Medizin für Musiker

von THOMAS WINKLER

Der Rücken des Organisten war steif. Es war nicht das erste Mal. Aber dieses Mal war es anders. Schmerzhafter. Später am Abend sollte er zwei Stunden an der Orgel sitzen und spielen. Jetzt, am Nachmittag, konnte er nicht einmal gerade stehen. Aber es waren nicht nur die Schmerzen. Weh tat auch, nicht spielen zu können, unzuverlässig zu sein, womöglich nie wieder ein Engagement zu bekommen.

Dem Organisten wurde geholfen. Mit einem Handtuch und einer Wärmflasche. Er spielte das Konzert. Er spielt noch heute Konzerte. Darüber sprechen will er nicht.

Geholfen hat Stefanie Beyer-Meklenburg von der Arbeitsgemeinschaft Musikermedizin Berlin. Es war das bislang einzige Mal, dass die Physiotherapeutin in letzter Sekunde einen Auftritt retten konnte. Es war nicht das erste Mal, dass sie eine Karriere retten half. Sie hat sich spezialisiert: Etwa achtzig Prozent ihrer Patienten sind Musiker und Musikerinnen mit berufstypischen Beschwerden.

Normalerweise kommt der Schmerz nicht schnell und überraschend. Normalerweise ist der Schmerz schon immer da gewesen. Schon im Studium, schon beim ersten Vorspielen und beim ersten Engagement.

Zuerst ist der Schmerz oft nur ein kleines Stechen, eine kaum zu bemerkende Taubheit in der Fingerspitze, ein leichtes Unwohlsein. Mit den Jahren wird der Schmerz schlimmer. Mit den Jahren lernt man, mit ihm zu leben. Der Schmerz wird ein treuer Begleiter. Irgendwann aber ist seine Gesellschaft einfach nicht mehr zu ertragen, verhindert er die Ausübung des Berufs. Dann, erst dann gehen Musiker zum Arzt.

Beim Arzt, manchmal ist das so, beginnt das Problem oft erst Gestalt anzunehmen. Ein Verband um den Arm, der sonst den Geigenbogen führt? Morgen steht ein wichtiges Vorspielen an und als sichtbar Kranker sinken die Einstellungschancen auf null. Eine Krankschreibung für den Blechbläser wegen Tinnitus? Nächste Woche geht es auf Konzerttournee, und das Verhältnis zum Orchesterleiter ist ohnehin schon getrübt. Unlängst hat er wie nebenbei fallen lassen, es gäbe ja reichlich arbeitslose Posaunisten.

Oft werden Musiker auch falsch behandelt. Die wenigsten Ärzte sehen solche Beschwerden regelmäßig, klassische Therapien scheitern oft. Ein einfaches Beispiel: Bei einer Sehnenscheidenentzündung wird das Handgelenk gemeinhin ruhig gestellt. Bei einem Streicher aber verkürzen sich die Bänder, wenn er nicht regelmäßig spielt. Ist die Entzündung auskuriert, kann der Geiger nicht mehr spielen und hat aber nach der langen Pause möglicherweise kein Engagement mehr. Außerdem: Was einem Normalsterblichen gut tut, kann bei einem Musiker die Symptome sogar noch verschlimmern. So wird von Bläsern berichtet, die nicht mehr spielen konnten, nachdem sie eine neue Zahnkrone bekommen hatten.

Deshalb gibt es die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM), die jährlich internationale Kongresse veranstaltet, deren letzter sich über Tage hinweg allein mit der „Hand des Musikers“ beschäftigte. Ungleich sinnvoller scheinen die Interessengemeinschaften aus Ärzten, Physiotherapeuten und auch Psychologen, die sich mittlerweile in verschiedenen Städten zusammenfinden, weil sie durch die Praxis auf das Problem aufmerksam wurden oder selbst Musiker sind.

Am weitesten ist man bislang in Berlin. „Arbeitsgemeinschaft Musikermedizin“ nennt sich hier das interdisziplinäre Netzwerk. Seit 1999 trifft man sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch. Das Prinzip: kurze Wege zwischen den Spezialisten und kein einzelner Arzt, der einsam an einem Patienten herumdoktert, dessen Problem er nicht verstehen kann. Im Wedding wurde eine Musikerambulanz eingerichtet, in der Patienten akut behandelt und an Ärzte und Therapeuten weitervermittelt werden können. Von hier aus bricht auch Physiotherapeutin Beyer-Meklenburg regelmäßig zu ihren Notfalleinsätzen auf.

Der Großteil der Behandlungen allerdings ist wenig spektakulär. Lebensentwürfe und Existenzen hängen manchmal nur an der richtigen Massage oder Entspannungsübung, manchmal auch an einer Pille. Aber der Bedarf ist vorhanden: Als das Thüringer Gesundheitsministerium Mitte vorigen Jahres eine Broschüre zum Thema herausbrachte, waren die fünftausend Stück „ruckzuck vergriffen“, wie Herausgeber Thomas Schulz vermeldet, „wir haben sogar Anfragen aus dem Ausland“. Eine größere Auflage könne man sich leider nicht leisten, so Schulz, aber reichere Bundesländer könnten gerne nachdrucken. „Es gibt Patienten ohne Ende“, sagt Claudia Lotz von der Musikerambulanz, selbst Physiotherapeutin und Organistin.

Trotz des Erfolgs der Broschüre: „Musiker wollen sich nicht mit ihren Problemen beschäftigen“, sagt Lotz, „die spielen sie im wahrsten Sinne des Wortes weg.“ Der Schmerz gehört quasi zur Arbeitsplatzbeschreibung. Die meisten Musiker üben mehrere Stunden täglich. Bei fest angestellten Musikern ist es per Tarifvertrag möglich, dass sie ihre Dienste in einer Woche zu dreißig Stunden im Orchestergraben zubringen. Dort sitzen sie meist eng auf eng auf alten, ergonomisch gefährlichen Holzstühlen und verderben sich obendrein bei unzureichender Pultbeleuchtung die Augen, während ihnen dreißig andere Musiker in den Ohren dröhnen.

Dabei beanspruchen sie immer wieder dieselben Gelenke, Bänder und Muskeln. „Der Job als Musiker ist mit Leistungssport vergleichbar“, so Lotz, „der Arbeitstag eines Musikers entspricht sechs Stunden Training ohne Aufwärmen und Dehnen.“

Musiker sind also Leistungssportler. Das Problem: Die Musiker wissen das nicht. Und schlimmer: Sie wollen es gar nicht wissen. Musikmachen ist allein eine künstlerische Leistung, eine Sache des Kopfes, eine psychische Anstrengung, aber keine physische. So sehen das die meisten Musiker und Dirigenten. „Musiker bagatellisieren ihre Beschwerden“, sagt die Physiotherapeutin Lotz. Und gehen nicht zum Arzt.

Dabei hätten sie es nötig. Die hohen Streicher leiden zum großen Teil an Schulterbeschwerden, Bläser haben Ärger mit Thorax und Kiefergelenk, Pianisten quälen sich nicht selten mit einer Entzündung im Handgelenk, die ganz offiziell Tastenphänomen genannt wird. Sehr verbreitet ist auch das Karpaltunnelsyndrom, bei dem die Sehnen zwischen Handgelenk und Fingern durch das Üben dick und die Finger daraufhin taub werden.

Und nicht nur die klassische Musik fordert ihre Opfer: Unlängst musste Bobby Schayer seinen Job als Trommler der amerikanischen Punkrockband Bad Religion aufgeben, weil er wegen Schulterschmerzen den Arm nicht mehr über seinen Kopf heben kann. Bad Religion suchen jetzt einen neuen Schlagzeuger.

Aber: Größer als der Leidensdruck ist meist die Angst. Krank wegen der Musik mag man sein, zugeben darf man es niemals. In keiner anderen Branche dürften die eigenen Berufskrankheiten so tabuisiert sein wie im klassischen Konzertbetrieb. Wer als Kranker entlarvt wird, muss um seinen Job fürchten. „Wenn etwas bekannt wird“, erzählt eine Sängerin, „wird man oft sofort gefeuert.“ Heiserkeit kann chronisch werden und dann ist die Karriere im Chor zu Ende. In der überschaubaren Szene spricht sich schnell rum, wer über Beschwerden klagt. Diskretion ist deshalb eine der wichtigsten Pflichten in der Berliner Musikerambulanz.

Eine andere ist die Bereitschaft, scheinbar belanglose Wehwehchen als Existenzbedrohung wahrzunehmen. „In den Praxen läuft vieles nicht falsch, aber schematisch ab“, meint der Orthopäde Detlef Kaleth, „dann gerät ein Musiker in einen Ablauf, der nicht für ihn passt.“ Kaleth spielt selbst Gitarre und glaubt, „der Therapeut sollte Zugang zur Problematik haben“. Er wurde zum Fachmann, weil seine Praxis neben der Deutschen Oper in Berlin liegt.

Wenn Musiker ernsthaft erkranken, wenn sie sich nach Jahren endlich Kollegen offenbaren, erst dann stellen sie fest, dass sie nicht allein sind. Zuerst werden die Hausmittel und Geheimrezepte ausprobiert, die reichlich kursieren, vor allem in den elitären Zirkeln der klassischen Musik. Die Schlaueren experimentieren mit Rolfing oder Yoga, entspannen nach Alexandertechnik oder Feldenkraismethode. Da wird aber auch besprochen und geistgeheilt. Da werden Gliedmaßen unter kaltem oder heißem Wasser gebürstet, in Orangenbäder getaucht oder in Wechselbäder.

Da werden Bachblüten genommen und zunehmend Betablocker und andere chemische Keulen und vieles davon ohne ärztlichen Rat oder gar Aufsicht. Manch einer hat sich in seiner Verzweiflung sogar schon die Hornhaut von den Fingern der Griffhand entfernt, eine ebenso schmerzhafte wie sinnlose Operation.

Langsam, nur sehr langsam ändert sich das Bewusstsein. „Das muss sich erst rumsprechen“, sagt Lotz von der Musikerambulanz. Die meisten kommen jetzt schon durch Mundpropaganda, andere Musiker haben ihnen von der Arbeitsgemeinschaft erzählt. Viele haben bereits eine Odysee hinter sich, die sie von Arzt zu Arzt führte. Alle haben Angst um ihren Job, um ihre Karriere, um ihre Zukunft. Aber immer noch betreibt fast die Hälfte aller Berufsmusiker keinen, obwohl eigentlich unverzichtbaren Ausgleichssport.

Wenn ein Musiker seine Angst überwunden hat und den Weg zum Arzt gefunden hat, wenn die richtige Diagnose gestellt und eine passende Therapie verordnet wurde, dann kann alles immer noch am Geld scheitern. Die Krankenkassen zahlen nur ausreichende und zweckmäßige Behandlungen. Ist es aber noch ausreichend und zweckmäßig, wenn eine Geigerin ihre Finger nach erfolgreicher Therapie zwar wieder schneller bewegen kann als jeder normale Mensch, aber lange noch nicht schnell genug für ihren Beruf?

Perspektivisch wäre, so Lotz, ein Studiengang Musikermedizin „sinnvoll“. Denn auch in der DGfMM tummelt sich die eine oder andere selbst ernannte Koryphäe, der eine entsprechende Qualifikation fehlt. Ein spezielles Facharztstudium hält auch der Orthopäde Kaleth „für machbar“, glaubt aber, man solle ansonsten die vorhandenen Strukturen nutzen. Schon jetzt arbeitet die Berliner AG Musikermedizin mit dem Institut für Sportmedizin an der Universität Potsdam zusammen.

Vorerst aber bleiben frühzeitige Aufklärung und Prävention die größten Probleme. „Es fehlt das Bewusstsein und auch die Information, wohin man gehen kann“, sagt eine Musikerin, die wie alle anderen anonym bleiben will. An den Hochschulen findet Ergonomie immer noch so gut wie nicht statt. In einigen wenigen Studiengängen sind zwar Kurse Pflicht, in denen die richtige Sitzhaltung vermittelt wird. Die werden aber nur als lästiges Beiwerk empfunden. Und nicht nur von den Studierenden. Auch für viele Professoren ist es immer noch undenkbar, Griff- oder Sitzhaltung ihrer Schüler zu korrigieren, um körperlichen Schäden vorzubeugen. Talent, so die weit verbreitete Meinung, ist gottgegeben. Jede Änderung könnte das perfekte Klangbild beeinträchtigen. Eine Beschäftigung mit körperlichen Abläufen lenke nur ab vom künstlerischen Ausdruck.

Auch in den Orchestern wird das Problem ignoriert. Während sich bei Fußballproficlubs oder Olympiateilnehmern ganze Ärzte- und Betreuerstäbe um die Gesundheit des menschlichen Kapitals kümmern, bleiben Musiker auch an großen Konzerthäusern mit ihren medizinischen Problemen allein. Gute Fußballer sind teuer, aber der Markt an Musikern ist eng. Und wird immer enger. Zwar ist Deutschland immer noch das Land mit der größten Dichte an Orchestern weltweit, aber im vergangenen Jahrzehnt sind 25 dieser öffentlich geförderten Klangkörper und mehr als tausend Stellen für Musiker verschwunden. Der Nachwuchs drängt aus den Hochschulen, Zeitverträge sind üblich. Fällt ein Cellist aus, holt man sich eben Frischfleisch. So bleibt der Klangkörper fit und die Belegschaft jung. Generationenwechsel klassisch.

In einem solchen Klima kann man es sich nicht erlauben, Schwäche zu zeigen. Eine Musikerin aus einem bekannten Berliner Orchester erzählt, dass ihr verboten wurde, ein Keilkissen gegen ihren Rundrücken zu verwenden. „Invaliden wollen wir nicht“, wurde ihr gesagt. Nach dem Anschiss kamen Kollegen, vor allem ältere, und fragten: „Bringt das was?“ In den Orchestern nehmen Erfolgsdruck und Depressionen zu, Medikamentensucht ist alltäglich.

Bei der Deutschen Orchestervereinigung, der einflussreichsten Musikergewerkschaft der Welt, hat man das Problem erkannt. Eine eigene Arbeitsgruppe zum Thema Lärmschutz wurde installiert, in der Verbandszeitschrift finden sich regelmäßig Artikel zu medizinischen Problemen von Musikern, und Mitglieder, die um Hilfe fragen, werden, so heißt es, an Ärzte der DGfMM verwiesen. Aber: Auch weiterhin ist Arbeitsschutz „nicht immer beliebt“, sagt Wolfgang Spautz, der Justiziar der Musikergewerkschaft, „die Bedeutung der Sache wird nicht immer erkannt. Das wird gerne verdrängt, weil es kostet.“

Trotzdem kann er von ersten Erfolgen berichten, vor allem den Lärmschutz betreffend. So wurde im vergangenen Jahrzehnt der Orchestergraben im Staatstheater Stuttgart unter wissenschaftlicher Begleitung umgerüstet, in Duisburg wird momentan umgebaut, in Koblenz gab es Messungen. Es mag „für das Thema sensibilisiert“ worden sein, aber die Mühlen im Kulturbetrieb mahlen langsam.

Anstatt die Belastungen für überbeanspruchte Musiker zurückzufahren, „verlangt die öffentliche Hand sogar noch mehr Dienste“, so Spautz. Viele Planstellen werden bei der angespannten Haushaltslage der Kommunen momentan erst gar nicht besetzt, an eine Vergrößerung der Orchester ist nicht zu denken. Stattdessen wurden in Berlin sogar die Ärzte eingespart, die früher während jeder Aufführung und jedem Konzert anwesend sein mussten, um bei Bühnenstürzen oder andern Unfällen sofort eingreifen zu können.

Musikern mag es an Solidarität untereinander mangeln, aber grundsätzliche Verbesserungen im Traumberuf sind so lange nicht zu erwarten, solange dieser Gesellschaft das Wohlergehen ihrer Künstler nicht etwas wert ist. In Zeiten, in denen die Schließung von Opern und Theatern diskutiert wird, ist die Situation von Musikern ein zu kleines Problem, um wahrgenommen zu werden.

„Musiker sind kleine Leute ohne große Lobby“, sagt Claudia Lotz, „die leben und sterben für ihren Job.“

So werden alle weiterleben. Viele von ihnen zusammen mit ihrem alten Freund, dem Schmerz.

Kontakt: Arbeitsgemeinschaft Musikermedizin, Seestraße 64, Osramhöfe, 13347 Berlin, 0 30/45 50 96-0, www.musikerambulanzberlin.de , musikerambulanz@web.de THOMAS WINKLER, 36, ist völlig unmusikalisch, aber hat seit Wochen ein unangenehmes Ziehen im rechten Handgelenk – vom Squash vermutlich