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Mörder des Jahres

„The Face of Terror“ – so nannte das Time-Magazine Timothy Mc Veigh 1997 während des Prozesses um den Anschlag von Oklahoma City. Eigentlich sollte Mc Veigh heute durch die Giftspritze hingerichtet werden. Eine Panne beim FBI ermöglicht Mc Veigh einen einmonatigen Aufschub – und den Medien zusätzliche Schlagzeilen, Sondersendungen und Porträts ihres Lieblingsverbrechers.

Der Wirbel in den internationalen Medien um den einstigen Vorzeigesoldaten, der zum regierungshassenden Terroristen mutierte, gipfelte im vergangenen Monat in der Debatte um die Live-Übertragung seiner Hinrichtung. Weil nur Angehörige der Opfer von Oklahoma in den Genuss der Videobilder eines sterbenden Mc Veigh kommen sollten, klagte eine Internetfirma, ohne Erfolg, auf die Freigabe der Bilder. Dass Mc Veigh jetzt noch einen Monat länger am Leben bleibt, kommt vielen Medienvertretern sicher recht. Zu schön ist die Inszenierung von Faszination und Ekel angesichts eines Mannes, der 168 Menschenleben auf dem Gewissen hat.

Schon damals, gleich nach dem Anschlag und während des Prozesses, war Mc Veigh ein Medienstar. Einzelheiten beschreiben die Journalisten Lou Michel und Dan Herbeck in ihrem Buch „American Terrorist“. Schon bei der Auswahl des Gebäudes, das Mc Veigh in die Luft jagen wollte, spielten die Medien, noch indirekt, eine Rolle: Der „amerikanische Terrorist“ wählte das Murrah Building unter anderem aus, weil vor dem Gebäude eine große Freifläche war. Mc Veigh wollte, dass die Fernsehteams genügend Platz haben und gute Bilder von der Zerstörung bekommen. Schlagartig berühmt geworden, bekam Mc Veigh haufenweise Briefe ins Gefängnis – darunter auch Heiratsangebote aus Deutschland. Newsweek bekam ein Interview und auch bei „60 Minutes“ war Mc Veigh zu Gast. Das Time-Magazine nominierte Mc Veigh 1995 für den Titel „Man of the Year“ – eine Würdigung für die Person, die den größten Einfluss auf die Nachrichten, gute oder schlechte, hat.

Sollte es jetzt nach der Panne des FBI eventuell sogar zu einer Neuverhandlung des Falls kommen, dürfte der Terrorist wieder zu den Anwärtern des Titels für dieses Jahr zählen. Und die auf Rache sinnenden Amerikaner müssten sich noch eine Weile gedulden. JAN FUHRHOP