Den erträumten Dingen nachgehen

■ Lebensbedingungen einer transsexuellen Sexarbeiterin, erzählt ganz ohne Lamoyanz: Henrique Goldmans Princesa auf den Lesbisch Schwulen Filmtagen

„Wohin gehen die geträumten Dinge?“ fragt sich ein Ich in einem Gedicht von Pablo Neruda. Aber vielleicht ist es unwichtig zu wissen, wohin die geträumten Dinge gehen; nur dass sie gehen, ist entscheidend. Geträumte Dinge, wenn sie das Weite suchen, in die Ferne schweifen, tragen so manches Ich hinweg und bisweilen fort. An unbekannte Orte, in ein neues Leben. Die transsexuelle Fernanda, Hauptperson des semibiographischen Films Princesa, der am Sonntag auf den Schwul Lesbischen Filmtagen zu sehen ist, treiben ihre Träume von Brasilien nach Italien.

In Mailand will sie mit Prostitution genügend Geld verdienen, um endlich durch operative Geschlechtsumwandlung eine richtige Frau zu werden. Diesen Wunsch teilt Fernanda mit vielen transsexuellen, migrierten SexarbeiterInnen, die ihre Heimatländer auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben verlassen.

Da Homo- oder Transsexualität insgesamt gesellschaftlich tabuisiert ist und in einigen Ländern bis Ende der 90er Jahre mit Haftstrafe bis zu fünf Jahren belegt wurde, sehen viele Transsexuelle eine Perspektive in der Migration. Als Geldquelle steht ihnen die Prostitution zur Verfügung, eine prekäre Erwerbstätigkeit, die Ausgrenzungsmöglichkeiten nach sich zieht. Migrierte SexarbeiterInnen sind in mehrfacher Weise von Repressalien bedroht.

Sie haben in der Regel einen unsicheren Aufenthaltsstatus; routinemäßig durchgeführte Polizeirazzien auf der Straße oder in angemieteten Wohnungen führen denn auch meistens zur Abschiebung. Transsexuelle haben zudem mit dem Problem einer erhöhten Sichtbarkeit zu kämpfen. In Hamburg wurden bereits aufenthaltsbeendende Maßnahmen eingeleitet, weil Transen in milieutypischen Frauenkleidern die Straße hinunter flanierten. Als Begründung wurde genannt, sie würden offensichtlich dem horizontalen Gewerbe nachgehen. Gleichfalls berichten Transen, sie seien auf der Hamburger Davidwache aufgefordert worden, ihre Kleider auszuziehen. Auf diesem Weg gerät die Identitätskontrolle zu einer demütigenden, sich gezielt an Transsexuellen vergreifenden Schikane.

In Princesa bleibt dieser alltägliche Repressionsbereich zwar weitgehend unausgesprochen; dennoch bildet er einen Begründungszusammenhang für viele der eingegangenen Abhängigkeits- und Gewaltverhältnisse. Die Eingangssequenz gibt sich hier beispielhaft, wenn Fernanda von einem Polizisten zum Oralverkehr gezwungen wird, denn sie habe ein Problem: Ihr männliches Passbild stimmt unbequemerweise nicht mit ihrer femininen Erscheinung überein. Auch Fernandas Freundschaft mit der Straßenstrich-Zuhälterin Karin ist überschattet, da diese über Entscheidungsgewalt über ihre Frauen verfügt, zwischen den beiden ein gleichberechtigtes Verhältnis unmöglich ist.

So hinterlässt Princesa durch die einzelbiographische Erzählung einen Eindruck über die Lebensbedingungen migrierter, transsexueller SexarbeiterInnen, ohne die Analyse in den Vordergrund zu stellen. Durch die deskriptive Erzählung erreicht es der Film, das Leben und seine Bedingungen als ineinandergreifende, aber inkongruente Bereiche zu schildern. Denn Fernanda ist möglicherweise sehr unbequemen, gesellschaftlichen Umständen unterworfen. Und dennoch wird sie als liebenswürdige, hilfsbereite und willensstarke Persönlichkeit dargestellt, die keineswegs Opfer der Verhältnisse ist.

So wird im Verlauf des Films eine Lebensphase nacherzählt, in der Fernanda durch Heirat und OP ihr Leben als transsexuelle und illegale Prostituierte beenden könnte. Sie verwirft diese Chance und entscheidet sich dafür, den bereits eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen – möglicherweise, da sie bei aller Anstrengung niemals so genannte Normalität ohne eine Spaltung von transsexuellen Gleichgesinnten und ohne einen biographischen Bruch erreichen kann. Auf diese Weise verliert sie zwar ihren Traum vom richtigen Frau-Sein aus den Augen. Aber bisweilen sind Anpassungen an Normierungen ein so großer Verlust an Integrität, dass die Verweigerung ein Schutz ist, aus der Angst geboren, frühere Erfahrungen in der Assimilation an eine heterosexuelle Norm nicht mehr transportieren zu können.

Sonntag, 15 Uhr, Zeise