harald fricke über Shopping

Aufstieg in die Kombi-Generation

Es gibt sie also doch: die automobile neue Mitte, die im geleasten Fünfsitzer, blaumetallic, durch die Republik düst

Samstagnachmittags werden sie aktiv. Zwei Männer stehen um eine geöffnete Motorhaube herum, der eine fummelt an der Abdeckung für die Zündkerzen, wischt nervös mit einem Lappen über den Motorblock und redet ununterbrochen von Kilometerzahlen, die nicht mit denen auf dem Tacho übereinstimmen. Der andere steht nur stumm mit verschränkten Armen daneben. Nach einer Weile gibt er seinem Gegenüber die Hand und sagt in gebrochenem Deutsch: „Meister, das wird nix!“ Und dann lässt er den Besitzer des staubfarbenen Audi 80 mit dem „Baby an Bord!“-Aufkleber an der Heckscheibe in der Augusthitze stehen.

Samstagnachmittags werden Autos verkauft in Berlin. Um die Ecke, an jedem Straßenrand. Auf dem Parkstreifen an der Straße des 17. Juni im Tiergarten. Oder oben im Norden an der Beusselbrücke, da stehen die Wagen praktisch Spalier und warten bis zum Anbruch der Dunkelheit auf Kundschaft. Samstags erscheint auch das Kleinanzeigenmagazin Zweite Hand mit einem Extraheft für den „KFZ-Markt in Berlin und Brandenburg“. Liest man die Angebote, dann ergibt sich daraus das Bild einer Käuferschicht, die nicht so recht passen will zu der Vorstellung von Hauptstadt, Regierungssitz und neuer Ökonomie. Bei privaten Inserenten dominieren die Wagen der untersten Mittelklasse, vor allem Jahrgänge von 1991/92, und die Preise der meisten Autos liegen um die fünf-, sechstausend Mark. Kein Vergleich jedenfalls mit den oft gerade mal vier Autoseiten der FAZ, die am Wochenende mit supergünstigen Unfall-Chevrolets für 35.000 Mark lockt, mit allerlei Jaguars aus erster Hand oder Porsche-Oldtimern für Bastler. Anders als im Rhein-Main-Raum mag der durchschnittliche Berliner sein Jahreseinkommen offenbar nicht für einen Wagen investieren, an dem noch monatelang geschraubt und geschweißt werden muss, bis der TÜV das Prachtexemplar überhaupt abnimmt.

Aber was mag er dann? Jede Menge Volkswagen. Eine Armada aus metallic- oder dunkelblauen Passat-Variant-Modellen, am besten scheckheftgepflegt und mit Anhängerkuppelung. Die stehen zwar nicht im Angebotsteil der Wochenendbeilagen, aber praktisch auf jedem verfügbaren Parkplatz zwischen Pankow und Charlottenburg – als Neuwagen. Kein Auto begeistert den Berliner so sehr wie der gediegene VW-Fünfsitzer mit Gepäckraumabtrennung für den Hund oder die Kinder. Es gibt sie also doch, die automobile neue Mitte, nur eben noch nicht secondhand, sondern eher geleast, womöglich direkt in Wolfsburgs „Autostadt“. Das muss ein schönes Gefühl sein: Gerade noch Generation Golf gewesen, und nun schon aufgestiegen in die Kombi-Generation.

Als ich zehn Jahre alt war, wollte ich nur eins: den roten Ferrari 365. Wenn er beim Italienurlaub irgendwo am Straßenrand stand, mussten meine Eltern anhalten, damit ich das Traumauto fotografieren konnte. Leider hatte ich eine einfache Schwarzweißkamera, sodass die schöne Lackierung immer bloß grau aussah, wenn die entwickelten Fotos vom Labor zurückkamen. Aber es gab ja Autozeitschriften, Bausätze und jede Menge Quartette. Und dort tauchte mein Ferrari stets erst im achten Viererset unter den absoluten Supermodels auf: Kein Auto war dermaßen schnell von null auf hundert.

Ein paar Jahre später ging der erste Golf in Serie, für den sich damals allerdings niemand in meinem Bekanntenkreis interessierte. Wer etwas auf sich hielt, fuhr Peugeot 204, der cool aussah, ein wenig sogar wie die europäische Version eines Ford Mustang. Die ersten Autonomen kauften sich eine Ente, Kinder aus reichem Haus fuhren von der Steuer absetzbare Zweit-BMWs aus der Fünferserie, Kiffer kifften in einem alten Diesel von Daimler-Benz. VW fuhr eigentlich keiner, außer vielleicht Käfer, aber die waren viel zu oft kaputt, überall Rostschäden – und außerdem: Wer wollte schon ein Auto haben, das für Hitler erfunden wurde?

Heute heißen Käfer Beetles, und VW gilt als das Prestigeunternehmen des modernisierten Deutschland. Schröder ist damit Kanzler geworden, auch weil ihn die Generation Golf massiv gewählt hat. Enten dagegen sind von den Straßen verschwunden, nur in Mike’s Entenladen gibt es noch welche, weil Mike ein „Herz für alle Franzosen hat“, wie er in seiner Anzeige schreibt. Und Daimler-Diesel findet man auf dem Gebrauchtwagenmarkt sowieso nicht mehr. Die Kiffer von früher fahren jetzt Mountainbike oder haben mit dem Kiffen aufgehört, wegen der Gesundheit oder aus Rücksicht auf die Kinder hinten im neuen Variant. Manche von ihnen haben sich aber auch einen Volvo gekauft, den benutzen sie als Dienstwagen.

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