Glaube versetzt Kunst

Mix it, baby! Jean-Hubert Martin gibt mit einer Ausstellung über Altäre aus aller Welt den Einstand als Direktor am neu eröffneten „museum kunst palast“ in Düsseldorf – alles nur Ethno-Entertainment?

von HARALD FRICKE

Er hat an vielen Fronten zu kämpfen. Seit seiner Berufung als Direktor des „museum kunst palast“ in Düsseldorf wird Jean-Hubert Martin bald täglich in die Zange genommen. An diesem Ärger änderte selbst das mit 50.000 Gästen gut besuchte Volksfest zur Eröffnung am Wochenende nur wenig. Das Staunen war kurz, dann kam die Kritik. Weil Martin in dem von Oswalt Mathias Ungers mehr solide als innovativ umgestalteten Museumskomplex im Düsseldorfer Ehrenhof Altäre aus aller Welt zeigt, bekam er den Vorwurf zu hören, Kulturen aus ihrem Zusammenhang zu reißen und als Ethno-Entertainment zu verheizen. Weil er für die Neupräsentation der Kunst- und Gewerbesammlungen des Hauses zwei bildende Künstler eingeladen hat, muss er sich gegen Vorwürfe wehren, er trivialisiere die Kunstgeschichte. Und weil die Museumsstiftung durch eine millionenschwere Public-Private-Partnerschaft mit dem Stromkonzern Eon zustanden gekommen ist, wittern Martins Kritiker eine womöglich feindliche Übernahme des Museums durch die Wirtschaftsmacht des ehemaligen Veba-Unternehmens.

Ganz falsch liegt man mit all diesen Mutmaßungen nicht. Martin hat den Fehler gemacht, ziemlich sorglos auf Bündnisse zu bauen, die im derzeitigen Diskurs um Globalisierung und die Privatisierung von Öffentlichkeit vermintes Gelände darstellen. Dabei sind die Fakten klar: Der Umbau des Museums hat 78 Millionen Mark gekostet, von denen die Eon AG etwa 40 Millionen Mark in das Projekt eingebracht hat. Damit besteht zwischen privaten und öffentlichen Mitteln annähernd eine Pattsituation, die sich auch in der Programmatik und Struktur des Hauses widerspiegeln sollte. Für Ulrich Hartmann, der sowohl beim Museum als auch bei Eon AG im Vorstand sitzt, galt Martin jedoch lange vor seiner Berufung schon als Favorit für den Direktorposten – war die Besetzung also nur reine Formsache?

Dass sich das 1998 in eine Stiftung umgewandelte Museum für Martin entschieden hat, liegt an seiner Kompetenz als Ausstellungsmacher. Der 1944 in Straßburg geborene Kunsthistoriker hatte vor über einem Jahrzehnt mit der Präsentation von „Magiciens de la terre“ im Pariser Centre Pompidou versucht, die Barrieren zwischen westlichen und nichtwestlichen Kulturen abzutragen. Damals war von ihm der „Exotismus“ des sogenannten Anderen in die Kunst zurückgeholt worden. Noch immer hält Martin diese Herangehensweise für eine notwendige Ergänzung zur eurozentrischen Moderne, die um 1900 von afrikanischer Kunst profitierte. Unterstützt wurde Martin auch von Catherine David, die sich zur documenta 1997 ebenfalls auf den postkolonialen Diskurs berief.

Mittlerweile ist Martins Argumentation für eine frei von ethnologischen Überlegungen vermittelbare kulturelle Vielfalt etabliert. Seine Düsseldorfer Antrittsausstellung „Altäre – Kunst zum Niederknien“ umfasst einen Überblick religiöser Rituale und Gegenstände – unter ästhetischen Aspekten, wohlgemerkt. Was immer Glaubensgemeinschaften an Zeremonien durchführen, so Martin, ist ein kulturstiftender Akt. Deshalb kann man an 68 Beispielen Reliquien und Arrangements bestaunen: Vom blumendekorierten „Altar der Göttin Kali“ aus Neu-Delhi, Indien, über hühnerblutverschmierte Voodookultstätten, die der haitianische Priester/Künstler Adnord Adély eingerichtet hat, bis hin zu dem sehr intim ausgeleuchteten Mongolenzelt als „Dschingis-Khan-Altar“ oder den rätselhaften Steinen und Nüssen, die in Taiwan als „Schamanistischer Ahnenkult zu Reisernte und Exorzismus“ dienen. Man erfährt, dass die Götter in Korea über Internet angerufen werden können und dass sich im Gebetsraum der Sunniten in Togo Islam und Nomadenkultur vermischen. Nebenbei hat Martin Repräsentanten aus Europa eingeladen, das byzantinische Christentum ist mit Ikonen ebenso vertreten wie Wolfgang Niedeckens Reisekoffer, der auf Touren seiner Band Bap zu Ehren von Bob Dylan und den Rolling Stones mit Souvenirs ausgeschmückt wurde.

Das alles ist wahnwitzig bunt und kaum zu durchschauen. Der Parcours benebelt einem vielmehr die Sinne: hier eine Prise Zimt, dort der Geruch von verbranntem Holz, dahinter Gemüse für die bessere Ernte in Oberbayern. Gäbe es nicht Videoscreens, die die einzelnen Riten dokumentieren, man wäre verloren zwischen lauter religiöser Begeisterung. Für Martin mag darin die Grenze zerfließen, die die Kirche von der Kunst trennt. Doch wie weit der jeweilige Glaube mit sozialen, ökonomischen oder historischen Gegebenheiten vor Ort zusammenhängt, darüber erfährt man in Düsseldorf nichts. Damit kommt Martin der zeitgenössischen Kunst nicht näher, sondern fällt hinter die längst gängige Analyse der spezifischen Kontexte zurück. Global denken entbindet nicht von lokaler Differenzierung – sonst wäre am Ende tatsächlich wieder nur Image alles.

Umgekehrt funktioniert die Dekonstruktion der Bezüge und Quellen im gegenüberliegenden Gebäudetrakt hervorragend, wenn es um die – dann doch vorwiegend – westliche Kunstgeschichte geht. Hier hängt Barock neben Minimal-Art, Beuys zwischen romantischer Malerei, und Kunstgewerbe trifft sich mit Videoinstallationen von Nam June Paik. Weg vom System klarer Epochenaufteilungen, hin zu visuellen und methodischen Parallelaktionen: Für die Verschiebung waren mit Bogomir Ecker und Thomas Huber zeitgenössische Künstler zuständig, die am Konzept des historisierenden Kunstmuseums einige Zweifel haben. Stattdessen gelingt ihnen im Zusammenprall der Exponate eine Meta-Erzählung, bei der die unzähligen Varianten einer durch Bilder geordneten Welt wieder lebendig werden – das Museum als begehbarer Erinnerungsatlas, frei nach Aby Warburg. Mehr Kulturwissenschaft als kunsthistorisches Kabinett. Die Stärke dieser avancierten Ikonologie, die anstelle von festgeschriebenen Meinungen die Bilder miteinander zum Sprechen bringt, liegt auch im großzügigen Fundus der Düsseldorfer Sammlung – wo sonst ließen sich die magischen Quadrate von Josef Albers mit einem fürstlichen Schäferstündchen aus dem 18. Jahrhundert kombinieren?

Sicher war es oft Zufall, der den Künstlern bei ihren Analogiefindungen geholfen hat. Am Ende ist eine ironische, aber durchaus didaktische Schule des Sehens entstanden, die es dem Blick des Betrachters überlässt, Schlüsse aus der Gemengelage zu ziehen. Außerdem wird Anfang nächsten Jahres ein umfassender Katalog erscheinen, der die Veränderungen noch einmal detailliert ausbreitet und theoretisch verschaltet. Vielleicht hat auch bloß Fritz Schwegler mit seinem Bild „Edelgeschichtenschwund“ von 1981 Recht, auf dem geschrieben steht: „Dies ist der Hinweis, den die Praxis bot, jedoch die Wirklichkeit nicht gelten läszt“. Über solche Komplizenschaften kann man streiten, auch mit Jean-Hubert Martin.