„Wo die Möse in der Luft lag“

Kauf den Spirit! Der Post-Bhagwan-Ashram in Poona ist ein gepflegtes Luxusressort mit Clubcharakter geworden. Spirituelle Erfahrung und Meditation all-inclusiv. Die aufgeheizte Atmosphäre von einst ist teuer bezahlter Selbstbetrachtung gewichen.

Siebzig wäre er diese Woche geworden, Bhagwan Shree Rajneesh, der umstrittene Guru aus dem indischen Poona, der sich die letzten Jahre seines Lebens Osho nennen ließ. Grund genug, wieder einmal vorbeizuschauen in seinem Ashram, fünf Autostunden südöstlich von Mumbai, in dem ich das letztemal vor genau 21 Jahren war, um über die seinerzeitige Geburtstagsfeier zu berichten. Ich erkenne nichts wieder.

Wer in den Ashram rein will, und sei es nur besuchshalber, muss eine umfassende Aufnahmeprozedur durchlaufen: Daten erfassen, Photos machen, Ashrampass ausstellen und: ein obligater AIDS-Test. Was, wenn dieser positiv ausfallen sollte? „Dann kommst du nicht rein!“

Der erste Eindruck des Ashrams ist der eines mondänen Urlaubsressorts, sehr gepflegt alles, für Kundschaft, die sich „das Besondere“ leisten kann. Exotische Pflanzen bilden ein grünes Blätterdach über der gesamten Anlage und schützen vor der brütend heißen Mittagshitze Maharashtras. 40 Grad und mehr sind keine Seltenheit, draußen, vor dem Haupttor. Hier drinnen ist man in einer anderen Welt, einer komplett künstlichen. Indien ist woanders.

Ein breit angelegter Weg führt vom strengbewachten Haupteingang ins Innere. Die ehemalige britische Kolonialvilla, die immer schon zentrale Verwaltung der Rajneesh-Kommune war, dient auch heute noch als solche. Nur dass sie inzwischen pechschwarz angestrichen ist, von oben bis unten. Auch die anderen Gebäude sind schwarz, alles ist schwarz, Bänke, Stühle . . . „Osho hat es so gewünscht“.

Ein paar Schritte weiter der abgetrennte und eigens bewachte Eingang zu des Meisters Wohnhaus, heute Aufbewahrungsort seiner Asche. Mehrfach am Tag finden hier schweigende Sitzmeditationen statt, ansonsten ist der Bereich nicht zugänglich. Daneben ein überdachter Freiplatz mit Infotafeln über das aktuelle Kursangebot des Ashram – “Multiversity“. Das übliche Sammelsurium der Psychoszene: Atem-, Körper-, Primärtherapie, dazu Reiki, Tantra oder auch „schamanistische Energiearbeit“. Besonders aktuell: Familienaufstellungen nach Hellinger und Osho.

Gelegentlich lässt sich einer der “ashram therapists“ blicken, abgehoben vom Fußvolk durch schwarze Robe mit weißer Schärpe um die Hüfte. Warum dieser Egotrip? „Osho said so!“ Im hinteren Teil des Ashrams ein Selbstbedienungsrestaurant. Nicht billig, und, großküchenspezifisch, bestenfalls lauwarm. Eine Freifläche mit schwarzen Plastikstühlen und -tischen. Mit dem einladenden Charme von McDonald’s, nur eben alles in schwarz. Auffällig unkommunikativ ist das Ganze: Die meisten sitzen in Volksgrüppchen beieinander oder ganz allein. Ungute Atmosphäre. Keiner lacht, keiner schaut besonders vergnügt drein; nirgends wird gebaggert, ganz im Gegensatz zum „alten Poona“, wo, wie es mit Hernry Miller hieß, „die Möse in der Luft“ lag.

Den nördlichen Teil des Ashramgeländes dominiert das sogenannte „Buddha-Auditorium“, ein fußballfeldgroßer Zeltdom. Bis zu 10.000 Sannyasin finden hier Platz, die Organisation zieht heute noch größere Besuchermassen an als zu Lebzeiten des Meisters. An einer der Längsseiten des Auditoriums ein Marmorpodest, von dem aus Osho seine Vorträge gehalten hatte. Das rituelle Hereintragen seines Sessels findet heute nicht mehr statt; es wurde genauso willkürlich abgesetzt, wie es nach seinem Tod im Januar 1990 angeordnet wurde.

Der Koregaonpark in Poona ist ein vornehmes Villenviertel, mit alten Baumbeständen und Residenzen aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft. Nach der Rückkehr Rajneeshs und seiner Kommune im Jahre 1986 – fünf Jahre zuvor hatte er Indien in Richtung USA verlassen – kaufte man sämtliche an das ursprüngliche Ashramgelände angrenzende Grundstücke auf. Geld spielte dabei keine Rolle, so dass das Hauptquartier des Osho-Imperiums sich heute über drei Straßenzüge und ein Areal von geschätzten 25 Hektar erstreckt.

Auf dem neu hinzugewonnenen Gelände südlich des Haupteinganges verstärkt sich der „Club Mediterranée“-Eindruck massiv: eine riesige, künstlich angelegte Lagunenlandschaft lädt zum Schwimmen ein. Zutritt nur in maroonfarbener Badebekleidung. Wippende Brüste, allgegenwärtig im „alten Poona“, sind streng verpönt.

Gewundene Kieswege führen durch eine gepflegte Urwaldanlage mit Palmenwäldchen und Bambusstauden, kleine Nischen mit Bänken und Hollywoodschaukeln, selbstredend schwarz angestrichen. Drei Tenniscourts, ein Bodybuilding- sowie ein Aerobic-Studio, eine Saunalandschaft. Bezahlt wird mit einer Ashram-eigenen Kreditkarte.

Auf dem im Osten angrenzenden neuen Ashramgelände finden sich, angeordnet um einen rechteckigen Innenhof, mehrere mehrstöckige Gebäude mit pyramidenförmiger Dachkonstruktion; sämtliche Außenflächen pechschwarz verfliest. Hinter den Gebäudekomplexen ein weitläufiger Park, synthetisch angelegt nach dem Modell japanischer Zen-Gärten. Eine bis ins Detail geplante, und dadurch zu absurder Ästhetik getriebene, Kopie einer natürlichen Landschaft, mit lotosbewachsenem Teich, einem künstlichen Hügel mit ebenso künstlichem Wasserfall. Selbst der Wuchs der Pflanzen unterliegt strenger Kontrolle. Der Zen-Park spiegelt in grotesker Manier die aufgesetzt-meditative „Natürlichkeit“ der Sannyasin wieder.

Vis-a-vis des Haupteinganges eine eigene Post, eine Bank, eine Boutique, dazu Unterkünfte für die unentgeltlich arbeitenden Ashram-Volunteers. Dahinter rege Bautätigkeit: eine riesige Betonpyramide ist am Entstehen, mit einem lichten Innenraum von mehr als 1.600 Quadratmetern. Dazu ein neues Gästehaus mit Luxusappartements sowie ein Restaurant mit Kapazitäten für 10.000 Gäste.

Der Tagesablauf des Ashrams ist streng normiert. Beginnend mit der „dynamischen Meditation“ um 6.00 Uhr früh folgen den ganzen Tag über die von Osho erfundenen je einstündigen Meditationsprogramme, dazwischen Vorträge des Meisters vom Tonband. Mit einem Tagespass für umgerechnet 7,50 Mark kann man an sämtlichen Meditationen teilnehmen, einschließlich der allabendlichen “White-Robe-Brotherhood“-Zusammenkunft. Beginn: 19.00 Uhr, pünktlich. Schon um 18.40 Uhr werden die Tore geschlossen, Aufenthalt innerhalb des Ashrams nur noch in weißer Robe. Sämtliche Bewohner und Besucher versammeln sich im Buddha-Auditorium und lassen sich, Blickrichtung Oshos Podium, auf dem Boden nieder. Eine Liveband beginnt zu spielen, eine krude Mixtur aus Rhythm’n’ Blues, Karibik und Selbstkomponiertem. Ekstatischer Tanz der Sannyasin, oder das, was hier als solcher gilt: Wildes Auf-und-ab-Hüpfen mit fakultativem Armrudern. Die Musik wird schneller und lauter, um plötzlich abrupt abzubrechen. Dann werfen alle die Arme hoch und brüllen aus Leibeskräften: „OSHO!“. Das Ganze wiederholt sich dreimal. Man nimmt wieder auf dem Boden Platz, es folgt die Vorführung eines alten Osho-Videos. Anschließend sogenanntes „Gibberish“: alle brabbeln irgendwelche Laute aus sich heraus, je nach Vorliebe, Grunzen, Gackern, Kreischen, verbunden mit Kopf-hin-und-her-Werfen, Schulterzucken und Armezappeln. Nach ein paar Minuten die Stimme Oshos vom Tonband: „Be still!“. Augenblicklich erstirbt das Inferno, man legt sich auf den Boden und „meditiert“. Kurze Zeit darauf gehen die Lichter an, die Zusammenkunft ist beendet.

Kaum einer der Sannyasin unternimmt irgendetwas außerhalb des Ashrams. In Downtown Poona, wo Rajneesh-Jünger früher hordenweise herumhingen, findet sich heutzutage kein einziger Osho-Anhänger mehr. Noch nicht einmal das Gartencafé im „Hotel Sunderban“, gleich neben dem Ashram, wird frequentiert. Ganz so, als hätten sie Angst davor, etwas vom „wirklichen Indien“ zu sehen. Oder vom wirklichen Leben.