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Im Strudel der Wissenschaft

Intensivstation Mitte

Martins Herz schlägt hörbar. Schon oben an der Rolltreppe hinunter zum Bahnhof Potsdamer Platz wummert das Bummbummbumm hinauf. Regelmäßig, aber ziemlich schnell. Seit gestern gibt Martins Herz den Takt für den Berliner Wissenschaftssommer an. In einem überlebensgroßen Glaskubus, wo ein Rechner auf einem Bildschirm seinen Herzrhythmus aufzeichnet. Das schaut aus wie der permanent steile Anstieg und Abfall einer Aktie auf dem Index. Energetisch findet Martins Puls Niederschlag in einem Eimer mit trübem Wasser, in dem eine Art Pürierstab die Herzfrequenz Schaum schlagend aufnimmt. Regelmäßig, aber zackig.

„Wissenschaft muss wieder stärker ein Bestandteil der öffentlichen Kultur werden“, hat die Bundesministerin für Bildung und Forschung in ihrer Grußadresse an die beteiligten Museen und wissenschaftlichen Institute dieses zweiten wissenschaftlichen Sommers geschrieben.

Martin ist 30 Jahre alt, Softwareentwickler, ist klein, sportlich und trägt unter seinem orangen Hemd einen Herzfrequenzmesser direkt auf dem Brustbein. Im Tip hatte er von dem Projekt „Kadoum“ des niederländischen Künstlers Johan Wagenaar gelesen. Dass sein Herzschlag Teil einer großen Komposition werden solle, aufgeführt vom Berliner Rundfunkchor.

Die anderen Noten werden 16 Australier liefern. Alle tragen einen Frequenzmesser, alle Herzschläge werden über ein Handy an Mobiltelefone in Wagenaars Wassereimerinstallationen direkt übertragen. Die Australier pulsieren seit gestern Abend im Deutschen Technikmuseum. Martin steht am Potsdamer Platz. Die einzige Berliner Mitbewerberin hat sich selbst aus dem Rennen geschlagen. „Man konnte bei ihr einfach das Messgerät nicht anbringen, weil sie zu voluminös war“, sagt Martin und zieht mit den Händen zwei große Kreise über seinem Brustkorb.

Der Künstler erzählt ein paar Meter weiter, dass der Zweck seiner Arbeit sei, „die Energie eines Mannes oder einer Frau, die Bewegungen seines oder ihres Lebens in eine abstrakte Energie zu transformieren“. Hier könnte man sie jetzt sehen und hören. Martin sagt, dass er sich vorher seines Herzschlags nie bewusst gewesen wäre. Das sei schon aufregend.

Außerdem trage er so zu einer empirischen Reihenuntersuchung von 500.000 Herzschlägen dieser Welt bei. So viele sollen in einer medizinischen Datenbank zusammengetragen werden. So einfach ist das manchmal mit der Kunst der Wissenschaft. Eine Intensivstation in Berlins Mitte, der Patient ein Wassereimer. Und wenn es plötzlich nicht mehr Bummbummbumm macht? „Dann würde ich denken, die Verbindung zum Handy ist abgebrochen“, beruhigt sich Martin. Das nennt man dann wohl einen Kunstfehler. PETRA WELZEL