Wenn die Wirklichkeit nicht real ist

Udo Ulfkotte verspricht Einblicke in die „(Des-)Informationsmaschinerie“ der Journalisten. In Bezug auf sich selbst ist ihm das sehr gelungen

Die Einleitung hat sich der Autor gleich geschenkt, ersatzweise lässt er die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann mit einem Zitat programmatisch zu Wort kommen. „Was Sie heute in den Köpfen der Menschen finden, ist oft gar nicht mehr die Realität, sondern eine von den Medien konstruierte, hergestellte Wirklichkeit.“ So weit, so richtig. Und etwas hergestellt hat der FAZ-Journalist Udo Ulfkotte auch: ein Buch über die Lügen der Journalisten. Marktschreierisch verspricht der Klappentext: Das Buch verschaffe „mit seinen teils schockierenden, teils skurril-amüsanten Beispielen sowie seinen gründlich recherchierten Hintergrundfakten einen Einblick in die moderne (Des-)Informationsmaschinerie“. Wenn es nur so wäre.

„Blut aus der Ketchup-Flasche“ ist ein Kapitel über den Fernsehfälscher Michael Borm betitelt. Zu vier Jahren Haft wurde der im Dezember 1996 verurteilt, weil er zahlreiche Fernsehsender mit frei erfunden Berichten beliefert hatte. In ihnen knallten schon mal herzlose Jäger kleine, niedliche Katzen ab, oder durchgeknallte Autonome buddelten die Urne des verstorbenen Neonaziführers Michael Kühnen aus. Als Borm aufflog, wurde endlich einmal über Arbeit und Seriosität der Medien öffentlich diskutiert. Borm, so resümiert Ulfkotte vollkommen zur Recht, „war lediglich ein winziges Rädchen in einem Mediengetriebe, das seinen inhaltlichen Aufwand stetig verringert, damit das Publikum die Ware Nachricht immer schneller konsumieren kann. Seine Verurteilung war eigentlich auch eine Verurteilung seiner Abnehmer.“ Das führt eigentlich zu der Frage, welche Konsequenzen aus dem Vorfall Borm gezogen werden müssten. Wie etwa sichert sich eine Redaktion gegen derart dreist lügende Kollegen ab? Wann wird journalistische Ethik und Sorgfaltspflicht verletzt? Diesen Fragen geht Ulfkotte jedoch nicht nach.

Er präsentiert vielmehr ein schwer verdauliches Sammelsurium von „echten“ Falschmeldungen, von überzogenen Einschätzungen und mangelnden Recherchen, von Flüchtigkeitsfehlern und von politisch lancierten Berichten. Lügen wie im Fall Borm verhandelt er auf gleicher Ebene wie etwa einen umstrittenen Fernsehbericht des ZDF-Magazins „Frontal“, in dem der Autor tendenziös über eine weit verbreitete Ostalgie in der Grenzstadt Frankfurt an der Oder berichtet. Eine Geschichte jagt ohne jeden Zusammenhang die andere: vom Kosovokrieg über russische Metzeleien in Tschetschenien, den Untergang der „Kursk“ bis hin zu Falschmeldungen über vergiftete Babynahrung.

Der Autor kritisiert an anderer Stelle auch die Blindheit US-amerikanischer Medien in Afrika – da kennt er sich aus: Afrika ist neben Geheimdiensten das vorwiegende Arbeitsgebiet von Ulfkotte bei der FAZ. Bemerkenswertes dazu ist in Fußnote 136 zu lesen: „Nicht unterschlagen möchte der Autor, dass er sich nach einer Nigeria-Reise, die er gemeinsam mit Kollegen von der WAZ, der Welt und der Süddeutschen Zeitung 1996 unternahm und bei der alle auch in einem von Shell bezahlten Hubschrauber saßen, juristisch gegen den Vorwurf eines Journalisten und Anti-Shell-Aktivisten wehrte, er habe sich mit seiner Berichterstattung ‚prostituiert‘ und sei von Shell ‚geschmiert‘ worden.“ Dass er den Prozess vor dem Kölner Verwaltungsgericht jedoch im Juli 1997 verlor, versteckt Udo Ulfkotte in der Fußnote elegant.

„So lügen die Journalisten“ ist nicht nur höchst überflüssig. Es ist der Beleg einer dreisten Skrupellosigkeit. Schon im Juli 1997 hatte Ulfkotte sein Buch „Verschlusssache BND“ vorgestellt. „Brisanz pur“ versprach er damals, er berichtete unter anderem: Der frühere Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, hat keineswegs Selbstmord begangen. Er wurde ermordet, der Geheimdienst wisse das. Oder: Die Ukraine erpresse die Bundesrepublik mit der Drohung, radioaktiv verseuchtes Haschisch auf den Markt zu werfen. Die Meldungen waren Enten. Ja, so lügen Journalisten.