Ein Kaufhaus ist auch nur ein Kaufhaus

Aber die drei Buchstaben KaDeWe besitzen noch immer besondere Ausstrahlung. Über die Realisierung eines Shopping-Traums. Eine Kurzgeschichte

Vor einem Jahr beschloss ich, eine Tageszeitung zu abonnieren. Ausschlaggebend für den Berliner Tagesspiegel war schließlich der 200-Mark-Gutschein fürs KaDeWe. Die Summe interessierte mich nur am Rande. Aber diese drei Buchstaben, KaDeWe, gehörten für mich zu einer anderen Welt, so fremdartig und unzugänglich wie das Gehirn meiner Frau.

Ich kannte das berühmte Kaufhaus nur vom Hörensagen. Ein Palast muss das sein, so stellte ich mir vor. Am Eingang reißt ein goldbetresster Page die Tür auf, und es gibt Champagner und Lachshäppchen zur Begrüßung. Nur Ölscheichs und Popstars, so dachte ich, konnten es sich leisten, dort einzukaufen. Und jetzt ich! Ins KaDeWe! Der Gutschein war meine Eintrittskarte in das glitzernde und funkelnde Paradies. In meinem Kopf spukte dieser Spruch herum, der irgendwas mit Rudi Carrell zu tun hatte: „Eben noch bei Netto in der Schlange, jetzt im Kaufhaus des Westens!“

Lange hatte ich mich nicht getraut, aber die Frist für den Gutschein war fast abgelaufen. Eingerahmt und hinter Glas hing er in unserer Küche. Ich hatte meine Frau angewiesen, das Glas zweimal täglich abzuwischen, und hinter der blitzsauberen Fassade umgab den Gutschein eine magische und glanzvolle Aura. „Nur ein Stück Papier!“, versuchte mir eine Stimme in meinem Kopf einzureden, aber die Stimme hatte doch keine Ahnung. „Soll ich ihn überhaupt einlösen?“, fragte ich mich. Und: Was kriegt man wohl für 200 Mark im KaDeWe? Vielleicht ein halbes Mischbrot? Gab es dort so etwas Profanes überhaupt? Natürlich würden wir es nicht essen. Ob nun Brot oder golddurchwirkter Badeschwamm, was man halt kriegt für 200 Mark im KaDeWe, das gute Stück kommt in die Glasvitrine. Wir haben sie vor einer Woche extra gekauft und so gestellt, dass die Nachmittagssonne schräg darauffällt und sie in ein goldenes Licht taucht.

Das Dreier-Sofa mussten wir dafür wegschmeißen, es passte vom Stil her einfach nicht dazu. Aber wenn es um eine große Sache geht, dann muss man auch opfern können. Die Kleiderfrage war auch schon gelöst, zum Glück hat meine Frau daran gedacht. „Glaubst du, die lassen dich so da rein“, hatte sie gefragt. So besorgten wir uns beim Kostümverleih einen Anzug mit Krawatte für mich und ein schwarzes Samtkleid für meine Frau.

Als wir dann frisch gebadet und rasiert mit dem gemieteten Rolls-Royce vorfuhren und der Chauffeur meinte, wir wären da, guckte ich verständnislos. „Was denn, der graue Betonklotz, wolln sie uns aufn Arm nehmen?“ Aber da stand es tatsächlich, in großen Lettern: KaDeWe. Meine Frau fing an zu weinen. „Warte ab, beruhigte ich sie, „überleg doch mal, wie seh ich denn normalerweise aus?“ „Wie ’n Penner!“, sagte meine Frau. „Genau, und wie bin ich hier drin?“, fragte ich und pochte mit der Faust auf die Stelle, wo mein Herz schlägt. „Ein ganz lieber Mensch! Ach ja, jetzt weiß ich, was du meinst.“

Doch dieser letzte Strohhalm, an den wir uns klammerten, erwies sich als zu kurz. Die Tür mussten wir selbst aufmachen, und niemand kam uns zur Begrüßung entgegen. „Is wie Kaufhof“, meinte meine Frau, als wir uns drinnen umsahen, und ich musste ihr Recht geben. Der einzige Unterschied war, dass man beim Rolltreppenfahren nicht immer zur gegenüberliegenden Seite laufen musste, um weiterzufahren. Aber nach dem wir ein paarmal hoch und runter gefahren waren, hatte auch dieser kleine Trost seinen Reiz verloren. Ziemlich lustlos tauschten wir dann unseren Gutschein gegen ein stinknormales schnurloses Telefon, das ich für denselben Preis auch schon im Media-Markt gesehen hatte. Ich glaube, wir werden es sogar benutzen.