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Ernsthaft – wenn Warhol danach war

Panik vor Pop

Fünfzehn Jahre nach seinem Tod, so sollte man meinen, sei Warhol aus dem Gröbsten raus. Doch sie belästigen ihn noch immer mit dem Pop-Problem. Nun wird er von der Zeit wegen Namensgleichheit der mit ihm verbundenen Kunstrichtung in einer Debatte instrumentalisiert, die, wie wir uns alle vage erinnern, mit Verona Feldbusch und Big Brother zu tun hatte – also mit komplett anderen Phänomen. Heiner Bastians seltsames Beharren auf einem „dunklen“ Warhol – als wäre er sonst immer nur als simple Spaßbombe verstanden worden – drängt die Zeit zu dem dramatischen Schluss, Warhol könne kein Pop-Künstler gewesen sein, ja noch brisanter, die Pop-Art habe es nie gegeben.

Aber ein Kreuz von Warhol bringt Thomas Assheuer eben völlig aus dem Gleichgewicht, und dessen Schöpfer wird ihm unversehens zum „Märtyrer“. Dass Warhol keine Brillo-Boxen als Readymades, sondern als bedruckte Holzkisten in Galerien geschafft hat und Campbelldosen und Colaflaschen wiederum als Bildmotive und daher nicht in Konkurrenz oder gar Überbietung von Duchamp (Und wie soll das funktionieren? Readyer als fertig geht nicht.) verstanden wissen wollte, wie Assheuer meint, wollen wir mal gar nicht weiter vertiefen. Vertiefen geht da eh nicht. Aber warum muss Warhol büßen, wenn Feuilletonisten sich noch immer von Harald Schmidt und Tristesse Royal verfolgt fühlen, was hat er mit deren Pop-Panik zu tun? Und wie wäre irgendein auch nur milder substanzieller Popbegriff in Gegensatz zu Tragik, Verhängnis und Todesnähe zu bringen? Hat denn keiner von diesen Leuten je Tim Hardin gehört? Oder Nico, um näher bei Warhol zu bleiben? Und was war denn an den Brillo-Boxen bis jetzt so brüllend heiter?

Wenn mit ihnen eine Verklärung des Gewöhnlichen einhergehen soll, wie Thomas Assheuer in Nachfolge von Arthur Danto immer schon gewusst haben will, kann man sich ja kaum auf den Standpunkt stellen, man habe bis zur Bastian-Show Pop-Art und Warhol immer für etwas Gewöhnliches gehalten. Und habe nun durch ein paar elektrische Stühle und gesuchte Männer, huch!, einen Abgrund von Märtyrertum entdecken. Pop-Art kann ja nicht gleichzeitig die Verklärung des Gewöhnlichen und das Gewöhnliche höchstselbst gewesen sein. Und nun plötzlich und endlich keines von beiden: stattdessen eine „Vorhölle“ voller „christologischer Anspielungen“.

Abgesehen von dieser maßlosen Überschätzung der Buchstäblichkeit und daher Übersetzbarkeit der Warholschen Motivwahl, die auch zur der Fehleinschätzung führt, die Mao-Bilder hätten mehr als andere von Warhol mit Politik zu tun, wäre all das noch immer kein Gegensatz zu Pop. Das können in dieser Show auch diejenigen verstehen, die sonst immer noch keinen Unterschied zwischen Pop-Art und Pop-Musik und Spaßgesellschaft und den anderen zeitdiagnostischen Begriffsruinen zu machen gewillt sind.

Neben Millionen anderen Dingen kann man aber tatsächlich in dieser Show – mal wieder – sehen, wie die Pop-Art mit der High-Art umging, nämlich als neue High-Art, die Probleme der bisherigen adressierend: nicht in deren trashig-provokativer Unterbietung, sondern im Anspruch auf legitime Nachfolgerschaft von Barnett Newman und Ad Reinhardt tritt Warhol auf, wenn er deren bevorzugte Formen als zweites Panel neben einem Electric Chair oder als hypervergrößertes Streichholzbriefchen wiederkehren lässt. Pop-Art, das kann man in der Nationalgalerie sehen, trat gegen andere Künste an, im Streit wie in freundschaftlicher Ergänzung, gegen vorangegangene und gegen gleichzeitige, gegen Minimalisten wie gegen Metaphysiker der Malerei. Das waren ihre Gesprächspartner: nicht die Kulturindustrie, die stellte lediglich hin und wieder die aus Pop-Art-internen Gründen notwendig gewordenen Motive.

An Pop-Art könnten Pop-Paniker aber auch erkennen, dass es eben eine Pop-Tradition in Kunst wie in Musik gibt, die noch nie Kunst und Industrie einebnen wollte und ebensowenig mit dem Kunstbegriff von Kulturpessimisten zu erklären ist. Der in der Tat fast endlos anschlussfähige Warhol lässt sich in eine Rolle auch unter Aufbietung sämtlicher Desasterbilder nicht pressen: in die des Kulturpessimisten. Aber ernst ist er immer gewesen. Wenn ihm danach war. DIEDRICH DIEDERICHSEN

Die Serie wird fortgesetzt.Mehr zur Ausstellung unter:www.warhol-retrospektive-berlin.de