wellenreyter“ wandelt durch den schummrigen Raum mit Bar und niedriger Decke – die „Vorburg“. Eilends begrüßt er einreitende Gäste und ruft: „Lulu!“ Im profanen Leben heißt der Ritter Köpcke. Rolf Köpcke. 42 Jahre lang war er Angestellter. Heute ist er Rentner in Berlin und Marschall im Reych. Seit zwei Dutzend Jahren legt Rolf Köpcke freitags die Rüstung an, setzt den Helm auf die spitzen Ohren und vergißt einen Abend lang, dass er 68 Jahre alt ist. Die Rüstung: ein rotblauer Umhang aus Baumwolle, übersät mit Orden und Abzeichen. Auch der Helm kann keiner Lanze trotzen. Man könnte Rolf Köpcke für einen Karnevalisten halten. „Humoristisch geht es bei uns auch zu, aber wir pflegen doch mehr die künstlerische Komponente“, sagt Bötrix. „In arte voluptas“ – in der Kunst liegt Vergnügen, steht in großen Lettern über der Saaltür.

Zweite Szene. Ceremonienmeister Ritter Strukturello, der Aufgeräumte, stampft mit dem reich verzierten Ceremonienstab auf das Linoleumparkett und ruft gewichtig: „Das Reich werde sesshaft.“ Ritter Bötrix schlägt stolz das Tamtam, und Seine Herrlichkeit Oberschlaraffe Ritter Simsalabim von Marzipanien durchmisst erhabenen Schrittes den holzvertäfelten Saal. Alle rufen „Lulu“, er postiert sich hinter einer mit Kerzen und Schnickschnack geschmückten Opferbank und breitet gebieterisch die Arme aus.

Die Männer haben an Holztischen Platz genommen, sagen „Ehe“ statt Prost und laben sich an „Quell“ statt Bier, an „Lethe“ statt Wein. Die Styxin flitzt zwischen Burg und Bar hin und her. „Weiber“ werden ausschließlich Getränke servierend in der Burg geduldet. Nur auf Sommerfesten und Weihnachtsfeiern ist die Anwesenheit der „Burgfrauen“ erwünscht.

Eherner Grundsatz in Schlaraffia: keine Politik, keine Religion, keine Geschäfte

Dritte Szene. Der Oberschlaraffe gibt der Kapelle den Einsatz. Die Musikanten hauen in die Tasten des Clavicimbel und greifen in die Saiten des Minneholzes. Man singt das Sippungslied – bei der Zeile „dem Uhu gilt der erste Gruß“ erheben sich alle Ritter und verneigen sich vor dem ausgestopften Vogel, der an der Wand vor sich hinstaubt.

Zeitreise zu den Ursprüngen: Im k.-u.-k.-regierten Prag pflegt die bessere Gesellschaft höfischen Standesdünkel, Prunksucht und Titelei. Ein Klub namens Arkadia gibt den Ton an. Bis im Herbst 1859 deutsche Schauspieler, Akademiker, Bürger und Künstler den „Proletarierklub“ gründen, um jene Zustände zu persiflieren. Man ruft das „Schlaraffische Reych“ aus, verkleidet sich ritterlich und verleiht einander sinnlose Orden. Kurzum: Die Schlaraffen schnüren ein enges Regelkorsett, um durch Übertreibung alles Gesellschaftliche ad absurdum zu führen. Neben der Tür des Lokals, in dem man sich trifft, steht ein ausgestopfter Uhu. Das war das Jahr Null „a. U.“, „anno Uhui“.

Im Zeichen des Uhu flattert die Idee von Prag hinaus ins Uhuversum. Im Jahre 6 a. U. wird in Berlin das erste Tochterreych gegründet: Berolina. Die Allschlaraffische Stammrolle verzeichnet heute 418 Reyche. 251 leben noch. Von Stockholm bis Buenos Aires, von L.A. bis Kobe „sippen“ weltweit über 11.000 Ritter aller Nationalitäten. Amtssprache ist Deutsch – ein altertümliches Deutsch, vermengt mit Schlaraffenlatein und der Rhetorik germanischer Polizeiprotokolle.

Heute, im Jahre 142 a. U., prägt die Schlaraffen eine tief empfundene Ablehnung gegenüber Rotary- und Lions-Club und deren elitärem Gestus. Bei ihnen darf jeder Mann mitmachen, sofern „von unbescholtenem Ruf, in reiferem Lebensalter und gesicherter Stellung.“ Den Ritterschlag erhält jedoch erst, wer die Stadien „Pilger“, „Prüfling“, „Knappe“ und „Junker“ überstanden hat und sich an die Order hält: keine Politik, keine Religion, keine Geschäfte in Schlaraffia. Erst dann darf er am Revers die weiße Rolandnadel tragen, eine kleine Holztafel mit seinem Fantasiewappen bemalen und an die Burgwand hängen.

Zweiter Akt, erste Szene. Seine Herrlichkeit befiehlt, die Ritter zu bewaffnen. Ritter Strukturello will „keine lange Reden halten, sondern meines Amtes walten“ – Lachen und Lulu!-Rufe – und teilt eiserne Schwerter aus. Die Trompete ertönt zur schrägen Fanfare und die Ritter heben die Schwerter zum Spalier, durch das die feudalen Gäste einmarschieren. Zeit für ein Lied: „Willkommen unsere Gäste, euch allen ein donnernd Lulu“, gröhlen die Ritter. Das Clavizimbel begleitet.

Die blaue Kerze wird entzündet – in Gedenken an alle versunkenen Reyche und an Freunde, die schon gen „Ahalla“ ritten. Ein kleiner Ritter jenseits der 70 lächelt nachdenklich. Früher war er Pressesprecher der AOK. Heute ist er Ritter Info-fix, der Schnee von morgen, weil er alles immer etwas früher weiß. Bötrix verliest das amtliche Protokoll der letzten Sippung. Sendboten werden verkündet und Vereinsinterna besprochen. Info-fix klappt den Kalender auf und hakt den heutigen Termin mit dem Rotstift ab. Zäh fließt die Liturgie des Abends. Noch findet sich kein Ritter, der den Thron beleidigt oder sonst für Unmut sorgt – und dafür in den Kerker wandern könnte. In dieser Wandnische, klein wie ein Außenklo, verriegelt mit schwerem Eisengitter, müsste er bei Wasser und Brot mindestens fünf Minuten ausharren, derweil die Rittersleute johlten.

Zweiter Akt, zweite Szene. Ein mittelalter Ritter vermeldet mit leiser Stimme den Austritt des Ritter Macmalticus. Seine Herrlichkeit befindet, das sei „eine traurige und eine sehr ernste Sache“, denn Macmalticus ging, weil er keine Freunde gefunden habe. Raunen, kein Lulu. Welch Schande! Wo doch des Bundes hohes Ziel die Freundschaft ist. Ein ordenbehangener Ritter erhebt sich und den Einwand: „Auch enge Freundschaft ist machtlos gegen den Groll der heimischen Burgfrau.“ Ritter Info-fix beugt sich herüber und teilt vertraulich mit, seine Frau sei auch nicht eben begeistert gewesen, als er heute Abend wegging. Die beiden wollten in Kürze nach China reisen, da gebe es noch alle Hände voll zu tun. Kurze Pause. Dann beginnen die Fechsungen – kurze, gern humoristische, aber bitte kunstvolle „Erzeugnisse in Poesie, Prosa und Musik“.

Dritter Akt: Seine Herrlichkeit Oberschlaraffe des Äußeren, Ritter Aksellance, im profanen Leben Rechtsanwalt, hat die Leitung übernommen. Fortan moderiert er holpernd durch den kulturellen Teil der Sippung: „Und jetzt freuen wir uns auf die weisen Worte des Ritters Citasso!“ Lulu. Ein hochgewachsener Senior erklimmt die Stufen zur edel geschnitzten Kanzel. Citasso beginnt: „Ich habe eigens einige Ausarbeitungen gemacht, diese aber dann auf dem Couchtisch vergessen.“ Es wird eine kurze Rede. Schön war sie trotzdem, findet Aksellance, heftet Citasso einen großen Orden an die blitzende Brust und verordnet den Rittern ein „dreifach donnerndes Lulu“.

Hernach trägt der namenlose Knappe 829 das nichtamtliche Protokoll der letzten Sippung in Reimform vor. Orden und Lulu. Ein Ritter hält ein Referat über den Stammbaum der Gummibären. Orden und Lulu. Ein Gast aus dem Reyche der Lubeca spielt „Freude schöner Götterfunken“ auf dem Dudelsack. Orden und Lulu.

Die Begeisterung wächst ins Uferlose, als nach etlichen weiteren Darbietungen ein Ritter aus dem Reych Potsdamia zum Clavizimbel schreitet und ein Stück des Richard Clayderman zum Besten gibt. Zum Dank singt Seine Herrlichkeit das Hohelied der Kunst und verleiht einen extra wichtigen Orden. Fünffach Lulu.

Schlussszene. Strukturello resümiert protokollarisch die abendlichen Highlights in Nachtwächters Gesang. Dann fassen sich die Ritter bei den Händen und singen das Schlusslied: „Drum preiset den Aha und ehret den Uhu und scheidet, ihr Brüder, mit lautem Lulu.“ Die blaue Kerze wird gelöscht. Ritter Bötrix schlägt stolz das Tamtam zum Schlußgong.