Die Taliban von NRW

Die CDU in Minden will eine Skulptur des Künstlers Wilfried Hagebölling entfernen. Der Skandal liegt hier in der Willkür, mit der die Politik Kunst für Wahlkampfzwecke benutzt

Wenn Minden Schule macht, werden kommunale Bilderstürmerei und Stammtischparolen bald mit der Kunst im öffentlichen Raum nach Belieben Schindluder treiben. Volkes Stimme (oder wer sich dafür hält) triumphiert mit ikonoklastischer Wut über die ungeliebte Kunst. Nichts wäre mehr sicher vor den Abräumkommandos der einen (oder der anderen) Partei.

Worum geht es bei dieser kulturellen Horrorvision? Im Mai 1987 wurde der Bildhauer Wilfried Hagebölling von der Stadt Minden eingeladen, im Rahmen der Landeskulturtage NRW ein „bleibendes (!) Kunstwerk im öffentlichen Raum zu erstellen“. Damals saß im Stadtrat eine SPD-Mehrheit. Der renommierte Paderborner Bildhauer, einer der wenigen in der Region mit nationalem Gewicht, setzte ein gut vier Meter hohes „Keil-Stück“ aus Stahl auf den räumlich verschluderten Martinikirchhof und zog ihm so, in sorgsamem Einklang mit der Denkmalpflege, neue Spannungen ein. Eine starke Skulptur, die – im Dialog mit den Quergiebeln der romanisch-gotischen Martinikirche – das Areal strafft und zuspitzt. Ein exakter Umfeldbezug, der nicht dekoriert, sondern mit einer Dynamik aus Korrespondenzen und Dissonanzen auflädt. Eigentlich ein Glücksfall für den abgesackten Parkplatz auf historischem Terrain.

Worin besteht also der Skandal? Gewiss nicht in der Skulptur. Nicht einmal im üblichen Leserbriefsturm, der direkt nach der Aufstellung das „Roststück“ wegfegen will. Skandalös ist, dass die CDU die „Rostlaube“ seit 1989 im Wahlkampf schamlos instrumentalisiert. Das Versprechen: „CDU Mehrheit in Minden – dann sorgen wir für die Entfernung des Keilstücks (Rostlaube) vom Martinikirchhof“! Weitere Verheißungen – ortsnahe Schulen, Kinderhorte, die Erneuerung der Trinkwasserversorgung – rangieren erst hinter diesem dringlichsten Bedarf. Die Kunst hat Priorität, ex negativo. Leider steht der Affront in bester CDU-Tradition. Ich erinnere mich, wie der Kandidat Biedenkopf direkt vor der großen Serra-Plastik „Terminal“ am Bochumer Hauptbahnhof in flammenden Reden den Abriss des rostenden Schandflecks ankündigte, für den Fall, dass ...

Im September 1999 wurde auch in Minden gewählt. Jetzt hat die CDU die Nase vorn. Seitdem gewinnt die Aggression an hinterhältiger Subtilität. Die Skulptur soll nun nicht einfach abgeräumt, sondern „versetzt“ werden. Das Argument des neuen Bürgermeisters Reinhard Korte, die Skulptur solle leichter zugänglich gemacht werden, lässt sich an bauernschlauem Zynismus kaum überbieten. Ein Gutachten, das die Stadt in Auftrag gibt, konstatiert zu Recht, dass die Versetzung einer Zerstörung gleichkommt. Wer um die Skulptur herumgeht, erkennt leicht, wie perfekt sie mit der Umgebung zusammenfugt.

Also engt sich die Stadt aufs juristische Nadelöhr ein und verfängt sich in Grauzonen zwischen Eigentums- und Urheberrecht. Als klar wird, dass die Versetzung ein rechtswidriger Eingriff ins Copyright des Künstlers wäre, setzt die CDU den Euphemismus „dem Publikum entziehen“ in die Welt. Der Fall verheddert sich endgültig zwischen populistischer Kirchturmpolitik und mangelndem demokratischem Stil, der Entscheidungen der Vorgänger nicht respektiert. Am 9. Februar 2001 weist das Bielefelder Landgericht die Unterlassungsklage des Künstlers zurück: Das „Gebrauchsinteresse“ des Eigentümers sei höher zu bewerten als das Urheberrecht. Hagebölling geht in Revision, so dass der Fall am 12. Juli vor dem Oberlandesgericht in Hamm noch einmal aufgenommen wird.

Was immer dieses ominöse „Gebrauchsinteresse“ sein mag – die Reversion zum Parkplatz? Der Schutz der Bürger vor rostendem Stahl? –, Verlierer ist schon jetzt die Stadt Minden. Verlierer ist aber auch die Kunst und mit ihr wir alle. Denn wenn jede Partei, kaum kommt sie ans Ruder, Vorgängerentscheidungen abräumt, wird der öffentliche Raum in Deutschland bald künstlerisches Brachland sein. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln! Was allemal bleibt, ist das Kartoffelfeld.