„Hanf macht glücklich“

Drogenbeschädigte freakige Kiffer sah man auf der 5. Berliner Hanfparade selten. An der Polizei und der SPD-Zentrale – bekannt für ihre drogenpolitische Feigheit – zogen Tausende rauchend vorbei

Die Frage, was der Unterschied zwischen Alkohol und Hasch ist, lässt sich manchmal leicht beantworten. Samstagmittag, auf dem Weg zur Hanfparade, hatte ein betrunkener Mann auf dem Boden gelegen und seine drei Kumpels bemühten sich lange, ihn wieder aufzurichten und als er endlich stand, rutschte seine Hose runter. Auf der Hanfparade, auf der nicht ganz unerwartet eifrigst gekifft wurde, kippte erwartungsgemäß niemand um.

Zum fünften Mal in Folge demonstrierten also mehrere zehntausend Menschen für die vollständige Legalisierung von Cannabis als Rohstoff, Medizin und Genussmittel, gegen die „Kriminalisierung von gesellschaftlich etabliertem Freizeitverhalten“, „die Verschwendung von Millionen von Steuergeldern für die Verfolgung von „Cannabis-Delikten“, gegen „das Ende eines generellen Führerscheinentzuges aufgrund eines Nachweises von THC-Spuren“ und für die staatliche Unterstützung des vielseitig verwendbaren nachwachsenden Rohstoffs. 24 Paradewagen zogen vom Halleschen Tor an der SPD-Zentrale vorbei bis zum Marx-Engels-Forum am Palast der Republik. Die Sonne schien schön.

Auf einigen Wagen lärmten lustige Punkbands, auf anderen machten HipHopper unter dem Motto „Hanf macht glücklich“ für ihre Lieblingsdroge Reklame. Reggae und Dub gab's natürlich auch. Die elektronische Tanzmusik, deren Anteil an der enormen Repopularisierung von Gras und Hasch in den 90er-Jahren nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, schien dagegen etwas unterrepräsentiert. Die Teilnehmer der Hanfparade erinnerten ein bisschen an alte Love Paraden, ohne Aufdonnerung, ein bisschen auch an den 1. Mai, ohne Steine.

Jugendliche stellten erwartungsgemäß die größte Gruppe. Die jüngsten Kiffer waren vielleicht 14, die ältesten so Ende 50. Manche sahen so aus, als wenn sie schon vor mehr als dreißig Jahren bei den umherschweifenden Haschrebellen dabei gewesen wären, und auch einige türkische Jugendliche haben die Hanfparade für sich entdeckt. Die drogenbeschädigten freakigen Kiffer, deren Bilder so gerne versendet und gedruckt werden, wenn’s um Hasch geht, sah man selten. Statt Originalhanf trug man Plastikhanf im Haar. Die Vielfalt der Plakate deutete auf eine zunehmende Politisierung.

Es war ein seltsamer Zug, an dessen Wegesrändern ständig mindestens ein Drittel der Teilnehmer herumhing und Cannabis wegmachte. Die Polizei, die im letzten Jahr am Alex noch massiv gefilzt hatte, hielt sich diesmal eher zurück. Vorläufige Festnahmen gab’s trotzdem. Drei vielleicht 16-Jährige hatten sich für einen Fotografen um ihr Bong gesetzt und wurden dann mitgenommen. Schuldbewusst ging der Fotograf mit. Ein Polizist sagte: „Da sollen die doch lieber weiter weggehen und da ihre Zigaretten drehen. Aber wer so blöd ist, sich vor unseren Augen so ein Riesending anzumachen . . .“ Einige übervorsichtige ältere Kiffer hatten dagegen aus Angst vor der Polizei nichts zu rauchen mitgenommen.

Man zog an der SPD-Zentrale vorbei, deren drogenpolitische Feigheit sprichwörtlich ist, und dann am Tommy-Weissbecker-Haus. Auf dem ehedem besetzten Haus ist noch so ein furchtbar blödes Riesenbild mit einem langhaarig-grinsenden Anarcho-Kiffer, der so münchhausenmäßig auf einer Kanonenkugel durch die Lüfte saust. Die Paradenkiffer sahen anders aus.

Am Rande saßen Aram und Jarek. Beide sind so Mitte 40. Aram, ein netter Langhaariger, sagte, er hätte schon mal „kleinen Ärger“ wegen dem Kiffen bekommen. Sein Freund war mal in eine Kneipenrazzia geraten. „Es heißt ja, im Land Berlin werden bis 5 Gramm toleriert. Okay, es passiert nicht viel, aber du wirst dann richtig durch diese bürokratische Maschinerie gemahlen. Ich hatte 0,3 Gramm dabei. Trotzdem wurde ich zur Polizei eingeladen mit allen Schikanen: Fingerabdrücke, Fotos usw. Das wurde dann eingestellt, weil die Verfolgung nicht im Interesse der Öffentlichkeit lag.“ Als die Musik lauter wurde, sagte Jarek: „Ich glaube, man sollte Cannabisprodukte verbieten in diesem Land!“

Musa kam aus dem Ruhrgebiet. Der 37-Jährige Familienvater, der erst in Deutschland zum Kiffen kam, wirkte still und zurückhaltend. Er ist in der Weltmusikszene und macht mit seiner sechsköpfgen Band Rembetiko. „Rembetiko ist Kiffermusik“, erzählte er, und weil Rembetikomusiker früher „eher so Anarchos und Volkshelden“ gewesen wären, sei ihre Musik während der griechischen Militärdiktatur verboten gewesen. „Früher war das ja so, dass in der Türkei sehr viel geraucht wurde. In alevitischen Klöstern zum Beispiel wurde massenhaft gekifft.“ Und hinter dem Haschgebrauch hätten oft Philosophien gestanden, in denen es darum ging, dass das Äußerliche, Bekleidung und Geld nicht so wichtig seien. Seitdem die Türkei Republik ist, hat Alkohol das Hasch ersetzt.

Musa sprach über „spezielle türkische Musikerszenen, wo nur gekifft wird“, meinte, dass der Haschkonsum unter türkischen Jugendlichen zurzeit „explodieren“ würde, und erwähnte noch, dass es zumindest einen gebe, der sich schon mal totgekifft hätte. Julius Gollombec von der Weltmusikhippiegruppe „Embryo“ sei schwer lungenkrank mit einem Joint in der Hand gestorben.

Kolja ist 15, ein eher schüchterner HipHoper und zum ersten Mal mit einem Kumpel auf der Parade. Wie die meisten Jugendlichen raucht er eher Bongs. Das ist effektiver und knallt mehr. Statt „kiffen“ sagt er „zecken“ und gibt sein ganzes Taschengeld – 50 Mark – für Cannabis und Zigaretten aus. Wie viele in seinem Neuköllner Gymnasium kiffen würden? – „Bestimmt mehr als die Hälfte. Der ganze Abiturjahrgang auf jeden Fall.“

Viele waren in Bussen aus Süddeutschland gekommen, wo die Repression größer ist als in Berlin. Hanfladenbetreiber, die teilweise seit 30 Jahren kiffen, hielten Transparente hoch, auf denen stand: „Grün war mal Hoffnung / Rot war die Liebe / Grün ist jetzt Ordnung / und rot sind die Diebe.“ Auf die Grünen, die mal als Legalisierungspartei entstanden sind, ist man hier ziemlich sauer.

Am besten waren Dani und Miro, die ein Transparent mit der Forderung „Männer in den Frauenknast“ hochhielten. Die beiden Frauen, Mitte zwanzig, sitzen im Knast eine 19-monatige Haftstrafe wegen Marihuanaschmuggels ab und hatten Ausgang. „Die Polizisten sind heute super“, sagten sie und waren ansteckend gut gelaunt.

Den Grünen scheint die Legalisierung, für die sich auch der grüne Justizsenator Wieland einsetzt, kein wichtiges Anliegen mehr zu sein, mögen ihre drogenpolitischen Forderungen auch denen der PDS entsprechen. Auf der Bühne wurde der nette Tibor Harrach von den Grünen mit Flaschen beworfen. Freke Over von der PDS hatte ein spaciges Hanf-T-Shirt an und beruhigte die Stimmung. Laut sang er über den Platz „Wir lassen uns das Kiffen nicht verbieten“.

Als Vertreterin der Technofraktion sprach noch die schwäbische Koreanerin Kim, die die Legalisierungsseite „Kim-will-kiffen.de“ ins Netz gestellt hat, sich das Recht auf den Haschrausch gerichtlich erstreiten möchte. Ein Kumpel des 68er-Yippies Jerry Rubin hatte eine Art Knickerbocker an und erzählte von weltweiten Legalisierungsprojekten; Aktivisten aus Holland und der Schweiz verlasen Grußadressen und im Gegensatz zu vergangenen Paraden hörten die meisten den Reden auch zu. Später gabs noch viel Musik mit den Sofasurfers, Rockers Hifi, den Berliner Hip-Hoppern „the Spezialiszts“, ein wenig Techno und irgendwie war man ein bisschen traurig, als man nach fünf Stunden die HanffreundInnen verließ.

Im Infowagen der Polizei sprach man von 5- bis 10.000 Teilnehmern. Der Verbindungspolizist meinte, „20- bis 30.000“ seien bestimmt gekommen. Der SFB meldete am Abend, 3.000 Leute hätten für die Legalisierung von Cannabis demonstriert und schob seinen minimalen Hanfparadenbericht ganz ans Ende der „Abendschau“.