Kommentar

Keine De-Eskalation

■ Warum auch bei Stockhausens verbaler Entgleisung Differenzierung nötig ist

Der Zeitpunkt war fatal, der Affront total: Karlheinz Stockhausens Äußerung, die Attentate gegen die USA seien „Kunstwerke“, dementierte er zwar prompt, aber zurückzuholen sind die Worte nicht. Und auch wenn der Komponist die Attentate keineswegs verherrlicht und den Begriff „Kunstwerk“ hier ästhetisch und nicht moralisch meinte: Solche Formulierungen dürfen einfach nicht passieren.

Wichtig zu wissen ist aber auch, dass Stockhausen sofort danach – und nicht erst Stunden später, wie kolportiert – das Gesagte zurückzunehmen versuchte, sichtlich erschreckt von den eigenen Worten.

Fakt ist aber, dass derzeit nicht nur die Weltöffentlichkeit hochsensibel auf Worte reagiert, sondern dass auch der Hamburger Wahlkampf in seine entscheidende Phase getreten ist. Und dass damit die Versuchung für manche Medien wächst, „verbale Entgleisungen“, so Kultursenatorin Christina Weiss, die sich klar distanzierte, aus dem Zusammenhang zu reißen und genüsslich vorzuführen.

Dass das diesmal von Feuilletonisten ausging, die durchaus zwischen Ethik und Ästhetik unterscheiden können, ist hier nebensächlich. Entscheidend ist, dass Medien gerade in Zeiten erhöhter Sensibilität in ihrem Vermittlungs- und Differenzierungsvermögen besonders gefordert sind.

Notwendig ist deshalb genau jene De-Eskalationsleistung, die gerade nach dem US-Anschlag so vehement als „zivilisierter Umgang mit Konflikten“ eingefordert wird. Oder gelten solche Maßstäbe immer nur für die anderen? Petra Schellen

Bericht Seite 23