„Im Unterricht ist Krieg kein Thema“

SchülerInnen organisierten die erste Großdemo gegen die US-Angriffe auf Afghanistan. Landesschülersprecher Sebastian Schlüsselburg sprach mit der taz über die Angst seiner Mitschüler, Schönwetterdemonstranten und die Ignoranz vieler Lehrer

taz: Sebastian, wann hast du das letzte Mal einen Big Mäc gegessen?

Sebastian Schlüsselburg: Am Montag, direkt nach der Schülerdemonstration.

...wo du für einen Stopp der US-Angriffe protestiert hast. Mit amerikanischen Unternehmen hast du also kein Problem?

Klar, da bleibt ein gewisser Widerspruch. Nach den Terrorakten muss die westliche Welt auch ihre Wirtschaftspolitik kritisch hinterfragen. Und McDonald’s könnte man ja durchaus als ein kapitalistisch-imperialistisches Unternehmen bezeichnen.

Sind die Bombardierungen im Unterricht ein Thema?

An meiner Schule bisher leider überhaupt nicht. Selbst im Fach Politische Weltkunde fiel kein Wort – von einem kritischen Dialog ganz zu schweigen. Das finde ich erschreckend. In den Pausen sprechen mich oft Leute auf die Angriffe an.

Die Lehrer denken wahrscheinlich an ihre Lehrpläne, die sie erfüllen müssen.

Die müssten eben flexibler gehandhabt werden. Viele Schüler spüren seit dem 11. September und erst recht seit den US-Angriffen eine diffuse Angst und wollen möglichst viel über das Thema wissen. Lehrer könnten Zeitungsartikel oder Videomitschnitte mitbringen, anhand derer die Klassen Medienkritik betreiben könnten. In der Schule muss Raum sein, um den Krieg gegen Afghanistan kontrovers zu diskutieren. Die Mehrzahl der Direktoren will Schülern sogar verbieten, an Demonstrationen teilzunehmen. Jeder, der auf die Straße geht, muss mit unentschuldigten Fehlstunden leben.

Wie schätzt du den Informationsstand deiner Mitschüler ein?

Schüler, die sich auch in ihrer Freizeit in Parteien oder Jugendverbänden engagieren, haben sicherlich einen Vorsprung. Sie bilden aber die Minderheit. Der Großteil der Streikkomitees an den Schulen bildete sich, weil die Schüler sich vor einem Krieg und den Folgen für das eigene Land fürchten.

Ein gängiger Vorwurf ist, dass Schüler nur demonstrieren, um mit gutem Gewissen schwänzen zu können.

Solche Schönwetterdemonstranten habe ich nur vereinzelt getroffen. Die sagten, dufte, die Sonne scheint, dann setzen wir uns gleich ab. Für die, die vorher nichts mit Politik am Hut hatten, kann eine Demonstration als Denkanstoß wirken. Dann merken auch politisch weniger Interessierte plötzlich: Hey, ich praktiziere hier demokratische Grundrechte.

Splittergruppen können jüngere Schüler auf Demonstrationen leicht für die eigenen Interessen einspannen.

Die Gefahr besteht immer. Bestimmte Leute drücken Schülern Plakate in die Hand, nach dem Motto: Hier, halt mal hoch. So wird dann aus einer Minderheit eine aufsehenerregende Gruppe. Wir dagegen versuchen mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen. Auf langen Märschen bleibt dafür ja genug Zeit.

Glaubst du, das Engagement in der Schülerschaft ist von Dauer ?

Zumindest in dieser Woche wird das Interesse an der politischen Lage erhalten bleiben. Und natürlich hoffe ich, dass es kein Strohfeuer bleibt.