An einem einzigen seidenen Faden

Seine Figuren treibt der amerikanische Schriftsteller Denis Johnson bis an die Grenzen ihres Selbstbewusstseins. Sein Roman „Engel“ ist ein überdrehtes Gangster-Roadmovie sowie eine lange Reise in die Umnachtung. Der Entschluss, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, endet in einem Albtraum

von GEORG M. OSWALD

Es ist an der Zeit, erneut auf einen hervorragenden amerikanischen Schriftsteller hinzuweisen, dessen Werk in Deutschland noch nicht sehr bekannt ist. Denis Johnson, 1949 als Sohn eines amerikanischen Besatzungsoffiziers in München geboren, hat einen literarischen Kosmos erschaffen, in dem er das zerstörte Selbstbewusstsein seiner Figuren nach allen Seiten hin durchmisst. Die Titel „Angels“, „Fiskadoro“, „Resuscitation of a Hanged Man“ und „Jesus’ Son“ lagen schon bei unterschiedlichen Verlagen auf Deutsch vor, ohne aber bei Publikum und Kritik die gebührende Beachtung zu finden. Nun aber hat es der Alexander Fest Verlag in die Hand genommen, Johnsons Werk in angemessener Weise zu publizieren, und er tut es mit Erfolg. Im vergangenen Jahr erschien der 600-seitige Roman „Schon tot“, es gab bewundernde Kritiken. Nun folgt der Roman „Engel“.

Denis Johnson wagt sich in die dunkelsten Gefilde der menschlichen Existenz vor, mit einem Mut und einem sprachlichen Vermögen, das den Leser zuweilen fürchten lässt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dazu braucht man seit dem 11. September keine Romane mehr, dazu genügen die Nachrichten, könnte man sagen. Und so sieht es auch Jamie, die Heldin des Romans, als sie, zugrunde gerichtet von Alkohol und Drogen, in der Psychiatrie gelandet ist. „,Sie müssen sich um einen regelmäßigen Tagesablauf bemühen‘, sagte die Schwester in vertraulichem Ton. ,Klar, leck mich‘, sagte Jamie. Es tat ihr leid, dass sie so redete, aber es musste sein. Man brauchte ja nur die Nachrichten zu hören, um zu erkennen, dass die Welt in Stücke ging. Sie hatte keine Ahnung, was aus der Mitte der Dinge hervorbrechen würde, wenn die Zeit erst gekommen war.“

Jamie beginnt ihre Reise in einen beispiellosen Albtraum mit dem Entschluss, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie verlässt ihren Mann, der sie geschlagen und mit ihrer besten Freundin betrogen hat, und sie nimmt ihre beiden Töchter Miranda und Baby Ellen mit sich. Mit dem Greyhound-Bus fahren sie von Oakland nach Pennsylvania, um fürs Erste in Hershey, bei Jamies Schwägerin, unterzukommen.

Im Bus lernt Jamie Bill Houston kennen, weil er sich neben sie setzt. „Egal, was ich tue, es wird falsch sein“, denkt Jamie später einmal, und obwohl sie Bill Houston, der wie ein Country-Musiker aussieht, nicht traut, hört sie ihm zu und lacht über seine Witze. Er hat Bier und Schnaps in seinem Rucksack, sie trinken, und es ist ihnen egal, was die Leute im Bus über sie denken, besonders die zwei Nonnen, von denen Jamie sich die ganze Zeit beobachtet fühlt. Fünf Tage dauert die Reise nach Pennsylvania, fünf Tage im Greyhound-Bus, mit ihren zwei kleinen Kindern, die sie halb wahnsinnig machen. So sehr sie sich um Zuversicht bemüht, die Reise endet in einem verzweifelten Wutausbruch gegen alles und jeden. „Und verdammt noch mal, hatte sie nicht ein Recht zu heulen, [...] sie [war] eine Frau, die im Bus Richtung Pittsburgh segelte, sturzbetrunken, und ein Theater machte wie noch nie zuvor in ihrem Leben.“

Sie verwirft den Entschluss, zu ihrer Schwägerin zu fahren, und lässt sich, in billigen Motelbetten, „die nach Kummer rochen“, auf ein Verhältnis mit Bill Houston ein, der sich schon bald als genau das Arschloch entpuppt, das Jamie in ihm vermutet hatte. Bill Houston ist ein Alkoholiker von der bitteren Sorte. „Wenn er trocken war, glaubte er, es wäre der Alkohol, der ihm fehlte, aber sobald er ein paar Gläser intus hatte, wusste er, dass es etwas anderes war, vielleicht eine Frau, und selbst, wenn er alles hatte, Kohle, Schnaps, eine Frau, konnte ihn das nicht von der großen Leere ablenken, die unaufhörlich durch ihn hindurchfiel, ohne je unten aufzutreffen.“

Es dauert nicht lang, bis sich Jamie und Bill trennen. Bill macht sich nach Chicago auf, stockbesoffen, in der haltlosen Meinung, dort erwarte ihn Großes. Jamie aber, die zunächst in Pittsburgh zurückbleibt, begibt sich nicht unter die schützenden Fittiche ihrer Schwägerin, wie man als Leser hofft, sondern reist Bill nach. Obwohl sie keine Ahnung hat, wo er sich aufhält, glaubt sie fest daran, ihn zu finden. Am Chicagoer Bahnhof gerät sie an einen Typen, der ihr vorgaukelt, Bill zu kennen. Sie glaubt an diesen unfassbaren Zufall und spürt doch ganz deutlich, dass sie einer Katastrophe entgegengeht, ohne ihr deshalb entkommen zu können. Der Typ nimmt Jamie und ihre Kinder mit in die Wohnung seiner Schwester. Während die auf die Kinder aufpasst, setzen der Typ, der sich übrigens Ned Higher-and-Higher nennt, und sein Schwager Jamie unter Drogen, schleppen sie in eine andere Wohnung und vergewaltigen sie.

„Suche nach Freunden endet in Trägödie“ lautet die Schlagzeile, die Bill anderntags an einem Zeitungskiosk im Chicago Tribune liest, „unter einem Foto einer Frau, die wie Jamie aussah“. Er fragt sich bei Presse, Polizei und Behörden durch, bis er Jamie und die Kinder in einer Sozialstation findet, die die Familie aufgenommen hat.

Nach soviel Schrecklichem, das der Leser nur deshalb übersteht, weil Johnsons Sprache ihn mit Jamie und auch Bill geradezu atemlos bangen lässt, scheint sich kurz eine Wende zum Guten anzubahnen. Jamie, Bill und die Kinder fahren zu Bills Mutter, Mrs. Houston nach Phoenix, Arizona. Die alte Dame lebt dort auf dem Land. Die ganze Familie der Houstons findet sich dort ein, Bills jüngere Brüder James und Burries und auch ihre Lebensgefährtinnen Stevie und Jeanine. Dazu kommt noch ein Bekannter, ein gewisser Mr. Dwight Snow. Leider aber ist dieses Familientreffen eine beispiellose Hillbilly-Freakshow. Mutter Houston ist eine halb wahnsinnige christliche Eiferin, für jede feinstoffliche Spinnerei zu haben und auf dem besten Weg in die vollständige religiöse Umnachtung. Natürlich ist sie gerührt, weil sie nun unverhofft ihre ganze Familie um sich hat. Beinahe. Harold Carter Sandover, ihr Lebensgefährte, Vater von Burries und James, kann leider nicht bei ihnen sein. „,Wenn doch jetzt Harry hier wäre, um das Tischgebet zu sprechen‘, sagte Mrs. Houston. ,Aber sie haben ihn ja zu den Mördern gesteckt.‘ Sie sah niemanden an, schien mit ihrem Essen zu sprechen. ,Zu den anderen Mördern‘, sagte Stevie gereizt.“

Wenn man so nett zusammen kommt, will man natürlich auch etwas gemeinsam unternehmen. Dwight Snow gilt als unschlagbarer Bankräuber, der noch nie erwischt wurde, und er plant mit Bill, James und Burries einen Überfall. Ein gewagter Plan, denn wie Bill sind auch seine Brüder alkohol- und drogenabhängig und haben ständig damit zu tun, mit Pillen, Spritzen und Mixturen einigermaßen ihr prekäres physisches und psychisches Gleichgewicht zu halten.

Niemand, außer den Beteiligten selbst, zweifelt am Misslingen der Unternehmung, und dies ist die Quelle einer rabenschwarzen Belustigung, die Johnson mit feinem Gespür für die richtige Dosis anzapft, ohne dass ihm dadurch auch nur eine Szene zum Klamauk verkäme.

Und Jamie? Sie dämmert in einer diffusen, aber höllischen Verzweiflung vor sich hin, wirft unglaubliche Mengen von Pillen ein, spült sie mit zwei Litern Rotwein pro Tag hinunter und sieht sich dazu „The Wild World of Animals“ im Fernsehen an.

Dwight Snow und die Houston-Brüder machen den Überfall, und er endet in einem Inferno. Bill Houston erschießt einen Wachmann, James wird lebensgefährlich verletzt und Burries – erlebt eine psychische Apokalypse in einem Kino, in das er sich geflüchtet hat. Alle werden vor Gericht gestellt, und es ist Bill Houston, der des Mordes angeklagt wird. Er bekommt den Pflichtverteidiger Fred zugeteilt, der ihm erklärt: „,Die Anklage macht ihnen folgendes Angebot: Sie bekennen sich des Mordes schuldig, ohne mildernde Umstände, und die Anklage tut alles, was sie kann, um sie hinrichten zu lassen. Der stellvertretende Staatsanwalt des Bezirks sagt, das ist fast wie ein Freispruch.‘ ,Scheiße‘, sagte Bill Houston. ,Tut es weh?‘ [...] ,Sie können sich gar nicht vorstellen, wie‘, sagte Fred.“

Jamie ist mittlerweile komplett zusammengebrochen und wird in die Psychiatrie eingeliefert. Dort erlebt sie die völlige Auflösung ihrer Persönlichkeit. Vollgepumpt mit Medikamenten, misshandelt von Pflegern und Ärzten, abgestürzt in aberwitzige Raserei erlebt sie eine Epiphanie. „Sie schaute von ihrer Stimme auf und sah einen Engel. [...] Und der Engel sagt: ,Es ist Zeit.‘ ,Ist es Zeit?‘ fragte sie. ,Tut es weh?‘ [...] ,Ach, Kleines.‘ Der Engel fängt an zu weinen. ,Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie‘, sagte er.“

Bill Houston stirbt in der Gaskammer, seine Seele „geht das Rohr hoch“, wie es heißt, doch Jamie wird gerettet. Oder sie rettet sich selbst, denn es gelingt ihr, den Entzug zu überstehen und an einem Drogenprogramm teilzunehmen.

Was zusammengefasst vielleicht wie ein überdrehtes Gangster-Roadmovie klingen mag, wird durch Johnsons Sprache zum literarischen Ereignis. Das ständige Ringen seiner Figuren mit ihrer unzuverlässigen und brüchigen Wahrnehmung ist der eigentliche Gegenstand seiner Prosa. Sie alle hängen nur noch mit einem einzigen seidenen Faden an ihrer menschlichen Existenz und je aussichtsloser ihre Lage, desto entschlossener klammern sie sich an ihn. Im Besingen ihrer grauenvollen Angst, die immer nur heißt: totale Selbstauflösung, völliger Verlust des Ich, gelingen Johnson Sätze, Bilder und Szenen von lyrischer Schönheit, die in oft bizarrem Verhältnis zu ihrem Inhalt stehen.

Denis Johnson zu lesen ist eine literarische Mutprobe. Wer sie besteht, wird mit einer düsteren Erkenntnis belohnt. Seine Prosa richtet den Blick auf jene Grenzen, von denen wir gerne selbstverständlich annehmen, sie bestimmten jedes einzelnen Ich. Bei ihm kann man erfahren, dass dies nur eine Wahnvorstellung unter anderen ist.

Denis Johnson: „Engel“. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell, Alexander Fest Verlag, Berlin 2001, 239 Seiten, 38,92 DM (19,90 €)