zwischen den rillen

Die Pitbulls des Rap: D12 und M.O.R.

Image ist alles

Authentizität war einmal sehr wichtig im HipHop-Kosmos. Rap war die Stimme der Straße, und um dort akzeptiert zu werden, musste die künstlerische Person der realen Person möglichst nahe kommen. Erfüllte ein Künstler diese Anforderung, galt er als authentisch bzw. „real“. Wer nicht „real“ war, war in der Gemeinschaft unten durch.

Spätestens seit HipHop jedoch Pop geworden ist, ist es vorbei mit der „Realness“. Rap wendet sich längst nicht mehr an ein eingeweihtes Spartenpublikum, sondern an einen weltweiten Massenmarkt. Pop als Massenware verkauft sich aber nur über Images. Nicht die Person ist wichtig, sondern die Inszenierung.

Das beste Beispiel, dass dieses Denken auch in das HipHop-Business Einzug gehalten hat, ist Marshall Mathers alias Eminem.

Der „böse weiße Junge“ der Rapmusik wird ja nicht müde zu betonen, dass die politisch absolut unkorrekten Texte seiner Raps das Ergebnis einer künstlerischen Persönlichkeitsspaltung sind. Die Kunstfiguren Eminem und Slim Shady hätten mit dem echten Marshall Mathers nur wenig gemein.

Wie gut er das Spiel mit den Images verstanden hat, beweist auch die ironische Auseinandersetzung mit seiner Rolle als Enfant terrible auf der „Grammy“-gekrönten „Marshall Mathers LP“. Zusammen mit seiner Gruppe D12 dreht Eminem das Spiel mit den multiplen Identitäten jetzt noch ein paar Windungen weiter.

Mit „Devil’s Night“ hat das „dreckige Dutzend“ aus der Autostadt Detroit ein völlig übertriebenes, von schwarzem Humor strotzendendes Gangster-Rap-Opus aufgenommen. Auch wenn „Devil’s Night“ weniger selbstreflexiv ist als Eminems Soloalben, eines wird auch bei D12 sofort deutlich: Das „Böse Buben“-Image ist von vornherein kalkuliert.

Wie ihr erfolgreichstes Mitglied es vorgemacht hat, so haben sich auch die fünf weiteren Rapper der Gruppe (übrigens ohne Ausnahme schwarz) eine zweite Persönlichkeit geschaffen. Unter diesen Alter Egos erzählen und schwärmen sie von all den Dingen, die den amerikanischen Albtraum ausmachen: Drogen, Waffen, Gewalt.

„Devil’s Night“ ist eine tiefschwarze Ghetto-Oper voll überdrehter Charaktere, nur ohne Plot.

D12 sind noch dazu so frech, sich mit Klassikern des Pop-Musicals wie Pink Floyds „The Wall“ auf eine Stufe zu stellen. „Devil’s Night“ enthält wie das Meisterwerk von Roger Waters und Kollegen seinerzeit mit „Another Brick in the Wall“ eine Hymne gegen das Erziehungssystem.

„I don’t wanna go to school, I don’t need no education“ heißt es im Refrain von „Revelation“, und Eminem erklärt den Kids an seinem Beispiel, dass man es auch ohne Schulabschluss weit bringen kann: „Now look at [me], a fuckin drop-out that quits, stupid as shit, rich as fuck and proud of it.“

Musikalisch haben D12 unter tatkräftiger Mithilfe von Dr. Dre das klassische HipHop-Schema längst verlassen. Während sie auf Songs wie dem erwähnten „Revelation“ gekonnt Rockcrossover (inklusive Gitarrensolo) betreiben, integrieren sie auf dem Rest des Albums Elemente wie Mundharmonika (auf der Drogenhymne „Purple Pills“) und Falsettgesang.

Wenn Eminem auf dem Midtempo-Funk-Stück „Blow My Buzz“ mit Oberstimme singt, erinnert das gar nicht mehr so entfernt an Prince.

Vom Crossover-Appeal der Truppe um Eminem können M.O.R. aus Kreuzberg dagegen nur träumen.

Trotzdem verbindet die selbst ernannten „Masters of Rap“ so einiges mit D12. Hat es doch der Kopf der Gruppe, der Rapper Kool Savas, geschafft, in Deutschland einen ähnlichen Diskurs um Gewalt und Homophobie im Rap loszutreten wie Eminem auf der anderen Seite des Atlantiks. Savas und Konsorten begreifen Rap vor allem als Kampf mit rhetorischen Mitteln.

Battle Rap, der Wettstreit der MCs um die Rapkrone, ist für sie die ursprünglichste HipHop-Disziplin. Deswegen beanspruchen sie auch für sich, als Einzige authentisch zu sein, wenn sie auf ihrem Album „NLP“ (steht für „Neuro-Linguistische Programmierung“) in jedem einzelnen Track behaupten, die übrigen deutschen Rapper seien „schwul“ und nicht „real“.

Auch wenn sie selbst das anders sehen sollten: M.O.R. fahren gut mit dem Image, die Pitbulls des DeutschRap zu sein. Würde Savas nicht „permanent den Dicken machen“, bekämen die Westberliner nur halb so viel Aufmerksamkeit.

Die elementare Regel des Marketings, die auf beiden Seiten des Atlantiks gilt, haben auch sie begriffen: „Content is nothing, image is everything.“

DANIEL FERSCH

D12 „Devil’s Night“ (Interscope/Universal); M.O.R. „NLP“ (Royal Bunker/Groove Attack)