Am eigenen Erfolg erstickt?

Zu viel Stoff: Morgen wird beraten, wie es mit dem Lesbisch-Schwulen Pressearchiv weitergeht – und ob

Früher haben sie noch eine „Sektflasche aufgemacht, wenn wir in der bürgerlichen Presse erwähnt wurden“. Und sei es mit einem Artikel über „Deutschlands Mörderlesben“ oder darüber, „warum ‚Homos‘ nicht lieben können“: Einmütig wurden in ihr Klischees bedient, Stereotype reproduziert und Vorurteile wiedergekäut. Das Lesbisch-Schwule Pressearchiv hat all diese Erzeugnisse gesammelt, geordnet, archiviert – und einen Teil davon stellt es seit 1982 zu einer monatlichen Presseschau zusammen.

Diesem ehrenamtlich betriebenen Projekt droht nun die Auszehrung, vor allem die personelle. „Wir ersticken an unserem eigenen Erfolg“, sagt Klaudia Brunst, früher taz-Chefredakteurin und seit einem Jahr in dieser Gruppe zuständig für die Beobachtung der Medienberichterstattung über Lesben und Schwule. Wowereit, Homoehe – die beiden wichtigsten medialen Stichworte, die in den vergangenen Jahren die Berichterstattung über Homosexuelle stimulierten, haben zu einer Materialflut geführt, die nicht mehr zu bewältigen ist: „Agenturen haben wir schon nicht mehr im Blick“, so Harald Rimmele, seit Mitte der Achtzigerjahre fleißiger Chronist des medialen Blicks auf das Nichtheterosexuelle. Und fügt hinzu, dass „es zunehmend schwer wird, Dummheiten zu finden“.

Wobei es immer noch genügend Mist gebe, der in Blättern veröffentlicht wird, die nicht zur Gay Community gehören. „Aber die Diskussion um Homosexuelles ist allgemeiner geworden, nicht mehr überall schreit einen Ahnungslosigkeit an“, sagt Klaudia Brunst – viele Zeitungen sind inzwischen in der Lage, ihren Leserschaften die Debatte um Aids, um das Coming-out von Klaus Wowereit oder um die Homoehe sachlich, kontrovers und lebendig darzulegen.

Kein Furor mehr wie zu Zeiten des grünen Kindersexskandals, des Mordes am Schauspieler Walter Sedlmayer, der Denunziation des Bundeswehrgenerals Günter Kießling.

„Aber bestimmte Unterschiede sind geblieben, der zwischen Stadt und Land beispielsweise am stärksten“, sagt Rimmele. In vielen Provinzblättern dominiert wie ehedem das blanke Ressentiment: Schwule als klandestine Objekte, die bestenfalls im Zusammenhang mit Sex & Crime zum Thema werden – oder als schräge Zeilenfüller, wenn es um Foto-Unterschriften zum CSD geht.

Hervorgegangen aus der „Homosexuellen Aktion Westberlin“, deren Kombattanten Anfang der Siebzigerjahre begannen, Presse, Funk und Fernsehen zu schwulen Themen zu beobachten, hat nie eine Professionalisierung stattgefunden. Mit wechselnder Intensität arbeiten momentan elf Männer und Frauen beim Lesbisch-Schwulen Pressearchiv mit – ohne Vergütung, ohne Spesenkonto. 1.000 Mark kostet der Ausschnittdienst (mit gut 700 Exzerpten monatlich), der nötig ist, um wirklich alle Presseerzeugnisse im Blick zu behalten. Diese Summe wird vom Asta-Schwulenreferat an der Freien Universität Berlin bezahlt.

Sechs dieser elf Mitarbeiter wollen nun aufhören. Die meisten gehen auf die vierzig zu, viele machen diesen Job – vielfach ohne Anerkennung aus der Szene – seit sehr langer Zeit. Verschleiß- und Ermüdungserscheinungen sind da kaum zu vermeiden, zumal nicht mehr jede und jeder bereit ist, einen wesentlichen Teil der Freizeit für diese Arbeit zu opfern. Zum Jahresende, so haben sie erklärt, wollen sie mit ihrer Passion aufhören, und sie meinen diese Ankündigung ernst – das heißt, wenn bis dahin sich niemand findet, der die Lücken in der Betreuung des Archivs und der monatlichen Presseschau schließt, müsste das Projekt eingestellt werden.

Und das wäre schade: Die liebevoll begonnene und gepflegte Sammlung hätte keine Fortsetzung. Entfallen würde auch der zu abonnierende Überblick über Texte zu Homosexuellem. Es wäre nicht der erste Verlust eines autonomen Teils der politischen Schwulen- und Lesbenbewegung: Aber es wäre vermutlich einer der schmerzhaftesten. Denn was ist dieses Archiv und seine Presseschau anderes als ein wichtiges Gedächtnis der Bewegung? Harald Rimmele: „Man vergisst leicht, dass man vergisst.“