Der König der Schulhöfe

Den Punk rauslassen: Kool Savas gilt als Retter und Geißel des deutschen Rap. Seine Wortwahl hat ihm Sexismusvorwürfe eingebracht, doch diese Kollateralschäden nimmt er schulterzuckend in Kauf

Rap hat keine Räder und kommt nicht von alleine weiter: Was Kool Savas schon vor Jahren wusste, dürfte dieser Tage den Marketing-Experten deutscher Major-Companies schlaflose Nächte bereiten. Nahm man vor Jahresfrist noch jeden Deutsch-Rap-Act unter Vertrag, der THC auf BSE reimen konnte, herrscht nun Katerstimmung. Die an der Reimbörse getätigten Investitionen wollen refinanziert werden, doch bis auf K-kompatible Marken wie Samy Deluxe und Fettes Brot dringt kaum noch jemand in höhere Chartsgefilde.

Auch generalstabsmäßig geplante Promotionfeldzüge scheinen den Backlash nicht aufhalten zu können. So verkaufte Medienliebling Nina – trotz massiver Talkshowpräsenz und eines „Frauen im HipHop“-Diskurs, der sich auch in dieser Zeitung niederschlug – gerade mal so viele Alben, das ihre Plattenfirma den Beleuchter ihres Hochglanzvideos auszahlen konnte. Die geschätzten 300.000 DM Vorschuss, die sie noch zu Goldrauschzeiten für „Nikita“ erhalten haben soll, hätte man unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ebenso gut mit Schwung aus dem Fenster werfen können.

Da half auch die tatkräftige Unterstützung Wolfgang Thierses nicht mehr, der Nina beim „3 nach 9“-Talk begeistert versprach, seinem Sohn den Erwerb besagten Albums ans Herz zu legen. Mit dem Mut der Verzweiflung versucht man nun im Hause Sony eine ähnliche Katastrophe abzuwenden und versendet die neue Maxi des Stuttgarter Duos „Breite Seite“ mit einer beigelegten Flasche Whiskey, was angesichts des trostlosen Rap nur als Aufforderung gedeutet werden kann, sich das demnächst folgende Album einfach schönzusaufen.

Doch verdrängen gilt nicht mehr: Die Industriemisere lässt sich nun wirklich nicht allein durch Napster und den Siegeszug des CD-Brenners durch deutsche Kinderzimmer erklären. Schuld ist wohl auch das uneingelöste, mantraartig wiederholte Versprechen, es ginge einiges in deutschen Landen, der viel betextete Flash sei ein nicht enden wollender. Doch zumindest der Schulpflicht entwachsenen Konsumenten dämmert inzwischen, dass sie a) zu viel HipHop-Wissen angehäuft haben, um die Flut deutscher Ausschussware auch nur ansatzweise für diskutabel zu halten, oder b) schlicht zu alt sind, um die THC-geschwängerten Partyraps lustig bzw. die vulgär-soziokritischen Allgemeinplätze politisch relevant zu finden.

Das Fest ist zu Ende

Sie greifen, wenn überhaupt, zu der Handvoll Platten von Eins Zwo, Curse und den Absoluten Beginnern, als wollten sie sich vergewissern, dass der Traum von einer deutschen Jugendkultur, die gleichzeitig in den Arsch tritt und die Synapsen massiert, noch lange nicht ausgeträumt ist. An den großen Rest vom Fest geht die Frage: Warum rapst du? „Warum rapst du? / Du hast nix mit Rap zu tun / Rap hat dir nix getan / Lass ihn in Ruh / Rap interessiert sich nicht für dich, weil du Scheiße bist / Rap will sehen, dass du Scheiße frisst ...“ (Kool Savas „Warum rapst du?“).

Niemand käme auf die Idee, Savas Yurderi eine ähnliche Frage zu stellen. Sie erübrigt sich, sobald man ihm ein Mikrofon reicht. Dann reitet er, der Logik seines Genres „Battle-Rap“ gehorchend, auf nie gehörten Metaphern seinem Ziel entgegen, nicht ohne unterwegs „extra Penis zum Lunch“ zu servieren und „deinen schwulen DJ“ in Brand zu stecken.

Selbst diejenigen Kollegen, die ihn für einen frauenfeindlichen Schwulenhasser halten, müssen neidlos anerkennen, dass seine Raps vor Energie bersten und für sie wenig mehr als verbrannte Erde hinterlassen. Savas ist keiner von jenen MCs, die nach dem Label-Rauswurf auf BWL umschulen. Er ist Lutheraner in dem Sinne, dass ihm ein: „Ich stehe hier und kann nicht besser“ nie über die Lippen käme. Er kann nicht anders – ein feiner Unterschied, für den er geliebt und verachtet wird wie kein Zweiter. Wer immer behauptet hat, Kunst käme von Müssen, nicht von können, hat eine dritte Möglichkeit außer Acht gelassen, die Kool Savas in den Augen vieler Rap-Fans zum Rächer einer längst verwässerten Kultur macht: eine rücksichtslose Deckungsgleichheit von beidem.

Nicht alle aber sind davon beeindruckt. So findet Hannes Loh in seinem Buch „20 Jahre HipHop in Deutschland“, wer Savas’ pornografisches Frühwerk – „wenn ich komm, müssen Schlampen rudern“ – als „krass“ und „hardcore“ verniedliche, müsse auch „Neger aus der S-Bahn werfen“ okay finden sowie Hitler und dem Ku-Klux-Klan zubilligen, auch sie hätten ihr Ding „krass“ durchgezogen. Keine zwanzig Seiten später straft Loh Smudo von den Fantastischen Vier ab, der öffentlich zu äußern gewagt hatte, er halte „Schwule Rapper“ von Kool Savas für einen „klasse Song, auch wenn er natürlich für Haarspalter schwulendiskriminierend ist“. Dass es aus betroffener Perspektive offensichtlich nicht allzu viel Haarspalterei bedarf, um Savas-Texte unerträglich zu finden, zeigte sich kürzlich in Wien: Die bloße Ankündigung eines Kool-Savas-Konzerts rief eine Koalition aus „Rosa Antifa“ und Frauenverbänden auf den Plan, der es tatsächlich gelang, zwei Konzerte in Folge zu verhindern sowie Savas auf unabsehbare Zeit zu einer auf Wiener Bühnen unerwünschten Person zu stempeln.

Konzertboykott in Wien

Den „deutschen Eminem“ (Focus) ficht derlei Eifer nicht an: Nach mehr als 30.000 verkauften Exemplaren seiner „Haus & Boot“-EP und einem Sommer voller Festivalauftritte – so manchen Headliner soll er mit zwei Reimen zum freundlich geduldeten Statisten degradiert haben – kann er über die Gratis-PR nur noch müde lächeln. „Ich find’s gut“, erzählt er in seiner Kreuzberger Erdgeschosswohnung. „Die Leute verschwenden ihre Zeit, tippen Artikel und alles, was sie erreichen, ist, dass noch mehr über mich geredet wird.“ Auch gut findet er, dass Kollegen, die es sich noch nicht mit ihm verdorben haben, in Interviews verbreiten, er sei fraglos der beste MC in Deutschland. Nichts anderes will er sein, und wenn es auf dem Weg dorthin noch ein paar Missverständnisse auszuräumen gilt, bitte: „Als ich vor ein paar Jahren von englischen Raps zu deutschen gewechselt bin“, sagt Savas, „da war das eine Riesenbefreiung. Alles, was ich damals wollte, war Action und Spaß. Ich wollte durchdrehen, den Punk in mir rauslassen. Als ich damals die Pimp-Lyrics geschrieben habe, hätte ich doch nie gedacht, das so viele Leute zuhören und darauf hängen bleiben.“

Dass ihm Kritiker wegen frühen Reimen wie „Nutte blas zu Ende / meine Zeit ist knapp bemessen / Deine Mutter wartet unten / Und will Penis in die Fresse“ längst das Etikett eines unverbesserlichen Sexisten verpasst haben, findet nicht zuletzt seine Produzentin und Lebensgefährtin Melanie aka Mel Beatz ungerecht. Einen Großteil seines Vokabulars habe er sowieso von ihr – und außerdem: Splatterfilm-Regisseuren mache man schließlich auch nicht den Vorwurf, sie würden Verbrechen gegen die Menschlichkeit verüben. Mel ist es auch, die wenig später über einen expliziten Part des Savas-Schützlings Eko am lautesten lacht. „Ihr fordert ohne Grund nach weiblicher MC-Präsenz“, konstatiert dieser, „und pusht sinnlos jede Schlampe ohne Flow oder Talent“.

Melanie nimmt einen tiefen Zug an der dritten Entspannungszigarette in Folge: Sammlung und Konzentration vor einer Zustimmungstirade, die ganz nebenbei noch das alte, von Diedrich Diedrichsen benannte Rezeptionsproblem zu entschärfen scheint, beim Genuss von formalen Gelungenheiten wie Prägnanz oder Zuspitzung immer auch ein Stück weit Komplize des Inhalts zu werden. Postfeminismus auf SO36-Art, von schlechtem Gewissen keine Spur: „Mann, wo ist das Problem“ will sie wissen und liefert die Antwort gleich mit. „Er hat einfach Recht. Wenn ich mir das anhöre, was diesen Sommer unter Frauen-Rap lief und von irgendwelchen Journalisten gehypt wurde, die offensichtlich keinen Blassen von HipHop haben, da muss ich kotzen. Schon dieses Wort „Female MC“ ist so eklig debil wie „Frau am Steuer“. Ich weiß auch gar nicht, was die Aufregung um unsere Sprache soll. Wir wohnen in Berlin, sind slangmäßig anders drauf, nicht so pussy wie anderswo.“

Nur nicht schwul sein

Sie versichert zu wissen, was es heißt, anders zu sein: „Ich hab anderthalb Jahre in Westdeutschland gelebt und war Außenseiter, nur weil ich sonntags im Trainingsanzug auf die Straße gegangen bin.“ Sie ist in Fahrt, der Joint längst ausgegangen. „Wenn jetzt noch einer kommt und mir erzählen will, Savas wäre nicht nur ein Sexist, sondern auch noch gegen Homosexualität, dann sag ich nur: Bullshit. Schwul ist ein Wort wie jedes andere. Geh raus auf die Straße: Jeder benutzt es, ganz normal. Es hat sich längst von der eigentlichen Bedeutung gelöst und heißt nichts weiter als whack. Ich finde viele Sachen schwul. Nina MC zum Beispiel: ein schwules Mädchen, ganz einfach.“

Die Frage, ob es wirklich so einfach ist, oder doch eher ein „Berlin-Street-Rap-Thing you wouldn’t understand“ würden sie im Zweifelsfall mit „beides“ beantworten. Wer die Logik der Straße nicht einleuchtend findet, wird auch kaum ohne schlechtes Gewissen die formalen Gelungenheiten goutieren können. Dass da draußen das ein oder andere, nicht zur Unterscheidung semantischer Ebenen fähige HipHop-Kid zum Komplizen eines gar nicht intendierten Inhalts wird – das haken sie unter Kollateralschäden ab. Kool Savas hat da vorgesorgt. „Siehe, ich bin nicht Jesus“, stellt er klar, um an anderer Stelle diejenigen in ihre Schranken zu weisen, denen seine Unschuldsplädoyers und toleranzfördernden Bühnenansprachen noch nicht genug der Aufklärung sind: „Ihr könnt mich boykottieren oder peinlich interviewen / doch ich gebe einen Fick und rufe ihr seid alle schwul.“

Ebendiese, konsequent kritikresistente Attitüde macht ihn attraktiv für HipHop-Kids, deren Eltern von Wolfgang Thierse und bürgerlichen Feuilletonisten längst zu wissen glauben, deutscher HipHop sei nett und nahrhaft, der bessere Pop vielleicht, auf jeden Fall „pfiffig“ und „engagiert“: Mit Kauftipps vom Bundestagspräsidenten fährt man nun mal wenig bis gar keine Distinktionsgewinne auf deutschen Schulhöfen ein. Savas weiß das. Und er ahnt auch, warum ihn ältere, HipHop-sozialisierte Semester lieben. Denn in einer zunehmend sozialdemokratischen Rap-Landschaft versteht er es wie kein Zweiter, den Feind – Partyrapper, MCs in Fransenwesten – kraft seiner rap-technischen Überlegenheit in den wortwörtlichen Staub zu texten. Er tut dies mit einem metaphorischem Wahnwitz, der den Hörer regelrecht schwindlig macht. Dass Savas’ Höhenflüge von den Beats seiner Freundin Melanie geerdet werden, macht die Sache nur zwingender. Nicht, weil diese als einzige HipHop-Produzentin Deutschlands einen Exoten-Bonus genösse. Eher schon, weil sie mit einer ureigenen musikalischen Sprache überzeugend das Unvermögen ihrer männlichen Kollegen bloßstellt, mehr als nur hinreichend gelungene Kopien US-amerikanischer Standards von der Festplatte auf die Menschheit loszulassen.

Bleibt noch die gern gestellte Sozialpädagogen-Frage, wieso Savas sein Ausnahmetalent nicht in den Dienst „einer guten Sache“ stelle. Ganz einfach: Er hat keine Lust, Rap ist ihm genug. Und das abschreckende Beispiel seines einstigen Battle-Rap-Rivalen Samy Deluxe, der jüngst mit „Weck mich auf“ zu einem an Plattheit nicht zu überbietenden soziokritischen Rundumschlag ausholte, lässt ihm den Wechsel ins Politlager nicht gerade attraktiver erscheinen: Savas weiß nur zu genau, wo seine Stärken liegen – und wo nicht.

„Ich bin der Typ, der auf jeder Party als Erster geht“, rappt Samy Deluxe, „weil ich nicht feiern kann, solange ich in Babylon leb.“ Savas lebt in Kreuzberg, ein Umzug nach Babylon steht nicht bevor, und auch das Feiern hat er noch lange nicht verlernt. Das auf seiner Party nicht jeder Zugezogene willkommen sein dürfte, steht dennoch außer Frage: „Step ans Mic“, fordert er, „und zeig was du hast / das hier ist nicht München / ich glaub kaum, dass es passt.“