Die Revolte als Pose

Die bürgerliche Protestkultur ist im postideologischen Zeitalter endlich bei sich selbst angekommen. Als bourgeoise Boheme kultiviert sie einen Lebensstil, der höfischen Gepflogenheiten immer näher kommt. Aus langhaarigen Establishmentgegnern sind Konservative in Jeans geworden, die Mainstream und Subkultur zu einer geschmeidigen Allianz verbinden. Ein Auf- und Abgesang auf den modernen Weltbürger

Im Paradies sind alle glücklich. Es gibt keine Widersprüche mehr, keine Unterschiede, keine Kriege, keinen Mangel an nichts. Die politischen Grabenkämpfe gehören der Vergangenheit an, die Querulanten sind verschwunden, endlich, gelassen lehnt man sich mit einem guten Tropfen zurück und erfreut sich des längst verdienten Wohlstands – bei einem viergängigen Menü aus heimischen Produkten am Natursteinkamin im sonnigen Feriendomizil. Mit einem Rest schlechten Gewissens, vielleicht.

So sehen sie aus, die semiakrobatischen Verrenkungen zum Ausgleich ideologischer Restposten im Karneval des postideologischen Zeitalters. Ausgerechnet ein Konservativer hat sie nun in seiner „Comic Sociology“ zum Trend geadelt und für ihre Anhänger ein passgerechtes Modewort geschneidert. „Bourgeoise Bohemiens“ – kurz: „Bobos“ – nennt David Brooks, Leitender Redakteur des Washingtoner Weekly Standard und selbst erklärter Repräsentant der Bobokultur, die neue amerikanische Oberschicht. Und trifft mit seiner Beschreibung einer nunmehr etablierten Protestkultur auch hierzulande den Nerv. Auch wenn der Nerv nichts anderes als das flüchtige Phänomen des Zeitgeistes ist.

Die Bobos sind „Genies der Lebensläufe“, die „Kapitalisten der Gegenkultur“ – ein wandelnder Widerspruch. Auf wundersame Weise ist ihnen die Synthese zweier als unüberbrückbar gedachter Gegensätze gelungen: die von Bürger und Bürgerschreck, von Affirmation und Revolte. Spielend vereinen sie den wilden Freiheitsdrang der Protestbewegungen aus den Sechzigerjahren mit dem Unternehmerethos der Yuppies in den Achtzigern. Das Resultat ist ein Reich voller Zwitter, in dem Börsenmakler nicht mehr von Hippies zu unterscheiden sind. Zwar gab es in Deutschland keine nennenswerte Hippiebewegung und aufgrund anderer ökonomischer Bedingungen kein ausgeprägtes Yuppietum. Die Achtzigerjahre standen mit Nachrüstungsdebatte und Friedensbewegung noch weitgehend unter dem Einfluss der Siebziger. Erst nach 1989 lösten sich allmählich die starren Muster von rechts und links mitsamt den ideologischen und ökonomischen Verbindlichkeiten. Doch seither tappen alle im Dunkeln.

Die einzigen Schlagworte, die der Eigendynamik gesellschaftlicher Prozesse ein griffiges Etikett aufsetzen und politische Kontrolle suggerieren, sind nunmehr „Globalisierung“ und „Modernisierung“. Auf den Schnellzug in die Zukunft sind, nachdem sie fast den Anschluss verpasst hatten, inzwischen auch die Linken gesprungen und haben dabei die Rechten verdutzt auf dem Bahnsteig stehen gelassen. Auf der Höhe der Zeit zu sein, heißt in der Wissensgesellschaft permanente Revolution gegen das Gestern. Am besten man trimmt sich zum unternehmerischen Dauerbohemien. Der Preis freilich ist allseits Profilverlust: Im verzweifelten Kampf mit der Basis versucht man die Kluft zwischen dem Heute und Gestern zu kitten. Das Gestern erscheint im Heute allerdings in zwiespältigem Licht.

Zwar hat sich die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht modernisiert, aber die politische Substanz der ideologischen Kämpfe von einst findet sich dieser Tage, auf reine Rhetorik reduziert, eher in Managerbroschüren des neuen Unternehmertums und in den Werbekampagnen der Großkonzerne als in der Politik. Die Subkulturmentalität hat sich in die bourgeoisen Konferenzräume gerettet, und dort wird sie kultiviert: Dreißig Jahre nach Woodstock fühlen sich vor allem Manager und Firmenchefs als Avantgarde gegen den Status quo, als die eigentlichen Revolutionäre des Mainstreams. Denn nur das Neue, das Visionäre findet noch Absatzmärkte. Und was gestern noch hip war, ist heute schon out. Hirnlos rennt man der Zukunft entgegen, wer will schon mitten im Jungsein vergreisen? Besonders in den Wirtschaftsbereichen, die von den Eliten des Informationszeitalters dominiert werden, vertritt man die alternativen Protestlern wohl bekannten Ideologien: stetige Veränderung, größtmögliche Freiheit, jugendlicher Enthusiasmus, radikale Experimentierfreude, Ablehnung von Konventionen und Hunger nach Neuem.

Über den eigenen Tellerrand hinausblicken und jenseits der gängigen Normen denken, ist das Gebot der Stunde. Abschaffung von autoritären Firmenstrukturen zugunsten flacher Hiercharchien, Förderung von Eigenverantwortung und selbstbestimmtem Arbeiten lauten die Forderungen. Flexibilität bis zum Abwinken. Beständiges sucht man sich anderswo: materiell beim Möbelinventar im Landhausstil und emotional im neoromantischen Geschrei nach Familie, verkürzt um die ehemals erarbeitete Bereitschaft jedoch, privat und gesellschaftlich die notwendigen Eckdaten zur Verteilung der Geschlechterpositionen zu verhandeln.

Als Pose ist die Revolte gesellschaftsfähig geworden. Heutzutage ist es vorteilhaft, sich unkonventionell zu geben. Wer will schon den braven Vasallen mimen? Das gilt für die USA wie für die Bundesrepublik. Innovation und Unternehmertum tauschen die Ringe für eine geschmeidige Allianz. In den Staaten waren es die Clintons, die sich so ihr Profil gaben, in Deutschland haben sich Gerhard Schröder und Joschka Fischer mit ihrer bewegten Vergangenheit angepriesen, um zum Marsch in die neue Moderne zu blasen. Und selbst die CDU, im Wettlauf zurückgeblieben, versuchte sich verzweifelt im Rebellentum, als sie Friedrich Merz – jedoch vollkommen missglückt – mit den Insignien der Aufmüpfigkeit schmückte.

Das politische Angebot in dem ganzen Wirrwarr lautet: Neue Mitte – ein heilloser Spagat zwischen neoliberalen Wirtschaftsmodellen und ehemals linken Protestideen, die ästhetisiert oftmals längst zum Mainstream gehören. Es knistert allerorten im Gebälk, und fröhlich spielt man jenen Konsens, der noch gar nicht erzielt ist. Denn wer dazugehört und wer die Deutungskompetenz für die neue Ordnung erhält, wird gerade entschieden: über die Generationendebatte und die leichtfertige Rede von Gewinnern und Verlierern. Nur dass die Gesellschaft nicht darüber Rechenschaft ablegen mag, was sie mit den von ihr produzierten Verlierern zu machen gedenkt. Solidaritätsgedanken sind angesichts des verführerischen Eros der Macht offenbar nicht sexy genug. Wer kann, genießt das gute Leben.

Die meisten Angehörigen der neuen Elite in Amerika waren ursprünglich nicht auf Geld aus, es fiel ihnen im Zuge der ökonomischen Veränderungen fast in den Schoß. Hierzulande wird derzeit in mancher Branche reichlich Geld verdient, privat wird viel geerbt. Dem nonkonformistischen Denken bleibt man treu, hinzu kommt das nötige Kleingeld für ein hedonistisches Leben. Und nach verlängerter Adoleszenz will man verspätet, dafür aber umso dringlicher schließlich doch den Segen der Bürgerlichkeit: gesellschaftliche Anerkennung und materiellen Wohlstand. Aus langhaarigen Establishmentgegnern sind „Konservative in Jeans“ geworden.

Nonkonformismus in der Neuen Mitte verlangt nach einer Kultivierung der eigenen Schizophrenien, einer Akrobatik des einenden Widerspruchs. Doch hinter diesem Seiltanz lauert die Angst, sich verkauft zu haben. Denn viel von der Alternativkultur erhält sich nur noch im spezialisierten, hoch professionalisierten Consumertum. Man kauft nicht protzig, man kauft nützlich, aber trotzdem teuer. Kultivierte Menschen geben Unsummen für ein Badezimmer, eine überdimensionierte Dusche aus Kiefer, Sandalen mit „expeditionstauglichen Schnallen und Hochleistungslaufflächen“ und das neueste Offroad-Outfit aus. Absolute Endorphinausschüttungen stellen sich jedoch bei der Ausstattung der Luxusküche ein. Die neuen Kochreiche erinnern eher an „Flugzeughangars mit Installationen“ und „sofort ins Auge springt ein vernickelter Atomreaktor“, der sich erst bei genauerem Hinsehen als Herd entpuppt.

„Fitnessclubs und Museen sind die Kapellen und Kathedralen“ dieses Zeitalters, weil sie für sinnliche Befriedigung in stilvollem Ambiente sorgen. Und beim Urlaub zählt Idylle. Der Drang nach Wissen lässt sich umstandslos mit einem Sommerhaus im Grünen in Einklang bringen. Die Reisedevisen werden zum Persönlichkeitskapital, man will andere Leben anprobieren. „Boboreisende wollen wegkommen von ihren satten karrieregetriebenen Ichs in eine spirituell überlegene Welt eintauchen, die von der weltweiten Leistungsgesellschaft noch unberührt ist. Bobos finden Geschmack an Menschen, die ‚zu leben verstehen‘ – an Menschen, die Folklorekunst anfertigen, Sagen erzählen, Volkstänze aufführen und Volksmusik hören, an allen Eingeborenen, weisen Wilden und souveränen Handwerkern.“

Der Mensch ist flexibel, die Werte sind dehnbar, Konflikte gibt es keine, darüber gießt man selig lächelnd die Harmoniesoße, schließlich ist man offen und tolerant und verständigt sich schnell über die richtige Marke für die Ausrüstung beim nächsten Out-doortrip. Man ist ja unter seinesgleichen. Und wenn einer aus der Riege verschwindet, weil er einen Karriereknick zu verschmerzen hat – laut Brooks die Urangst der neuen Elite –, lädt man ihn halt nicht mehr ein. Leute, die gar keine Arbeit haben, gehören ohnehin nicht dazu. Pech gehabt, das Spiel ist hart, aber herzlich. Und wie bei jedem Spiel gibt es Gewinner und Verlierer. Das Paradies ist schließlich nicht für alle zu haben.