Die Stille nach dem Crash

Unfälle und andere Alltäglichkeiten: Seit 50 Jahren dokumentiert der Schweizer Polizeifotograf Arnold Odermatt die kleinen Dramen im Kanton Nidwalden. Jetzt hat ihn der Kunstmarkt entdeckt

„In den See, in den See; mit einem Gewicht an den Füßen!“, tönt es aus der gelben Masse klebrigen Fondues, die sich zäh zerlaufend im Palast des helvetischen Statthalters Feistus Raclettus ausbreitet. Zwar sind die Akteure in dem verklumpten Käsehaufen nicht mehr unterscheidbar, trotzdem ist das Schicksal des römischen Unglücksraben, der soeben sein Brotstücken im Kessel verloren hat, besiegelt: ab in den Genfer See. Dort wird er Asterix und Obelix treffen, die sich zu nachtschlafender Zeit ebenfalls gerade im Gewässer verirrt haben. Wäre der Römer aber im 20. Jahrhundert im See gelandet, hätte er vielleicht ein dankbares Motiv für Arnold Odermatt abgegeben.

Der mittlerweile pensionierte 76-jährige Polizeifotograf archivierte von den 50er-Jahren an mit seiner Rolleiflexkamera nicht nur das Unfallgeschehen auf den Schweizer Autobahnen im Kanton Nidwalden, sondern auch allerlei Alltägliches aus der Polizeiwache und dem dörflichen Leben. Selbst zwei Polizisten, die sich in Taucheranzügen damit abmühen, ein Verkehrsschild aus den wahrscheinlich kalten Fluten zu retten, waren ihm ein Foto wert.

Nie hätte der Oberleutnant, Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwalder Polizei, damit gerechnet, als Dokumentarist schweizerischen Lebens- und Kleinstadtdramas noch zu internationalen Ehren zu gelangen. Zwar werkelte er schon während seines langen Berufslebens nicht im Verborgenen. Aber der durchschlagende Erfolg seines Bildbandes „Meine Welt“ überraschte ihn dann doch.

Als Odermatt 1998 während der Buchmesse in einem Frankfurter Polizeipräsidium eine Fotoserie ausstellte, wurde Harald Szeemann auf den fachfremden Newcomer aufmerksam. Der Kurator lud Odermatt dann flugs zur diesjährigen Biennale in Venedig ein, handgefertigte Abzüge seiner Bilder werden nun teuer gehandelt.

Ausgangspunkt seiner Fotografie war für Odermatt der Berufsalltag. Auf der Wache und beim Crash vor Ort schoss er Fotos, die abseits aller spektakulären Inszenierung die Schönheit im Unfallchaos mit ebenso kühler Präzision beschreiben wie den Einbruch des unerwarteten Ereignisses in die wohl geordnete Kleinstadtidylle. Den Polizisten interessiert nicht das hinter dem Bild liegende Drama, das auch stattgefunden haben muss, wenn die Karosse des Kabrios restlos zerbeult kopfüber im See gelandet ist, sondern die wohl geordnete Grafik. Nur auf einem Foto liegt ein kleiner Junge niedergestreckt auf der Straße. „Aber das ist gestellt, der wollte sich unbedingt dort in das Bild legen“, behauptet Tina Vlachy von der Galerie Springer und Winkler, die in Berlin Odermatts Fotos vertreibt.

Anders als bei Mell Kilpatrick, der in Amerika ebenfalls zahllose Zusammenstöße in dramatischer Schwarzweiß-Manier festhielt, fließt bei Odermatt niemals Blut. Dennoch sind die Bilder weit entfernt von reiner Dokumentarfotografie. Einäugig in die Kamera starrende Autowracks mit zähnefletschendem Kühlergitter finden sich ebenso wie der hilflos gestrauchelte Citroën, dem das Hinterteil abgerissen ist. „Scharf und genau muss das Foto sein“, konstatiert Odermatt. Trotzdem lichtete er nicht nur das Unfallgeschehen, sondern auch den dramatischen Wolkenhimmel und das nebelverhangene Bergpanorama ab.

Um den dümpelnden VW-Käfer wirklich passgerecht zu inszenieren, stakste er auch schon einmal mit Gummistiefeln in den See. Jeder Winkel, jedes Detail sollte auf den Fotos selbst dann exakt festgehalten werden, wenn er sich stets nur eine Aufnahme je Motiv gestattete.

„Er war aber kein verkanntes Genie“, darauf besteht Tina Vlachy. Zwar bereitete es Odermatt einige Mühe, die Fotografie als anerkanntes Medium zu einer Zeit zu etablieren, als seine Chefs noch behaupteten: „Fotos als Beweismittel, das geht nicht, die sind ja manipulierbar“ – weshalb die Polizisten zeichnen lernen mussten. Auch war es keineswegs selbstverständlich, dass Odermatt eine Sonderzahlung von 70 Franken für einen Wasseranschluss in der als Dunkelkammer eingerichteten Besenkammer des Nidwalder Polizeireviers erhielt. Aber der leidenschaftliche Fotograf strebte auch gar nicht nach den Weihen einer Kunstszene, die ihn nun rücksichtslos adoptiert. Vor allem waren es seine Kollegen, die das ungewöhnliche bildnerische Talent des Dienststellenleiters schließlich doch anerkannten. Das Resultat waren Fotos, so ordentlich, dass der Kommentar des Hotelwirtes aus „Asterix bei den Schweizern“ auch hier die Mentalität gut beschrieben hätte: „Eine Delegation von Barbaren wollte nicht bleiben. Es war ihnen zu sauber.“