Der Trash-Zeremonienmeister

Mit seinem Film „Visitor Q“ setzt der Japaner Takashi Miike sein Kaleidoskop der gezielten Geschmacklosigkeiten fort

Am Publikum der Pressevorführungen sollst du den Charakter des Filmes erkennen. Das Ensemble, das sich frühmorgens aus dem Bett quält, um sich dem Tagesgeschäft zu widmen und in diesem Zustand geistiger Halbumnachtung gerne auch mal den akzeptablen Debütantenfilm für den schlechten Kaffeeaufguss büßen lässt, ist Sozialterror pur. Aber hier werden sie alle immerhin für zwei Stunden gleich, der Filmchef von der großauflagigen Überregionalen und der schlecht bezahlte freie Schreiberling, der seinen Text wieder mal nirgendwo unterbringen wird. Nur an ihrem Geschwätz wird man sie erkennen.

Takashi Miike ist nach dem überschaubaren Mini-Hype Anfang des Jahres inzwischen ein ganz besonderer Fall für die Sozialtopografie einer Pressevorführung, weil Vielfilmer Miike mit „Audition“ ein B-Movie gelungen war, das trotz aller Drastik seinen Weg in die seriösen Publikationen gefunden hatte und dort mit Begeisterung aufgenommen worden war. Sein „Dead or Alive“ ist sicherlich an vielen dieser Vielseher aus Berufung vorbeigegangen, sonst wären sie vielleicht gewarnt gewesen vor „Visitor Q“, dem dritten Film Miikes, der jetzt seinen Weg in die deutschen Kinos findet. Da saßen sie also alle beisammen einem kleinen dunklen Kinoraum, die ekligen Nerds mit Brustbeuteln überm T-Shirt, wie man sie auch von Manga-Filmfestivals zur Genüge kennt: dieser kleine triebhafte Haufen unermüdlicher Sammler des Ausgefallenen und Besonderen; die Selbstentfremdeten – weswegen ihr Identifikationsgrad mit der japanischen Popkultur wohl auch so enorm ist. In der anderen Ringecke der geplagte Feuilltonist, mit Stift und Zettel ausgerüstet, verbissen mit den flüchtigen Sentenzen kämpfend. Immer wieder ein faszinierender Clash – ganz besonders im Fall Miike!

Und dann der Ekel in ihren Gesichtern im Anbetracht von so viel Unkultur. Die feine Geräuschkulisse in Konfrontation mit einem redundanten Bilderrausch aus Inzest, Sadismus, Sexgewalt, Splatter und Nekrophilie zog eine unsichtbare Mauer durch das Publikum und spaltete es in Hoch- und Subkulturvertreter. Wie kaum ein anderer Regisseur momentan bringt Takashi Miike das B-Movie und den Arthaus-Film so zwingend in Übereinstimmung. Das verleiht seinem Material auch diesen absonderlichen Touch; nie kann man sich sicher sein, ob hier ambitioniertes Filmhandwerk oder die große Verarsche zum Besten gegeben wird. Beides ist möglich und beabsichtigt – und beides hat Miike mit seinem erstaunlichen Gesamtwerk zu etwa gleichen Teilen hervorgebracht. Ein Regisseur zwischen Auteur und Trash-Zeremonienmeister.

„Visitor Q“, der in der Chronologie von Miikes Filmografie irgendwo an 30. Stelle rangiert (in immerhin nur 6 Jahren!), ist die Essenz seiner in „Audition“ und „Dead or Alive“ noch dramaturgisch verarbeiteten Ader zum Fäkalen und Nekromantischen. Eine unendliche, in dieser Konsequenz fast ermüdende Verkettung von Ekligkeiten und Sadismen ohne Augenzwinkern. Das Fäkale ist stets von besonderem Reiz, und Miike bringt diesen postnatalen Instinkt mit einem klassisch westlichen Filmsujet zusammen: Der fremde Besucher, der in die Familie eindringt, um sie mit sich selbst zu befrieden. Down and out in Tokyo. „Japan is fucked“ ist der wohl nachhaltigste Satz in „Audition“. In „Visitor Q“ hat sich dieser desolate gesellschaftliche Zustand in groteskesten Wucherungen bis in die japanische Mittelstandsfamilie fortgepflanzt: Vater fickt Tochter, Sohn vertrimmt Mutter, Vater fickt Leiche, Tochter geht auf den Strich, Mutter lindert ihre Schmerzen mit Heroin; ein überladenes Kaleidoskop der gezielten Geschmacklosigkeiten im Zoom von Miikes DV-Kamera.

Aber eine enttäuschende Erkenntnis geht mit „Visitor Q“ einher: Takashi Miike ist kein Revolutionär wie Pasolini, auch wenn die Geschichte an dessen „Theorema“ erinnern mag. Dass das Heil dieser verkommenen Gesellschaft in der Flucht in den familiären Mutterschoß liegen soll, ist in seiner matriarchialen Symbolik, mit der Miike in den letzten zehn Minuten den Bogen raus aus der Familienhölle rein ins Absurde kriegt, nicht weniger regressiv als das Spiel mit den Körperausscheidungen.

Ein schönes Abschlussbild findet Miike allerdings für diesen hoffnungslosen Regress: Sohn Keiko suhlt sich nach einer furiosen Muttermilch-Orgie in der weißen Nährflüssigkeit und überdeterminiert in dieser Monty-Python-ähnlichen Einlage den Drang zurück in den Mutterleib. Japan an die Mutterbrust! Aber vielleicht ist Miike auch nur ein ganz perverser Zyniker.